Europa, Marathon

Graz Marathon 2018: Veni! Vidi! Vici!

Eigentlich wollte ich im Titel des Textes, bezogen auf die Tatsache, dass die Halbmarathonstrecke zweimal absolviert werden musste, so etwas kluges Schreiben wie „HM x 2 = Graz Marthon 2018“, doch dann kam es irgendwie ganz anders. Aber beginnen wir weiter vorne. Nachdem ich am Tag zuvor, wie geschrieben, den Abend mit einer privaten Pasta-Party ausklingen ließ, ging ich mit gepackter Supermarkttasche zurück zum Hotel, das ein wenig am Rand der Innenstadt lag, innerhalb von 30 Minuten aber zu Fuß direkt zu erreichen war. Vom Tag und insbesondere den eher schlaflosen Nächten der Woche gezeichnet, ging ich schnell ins Bett und bekam auf dem viel zu schmalen Hotelbett meine 8 Stunden Schlaf. Zum Glück konnte man die beiden Einzelbetten ohne Weiteres zusammenschieben, so dass es eine halbwegs akzeptable Breite hatte. Andernfalls weiß ich nicht, ob ich nachts nicht aus dem Bett gefallen wäre.

Am Morgen fühlte ich mich alles andere als frisch. Die Beine waren schwer, wobei das offenbar eine Art des Läufer-Lampenfiebers bei mir ist, da ich ähnliches bereits vor Hannover und Kassel in diesem Jahr wahrgenommen hatte. Die Läufe dort waren ja insgesamt durchaus zufriedenstellend. Von meiner anfänglichen Enttäuschung im Anschluss an die Zieldurchläufe einmal abgesehen. Also entschied ich mich für eine spontane 15-minütige Yoga Nidra Einheit. Ich habe ein entsprechendes Hörbuch [Amazon Partnerlink] vor einiger Zeit runtergeladen, nachdem ich das Konzept bei meinen unregelmäßigen Yoga-Stunden kennengelernt hatte, und es stellt für mich quasi einen kleinen Regenerationsjoker dar. In jedem Fall waren diese 15 Minuten am Morgen gut investiert.

Frisch geduscht ging es zum Frühstücksbuffet. Kaum aus dem Fahrstuhl ausgestiegen, begegneten mir bereits die ersten Personen in Laufkleidung. Offenbar war ich nicht der einzige Teilnehmer, der dieses Hotel zur Übernachtung wählte. Ob man allerdings zwei Stunden vor dem Ereignis, wenn man keine 30 Minuten bis zum Marathonstart benötigt, bereits in Laufkleidung frühstücken muss, ist vielleicht der Vorfreude geschuldet. Ich jedenfalls war quasi inkognito mit Jeans und T-Shirt bekleidet und stand dem wahren Kampf des heutigen Tages gegenüber: Mich selbst am Buffet bremsen. Aber warum aß ich überhaupt?

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Das Auge isst mit.

Wer meinen sportlichen Weg bereits eine Weile verfolgt, wird sicherlich mein Buch Ernährung für (Kraft-)Sportler [Amazon Partnerlink] kennen, in dem ich das Prinzip Intermittent Fasting 2.0 vorstelle. Dieses sieht unter anderem vor, dass die Nahrungsaufnahme erst nach Einsetzen eines Hungergefühls begonnen werden sollte und nicht „aus Prinzip“ gegessen wird. Hatte ich Hunger an diesem Morgen? Nein. Dennoch entschloss ich mich bewusst zu einem Frühstück, was eine Konsequenz aus Kassel war. Dort hatte ich nach den ersten 21 Kilometern einen Einbruch, wie ich es im Kassel-Bericht schrieb. Für mich bedeutete das, dass insbesondere mein Fettstoffwechsel nicht optimal genug abläuft, dass ich die Pace der ersten Kilometer, während der noch auf Kohlenhydrate zurückgegriffen werden kann, weiterhin halten könnte. Die logische Konsequenz war für mich, das Timing der Nahrungszufuhr am Wettkampftag zu überdenken. Wohlgemerkt hatte ich im Gegensatz zu Hannover weder für Kassel noch für Graz eine Superkompensation der Kohlenhydratspeicher durchgeführt, da ich schlichtweg keine Lust auf die Low-Carb-Tage im Vorfeld hatte.

