Allgemein, Asien, Australien, Deutschland, Europa, Marathon, USA

Mein Marathonjahr 2019

Das Jahr 2019 neigt sich dem Ende und dennoch wird dies vermutlich einer der spätesten Jahresrückblicke sein, die man zu sehen bekommt. Manchmal könnte man meinen, dass insbesondere einige Fernsehsender mit der Schokoweihnachtsindustrie im Wettstreit stehen, wer sein Arbeitsergebnis früher der Öffentlichkeit präsentiert. Von dieser Seite aus betrachtet, darf ich mich wohl als Sieger fühlen: Es wurden noch keine Schokoosterhasen im Supermarkt gesichtet.

Januar bis März: Eisenmangel und mentale Herausforderungen

Nachdem ich Mitte 2018 diese Blog gestartet hatte, und sowohl beim Graz Marathon als auch zwei Monate später beim Pisa Marathon jeweils unter 3 h 30 min gelaufen war, ging ich mit einer gewissen Euphorie in das Laufjahr 2019. Jeder kennt vermutlich dieses Gefühl, wenn man glaubt, dass es ewig so weitergehen könnte und gleichzeitig weiß ich nach über 20 Jahren sportlicher Erfahrung, dass genau diese Momente gefährlich sind. Über kurz oder lang wird man immer mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden. Die Frage ist nur, ob man kommende Probleme rechtzeitig selbst erkennt oder von diesen überrascht wird. Bei mir war es eine Mischung aus beiden.

Der erste Marathon des Jahres 2019 sollte für mich in Dubai stattfinden. Die Strecke der Vereinigen Arabischen Emirate ist aus ästhetischer Perspektive keinesfalls eine Empfehlung. Wie ich auch im damaligen Erfahrungsbericht schrieb, fühlte mich in gewisser Weise wie ein Läufer zweiter Klasse. Dennoch handelt es sich um den schnellsten Marathon der Welt, wenn man die Ergebnisse der vorne platzierten Elite-Läufer berücksichtigt. Während in Deutschland die Augen auch in diesem Jahr auf Berlin lagen und sicherlich auch Frankfurt zur Bestzeit nicht „Nein!“ sagen würde, investieren die Veranstalter des Dubai Marathons nicht nur Startgeld in den Traum vom Weltrekord. Ich bleibe dabei, dass Dubai ein heißer Kandidat auf den Weltrekord ist, auch wenn in Deutschland viele Menschen das (unspektakuläre) Rennen vermutlich weniger auf dem Schirm haben werden.

Einen Monat später gab es dann den ersten Dämpfer. Nachdem ich in Dubai bereits mit einem ungeplanten Einbruch im Rennen zu kämpfen hatte, wurden meine Trainingszeit zunehmend schlechter und ich hatte mit ernsthaften Wadenproblemen zu kämpfen, die mich sogar zum Abbrechen von Einheiten zwangen. Ich war zunächst ratlos, reiste aber dennoch zum bis heute exotistischen Marathon nach Indien um gemeinsam mit einer Vielzahl Einheimischer in Neu-Delhi an den Start zu gehen.

Ich weiß noch, wie mir zwischen all den Indern ein älterer, offensichtlich europäischer Herr im Bayerntrikot auffiel, der scheinbar ebenfalls den langen Weg nach Indien auf sich genommen hatte. Monate später hatte ich durch Zufall festgestellt, dass derselbe Mann auch in Dubai mit mir am Start war und auf der Seite marathonpapa.de seine unzähligen Marathons dokumentiert. Das sind diese Momente, in denen meine Reise in 80 Marathons um die Welt mir selbst fast schon lächerlich vorkommt.

Ich selbst habe den Neu Delhi Marathon in guter Erinnerung, auch wenn die Strecke keine erinnerungswürdigen Highlights geboten hatte. Aber es passte alles und insbesondere die Medaille war besonders liebevoll gestaltet. Darüber hinaus hielt meine Wade durch und ich konnte das Rennen entgegen meiner Befürchtungen gut zu Ende bringen. Doch warum hatte ich die angesprochenen Probleme? Wie sich herausstellte, hatte ich die Folgen eines Eisenmangels durchs Laufen zu spüren bekommen. Nachdem mein Wert Ende 2018 bei meiner ersten Blutuntersuchung als Läufer schon nicht sonderlich gut war, muss diese sich in den darauffolgenden Wochen weiter deutlich verschlechtert haben, so dass ich die entsprechenden Konsequenzen als Rechnung erhielt.