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Ich packe meine Koffer und nehme mit…

Das Buffet stellte dann die wahre Herausforderung dar. Buffets sind nichts für mich. Ich bin einer von diesen Menschen, die alles probieren wollen und sich nicht nur mehr auf den Teller packen, als eigentlich nötig ist, sondern auch alles aufessen. Also bremste ich mich ein wenig und versuchte mich gleichzeitig in erster Linie auf leicht verdauliche Lebensmittel mit einer relativ (also eher 2 bis 4 Stunden) kurzen Magenverweildauer zu konzentrieren. Gleichzeitig nahm ich mir vor, mein erstes Gel nicht wie zuletzt erst bei Kilometer 20 zu nutzen, sondern bereits nach 12 Kilometern. Eine Strecke, die mein Körper gut überbrücken können sollte. Gleichzeitig sollten die Kohlenhydrate des Gels rechtzeitig in der Leber ankommen, wenn diese beginnt, welche zu benötigen. Ich will hier nicht zu sehr ins Detail gehen. Die grundlegende Information: Ich versuchte geplanter an das Ereignis heranzugehen und es nicht als Trainingseinheit unter Wettkampfbedinungen anzugehen, sondern als Wettkampf, der von bisherigen Trainingseinheiten profitieren sollte.

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Startbereich Graz Marathon 2018

Am Start angekommen noch fix den Beutel abgegeben und gemeinsam mit den anderen Marathonstartern im Block 1 eingefunden. Vor uns nur die Elite-Athleten sowie die Teilnehmer der Österreichischen Meisterschaft im Halbmarathon, die dieses Jahr in Graz im Rahmen dieses Events stattfand. Entsprechend voll war dann zum Start die Strecke, die mitten durch das (meist) schöne Graz führte. Ich selbst hatte erstmals meine GoPro HERO 7 Black [Amazon Partnerlink] dabei, die mit einer neuartigen Bildstabilisierung wirbt. Meine letzte GoPro war die 3er und nachdem ich bereits vor zwei Wochen bei einem Trainingslauf erste Testaufnahme gemacht hatte, kann man sich selbst im Video ein Bild von der ganzen Sache machen. Soviel von meiner Seite: Ich bin begeistert! Die Videos wurden komplett im Laufen bei einer Pace unter 5 Minuten gemacht, während die GoPro nur in der Hand gehalten wurde!

Das sorgte dann allerdings dafür, dass ich mich am Start erst einmal organisieren musste. Fitnesstracker anmachen, Handy-App aktivieren, Kamera auf die Leute halten… Als ich die Kamera wieder weggesteckt hatte und mich so richtig auf den Lauf konzentrieren konnte, wurde nach 500 Metern bereits die erste Pace angesagt: 04:55 min. Eigentlich wollte ich gar nicht so schnell Laufen, um nicht erneut einen Einbruch wie in Kassel zu erleben. Uneigentlich war mir bewusst, dass die maximal 20 Grad, die angesagt waren, gemeinsam mit dem fast wolkenfreien Himmel sehr gute Rennbedingungen waren.

Andererseits erwartete ich in Österreich einige Höhenmeter. Diese fielen jedoch sehr entspannt aus. Während ich die Streckenteile, in denen es abwärts ging, bewusst wahrnahm, registrierte ich die Aufwärtsteile in der ersten Runde gar nicht und erwartete zunächst hinter jeder Ecke eine böse Überraschung, die jedoch gänzlich ausblieb. Ich lief geschmeidig in einem Tempo, dass sich für mich entspannt anfühlte, und in meinen Ohren ertönte alle 500 Meter die Ansage der jeweiligen Pace. Alle waren unter 5 Minuten. Den Pacemaker mit dem 3-h-30-min-Ballon hatte ich bereits hinter mir gelassen, allerdings war das in Kassel auch der Fall gewesen, bevor er mich irgendwo zwischen Kilometer 32 und 42 wieder ein- und sofort überholte. Ich hatte also weiterhin höllischen Respekt. Die Tatsache, dass ich den Pacemaker an späteren Streckenabschnitten, bei denen man nach Wendepunkten an den Leuten hinter sich vorbeiläuft, nicht erneut sah, irritierte mich zudem.

Nach knapp 21 Kilometern teilte sich dann das Feld. Während die Halbmarathonteilnehmer es geschafft hatten, ging es für mich in die zweite Runde, die in doppelter Hinsicht leichter verlief, als ich befürchtet hatte. Ich schrieb bereits im Vorfeld, dass mich die Wiederholung der gesamten Laufstrecke in der Vergangenheit von einer anderen Marathonteilnahme abgehalten hätte, aber in Graz empfand ich dies in keiner Weise schlimm. Rückblickend war es wohl vor allem den beiden Gründen geschuldet, bei der ersten Runde ständig Läufern ausgewichen zu sein und mich mehr darauf konzentriert zu haben, und dass ich Graz schlichtweg nicht kannte. Entsprechend einsam wurde es so langsam und als ich die Matte für die Halbmarathondistanz überschritt, war mir klar, dass ich gut in der Zeit lag: 1 h 42 min. Ich war langsamer als in Kassel, aber subjektiv deutlich frischer. Sollte ich die 3 h 30 min dieses mal tatsächlich knacken? Die Beine fühlten sich zu diesem Zeitpunkt in jedem Fall frischer an.

Spätestens bei Kilometer 30 war mir dann klar, dass es heute klappen könnte. Der Pacemaker war offenbar ausgefallen, wie ich mir spätestens jetzt sicher war, und die Uhr zeigte mir an, dass ich für die letzten 12,195 km noch über eine Stunde Zeit für das genannte Limit hätte. Jetzt galt es die Pace zu halten, die weiterhin ausnahmslos unter 5 Minuten blieb. Ich lief weiter und holte zunehmend andere Läufer ein, denen es so erging, wie mir beim Kassel Marathon. Dann war es soweit: Bei Kilometer 34 ertönte mit 5:04 min erstmals eine Pace über 5 Minuten. Jetzt doch der Einbruch? Nein, es fühlte sich nicht wie in den letzten beiden Läufen an. Ich musste mich ein klein wenig konzentrieren, beißen wäre zu viel gesagt, und lief weiterhin ein Tempo mit einer Pace knapp unter und über 5 Minuten, wobei die Schwankungen vermutlich in erster Linie dem Höhenprofil geschuldet waren. In der zweiten Runde merkte ich im Gegensatz zur ersten allerdings auch die Anstiege.

Ab Kilometer 40 ging es dann wieder ins Zentrum der Altstadt, wobei der Marathon nie vollständig aus der Stadt führte. Dennoch muss ich eine Lanze für Kassel brechen. Nachdem ich mich über die wenigen und dann noch zurückhaltenden Zuschauer beschwert hatte, habe ich inzwischen den Eindruck von Hannover nur sehr verwöhnt zu sein. Man denkt bekanntlich immer nur aus der eigenen Perspektive heraus, wenn man sich nicht bewusst dagegen entscheidet. Offenbar ist Hannover von der Teilnehmerzahl her nicht nur größer als der Kassel sowie der Graz Marathon, sondern bei den Stadtbewohnern auch deutlich akzeptierter.

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Die Organisation war gut durchgeplant!

Während auf der ersten Runde zumindest im Kern der Altstadt eine Vielzahl an Menschen waren, ergab sich am Ende der zweiten Runde ein ernüchterndes Bild. Bodybuilder der Männer-V-Klasse werden es kennen: Am Ende der Veranstaltung haben sich die Reihen deutlich gelichtet und die Angehörigen von Teilnehmern, die schon fertig sind, haben das Event verlassen. Offenbar geschah hier in Graz genau dasselbe, anders kann ich mich die teilweise auffallende Leere in der zweiten Runde nicht erklären, da der Jedermann-Halbmarathon die deutlich stärkste Teilnehmerzahl hatte und direkt im Anschluss an den Marathon startete.