Glücklicherweise konnte dieses körperliche Problem leicht gelöst werden. Dennoch oder gerade weil meine Aufmerksamkeit allerdings der Problemfindung gewidmet war, sah ich die nächste Komplikation nicht kommen. Ursprünglich war im März 2019 die Teilnahme am Jerusalem Marathon geplant, doch wie ich damals schon schrieb, flog das Flugzeug ohne mich in die israelische Stadt. Ich war schlichtweg vom ungewohnten Reisen ein wenig ausgebrannt. Mental, nicht körperlich, was ich in dieser Form schlichtweg bis dahin nicht kannte.

April bis Juni: 4 Marathons in 10 Wochen

Doch nach jedem Tief kommt ein Hoch und so ging es im April zum bereits vierten Mal beim Hannover Marathon auf die Strecke. Nachdem ich im Jahr zuvor bereits knapp an den 3 h 30 min gescheitert war, ging ich mit ein wenig Erwartung an das Rennen heran. Ich liebäugelte mit einer neuen Bestzeit, auch wenn ich zwei Tag zuvor noch alles andere als fit war. Während ich die ersten Kilometer noch gut in der Zeit lag, musste ich am Ende wie schon in Dubai den heißen Temperaturen Tribut schulden, so dass ich die (für mich) magische Grenze um 42 Sekunden verpasste. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es noch einmal deutlich knapper werden sollte.

Dennoch ging es mir körperlich und geistig wieder gut, so dass die große Herausforderung des zweiten Quartals insbesondere in der Frequenz der Rennen lag. Nach Hannover ging es noch im selben Monat in Hamburg auf die Strecke, worauf schließlich der Vivawest Marathon im Ruhrpott sowie der Luxemburg Marathon 2019 folgten. Vier Marathons innhalber von zehn Wochen wären Monate zuvor noch eine unvorstellbare Leistung für mich gewesen, aber wie so oft in den letzten 1,5 Jahren verschoben sich die Maßstäbe immer wieder.

Dennoch war Luxemburg bis heute der langsamste Marathon, den ich dennoch unter vier Stunden ins Ziel brachte. Dies lag allerdings weniger an der für mich ungewohnt schnellen Aneinanderreihung der Rennen, sondern vielmehr an der Veranstaltung selbst: Im Gegensatz zu üblichen Rennabläufen startete man in Luxemburg am Nachmittag bei brennender Sonne, um schließlich in die Nacht hineinzulaufen und das große Finale ähnlich wie in Frankfurt in einer Halle erleben zu dürfen. Müsste ich eine Marathon Top 5 festlegen, wäre der Lauf im kleinen Großherzogtum ein heißer Kandidat auf einen Platz.

Juli bis September: Wechselbad der Gefühle

Nachdem Marathon Nummer 10 bis 14 direkt vor der Haustür oder zumindest in unmittelbarer Nähe stattfanden, sollte im Juli die bisher längste und gleichzeitig anstrengendste Reise folgen. Der Gold Coast Marathon in Australien war mein vierter Kontinent, auf dem ich die 42,195 km in Angriff nahm und stellt für mich immer noch mein bisher härtestes Rennen dar.

Obwohl ich das Rennen einige Minuten schneller als in Luxemburg beenden konnte, war der Lauf an der Südostküste Australiens insbesondere mental eine Prüfung. Während des Rennens konnte ich zum Ende hin phasenweise keine 500 Meter mehr am Stück laufen und nachdem ich kurz zuvor bereits im Urlaub in Dänemark ungeplant eine lange Einheit abbrechen musste, hatte ich ernsthafte Zweifel, ob ich meinem Körper nicht zu viel antun würde.

Das anschließende Rennen in San Francisco lief unter diesen Umständen nur zwei Wochen später umso besser. Trotz deutlich größerer Höhenunterschiede blieb ich nicht nur erneut unter vier Stunden, sondern erlebte auch mein bisheriges Marathonhighlight. Auch Ende 2019 kann ich mit voller Überzeuge sagen: Wer einen Marathon im Ausland laufen will, sollte sich den San Francisco Marathon genauer anschauen!

So abwechslungsreich und schön die Strecke in den USA war, so ernüchtern war hingegen das folgende Rennen beim Reykjavik Marathon. Wenn ich an Island denke, hatte zumindest ich bis dahin Mondlandschaften und beeindruckende Natur in Gedanken. Diese bekam man auf dem Weg vom Flughafen zur isländischen Hauptstadt durchaus zu sehen, doch der Reykjavik Marathon selbst führte lediglich durch die völlig unspektakulären Straßen der nördlichsten Hauptstadt Europas.