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Streckenverlauf – Quelle: www.grazmarathon.de

Doch das sollte mich nicht aufhalten. Ab Kilometer 36 kontrollierte ich bei jedem Kilometer meine Zeit und rechnete mir mein Polster aus. Bei Kilometer 41 wusste ich dann: Du bist heute so frisch wie noch nie bei einem Marathon. Du hast ein Zeitpolster. Du holst dir die 3 h 30 min! Und so geschah es auch.

Ich rannte auf das Ziel zu und sah über mir bereits eine Zeit unter der genannten Grenze aufleuchten. Ich wusste nicht, wie viel davon für meine Netto-Zeit abgezogen werden musste, aber ich wusste, dass ich es geschafft habe und lief geradezu leichtfüßig ins Ziel. Geschafft! Aber wie schnell genau? Die Server der Ergebnisliste waren verständlicherweise im direkten Anschluss überlastet, so dass ich meinen Beutel abholte und zur Medaillengravur ging: 3 h 27:06 min! Hätten wir 1904 gehabt, wäre ich mit dieser Zeit Olympiasieger geworden. Nimm das, Thomas Hicks!

 

Ich war voller Stolz, als die Helfer der Gravurstation mir die Zeit verkündeten, aber da dies bekanntlich eine Todsünde ist, zeigte mir der gute Herr, der mir gegenübersaß, gleich mal meine Grenzen auf: „Das nächste Mal mehr trainieren!“ war seine trockene Ansage, als ich im Scherz meinte, dass es ja fast ärgerlich um die 7 Sekunden wäre. That’s it. Nicht mehr! In Österreich weiß man, wie man die Deutschen in ihre Schranken weist.

Ganz Unrecht hatte der Mann zumindest dahingehend nicht gehabt, dass ich gerade einmal zweimal die Woche Laufen gehe. Schaut man in übliche Trainingspläne für Marathonzeiten unter 3 h 30 min enthalten diese regelmäßig mindestens fünf Einheiten pro Woche mit einem Laufvolumen, für das ich selbst in der Zeit vor einem Wettkampf zwei Wochen benötige. Wohlgemerkt für Läufer, die durchaus bereits eine solide Basis gelegt haben, nicht als „From Zero to Hero“-Pläne! Aus meiner neunmalklugen Perspektive eine ziemliche Zeitverschwendung und ein schönes Beispiel für ineffiziente Trainingsplanung, der man im Kraftsport und Bodybuilding ebenfalls häufig begegnet. Sei es drum. Mir kann das egal sein und ich will auch niemandem seine Leidenschaft schlecht reden! Das soll bitte nicht falsch verstanden werden!

Ich selbst hatte insgesamt ein unerwartet erfolgreiches Wochenende in Österreich. Manchmal erreicht man Ziele vielleicht auch dadurch, dass man eigentlich ziellos an eine Sache herangegangen ist. Baba Graz! Vermutlich werden wir uns im Rahmen eines Marathons nicht wiederschauen, wie man in Österreich sagt. Aber ich werde dich immer in guter Erinnerung behalten!

8 Gedanken zu „Graz Marathon 2018: Veni! Vidi! Vici!“

  1. Klasse Blog! Echt eine spannende Schreibweise und sehr motivierend! Ich freue mich auf weitere Erlebnisberichte. Gibt es eine Art Newsletter, wo man informiert wird, wenn ein neuer Beitrag veröffentlicht wird?
    Außerdem fände ich einen Artikel über deine Trainingsplanung bzw. die Umfänge etc. interessant.
    Go on!

    1. Hiho, einen Newsletter gibt es nicht. Ich poste aber jeden neuen Beitrag auf Facebook (Become Fit) und auf Instagram (Hybridathlet) und plane zumindest jeden Sonntag einen neuen Beitrag (oder bei Läufen gegebenenfalls auch mehr). 😊

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