Ich weiß nicht, ob die isländische Tristesse ihren Teil dazu beitrug, aber nachdem dies der 13. Marathon innerhalb von 12 Monaten war, den ich unter vier Stunden beendete, fragte ich mich auch öffentlich im Blogbeitrag, ob ich im Rahmen der Reise auf dem richtigen Weg sei. Man kann vermutlich nur ahnen, wie groß die Zweifel in mir zeitweise waren, bevor ich diese bereit war auch im Blog auszusprechen. Ich fühlte mich körperlich ausgebrannt, war nicht fit und wußte anfangs nicht, woran es lag. Umso erleichternder war die Lösung meines Problems: Ich hatte zu wenig Schlaf.

Nicht nur ein paar Tage oder ein paar Wochen, sondern seit Monaten sank die durchschnittliche Dauer meiner nächtlichen Ruhe, wie ich dank meines Fitnesstrackers nachvollziehen konnte. Die bewusste Verlängerung meiner Nachtruhe brachte quasi sofortige Besserung und so lief ich beim Berlin Marathon ein zweites Mal im Jahr 2019 an die 3 h 30 min heran… und verpasste sie diesmal um 9 Sekunden. Dennoch war ich froh, zu alter Frische zurückgefunden zu haben und ging hoch motiviert in meine Herbstsaison 2019.

Oktober bis Dezember: Bodybuilding, Powerlifting und Marathon Nummer 21

Zwei Wochen nach Berlin wartete das – insbesondere im Nachhinein – eigentliche Highlight des sportlichen Jahres 2019 auf mich. Nachdem ich in der Woche des San Francisco Marathons meine Diät begonnen hatte, stand ich beim Natural Bodybuildingverband GNBF auf der Bühne und erreichte in einem Feld von 14 Teilnehmern den unerwarteten dritten Platz… nur um einen Tag später beim Köln Marathon an den Start zu gehen.

Innerhalb von 24 Stunden setzte ich somit den Balanceakt zwischen, völlig dehydriert auf der Wettkampfbühne zu stehen, und anschließend die volle Marathondistanz zu laufen, um. Erneut schaffte ich es das Rennen unter vier Stunden zu beenden, wobei die körperliche Herausforderung insbesondere in der Kreislaufbelastung nach dem Bodybuildingwettkampf am Vortag lag. Weitere zwei Wochen später holte ich mir dann im dritten Anlauf eine Zeit von unter 3 h 30 min.

Mitten in der Nacht ging es in München beim Bestzeitmarathon am Tag der Zeitumstellung 20 Runden im Kreis, was am Ende mit einer 3 h 27:45 min belohnt wurde. Keine persönliche Bestzeit, aber ein mehr als zufriedenstellendes Ergebnis – insbesondere nach den Zweifeln wenige Wochen zuvor. Getoppt wurde dies nur wenige Wochen später beim Philadelphia Marathon, der ähnlich wie der Lauf in Luxemburg einen Platz in meiner aktuellen Top 5 verdient hätte. Neben den Eindrücken der Stadt und der bisher wohl schönsten Medaille konnte ich mit 3 h 26:36 min eine neue Bestzeit erreichen, mit der ich in keiner Weise gerechnet hätte, zumal ich in der Zeit nach dem Marathon in München noch beim Powerlifting und ein zweites Mal im Bodybuilding gestartet war.

Die positiven Eindrücke der letzten Läufe führten schließlich dazu, dass ich mich doch noch für einen letzten Lauf im Jahr 2019 entschied, den ich erstmals auch mit einem kleinen Urlaub verband. Der Lanzarote Marathon auf der spanischen Insel war mein zehnter Länderpunkt und gleichzeitig ein absolut empfehlenswertes Ereignis. Wer im Dezember den kalten Temperaturen entfliehen will und einen professionell organisierten Marathon, der dennoch nicht überfüllt ist, sucht, wird zumindest 2020 sicherlich noch in Lanzarote goldrichtig sein. Über kurz oder lang würde es mich aber nicht wundern, wenn das Rennen zunehmend größer werden würde, zumal die Teilnehmerzahlen zuletzt bereits kontinuierlich anstiegen.

2019: Was bleibt?

Die vergangenen 12 Monaten brachten mich nur 14 Marathons näher an das thematische Ziel diese Projekts, sondern waren auch so intensiv und lehrreich wie kaum eine andere Phase in meinem sportlichen Leben. Ich wäre immer noch nicht bereit, mich als Marathonläufer zu bezeichnen, dafür trainiere ich schlichtweg auch zu unspezifisch.

Vor über einem Jahr fragte ich allerdings, ob man einen Marathon mit Genuss laufen könnte, was ich damals für mich bejahte. Dies möchte ich inzwischen in jedem Fall bestätigen: Auch wenn es Rennen gab (und auch in Zukunft geben wird), die man kein zweites Mal Laufen will, so freue ich mich jetzt schon auf die geplanten Rennen im Jahr 2020, die das ein oder andere Highlight umfassen sollen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.