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Im Sog der Subkultur: Kaufen fürs Laufen

Bereits am Anfang dieser Reise betonte ich, dass ich nicht der geborene Läufer bin und vermutliche auch nie so richtig Vollblutläufer werde. Letzteres wäre auch gar nicht mein Anspruch. Hybridathlet zu sein, bedeutet eben auch, auf Spezialisierung zu Gunsten von Leistungen in anderen Bereichen zu verzichten. Ich mache Marathon viel mehr, als dass ich ihn laufen würde, wie vor kurzem jemand zu mir meinte. Im Prinzip hatte die Person recht. Ebenso, wie ich im Kraftdreikampf nicht all in gehe und vielleicht auf 10, 20 oder mehr Kilogramm in der Gesamtleistung verzichte, verschenke ich für die Marathondistanz bewusst Potential. Wer weiß, wie nah ich mich an die 3 Stunden mit vollständig darauf ausgelegtem Training herankämpfen könnte. Ich werde es nie erfahren und am Ende des Lebens wird mich auch niemand danach fragen. Ich habe also andere Ansprüche, was keinesfalls als distanziert gegenüber Vollblutläufern missverstanden werden sollte. Das Gegenteil ist eher der Fall.

Wie der Soziologie in mir die Reise in 80 Marathons um die Welt sieht

Ich merke in den letzten Wochen, wie ich zunehmend in den Sog der Subkultur gezogen werde. Während ich die Bodybuilding- und Kraftsportszene durch mein Training, meine Wettkämpfe, meine Betreuungen, aber auch meine Arbeit als Autor und Wettkampfberichterstatter seit über einem Dutzend Jahren kenne, ist die Welt des Laufens nicht nur ungemein größer, sondern auch nach wie vor in gewisser Weise für mich neu. Natürlich kenne ich Foren wie runnersworld, auf denen ich mir meine ersten strukturierten Informationen zum Planen von Laufeinheiten bereits vor Jahren anlas. Ich habe inzwischen mehr als ein Buch von Dr. Marquardt in meinem Regal stehen und müsste eigentlich – allein schon wegen der örtlichen Nähe – einmal bei ihm einen Termin machen, um meine Technik weiter zu optimieren. Aber wirkliche Einblicke in die Laufwelt, abseits der Trainingsplanung, mit all ihren Facetten hatte ich bisher nicht.

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Meine kleine Hausbibliothek zu den Themen Training und Ernährung hat den Wert eines Kleinwagens und in letzter Zeit kamen auch vermehrt Bücher speziell für das Ausdauertraining hinzu.

Der französische Soziologie Bourdieu analysierte Menschen nach den sogenannten Kapitalen, die diese innehätten. Die bekanntesten hiervon sind soziales, ökonomischen und kulturelles Kapital, wobei Bourdieu hiervon selbst vereinzelt abwich und in der Literatur durch Schröder beispielsweise korporales Kapital ergänzt wurde oder ich im Rahmen meiner Dissertation psychisches Kapital als weitere Form differenzierte. Diese Kapitale bzw. die individuellen Ausprägungen, die einem Menschen zur Verfügung stehen, üben gemeinsam mit dem Habitus Einfluss auf das Leben in einer jeweiligen Situation, dem Feld, aus. Kurz durchatmen. Warum dieses Speed Dating mit Bourdieus Konzepts? Einen Moment Geduld, dies ist schließlich ein Marathon- und kein Sprintblog.

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Je nachdem, welche Ressourcen uns in den jeweiligen Kapitalen zur Verfügung stehen, beeinflusst dies unser Handeln.

Der Habitus umfasst die individuellen Denk- und Wahrnehmungsschemen eines Menschen. Auf den Sport bezogen, würde das bedeuten, dass ich bisher keinesfalls den Habitus eines Vollblut-Marathonläufers hätte. Vermutlich auch nie bekommen werde, aber ich merke, wie dieser Aspekt meines Habitus einem Prozess durchläuft. So habe ich beispielsweise begonnen Podcasts zum Thema Laufen zu hören.

Mit Podcast auf den Ohren niemals allein

Generell sind Sach-Hörbücher und Podcasts meiner Meinung nach eine phantastische Sache, um sich unterwegs weiterzubilden und seinen Horizont zu erweitern. Es muss dabei nicht immer Raketenwissenschaft oder anderweitig schwere Kost sein. So tauche ich beispielsweise regelmäßig in die Welt der Videospiele ab, die seit meiner Jugend Teil meines Lebens sind und Prozesse, die in diesem Subsystem ablaufen, sind auch in anderen Teilsystemen der Gesellschaft erkennbar. Ich lasse mich also nicht nur beschallen, wie es bei Musik der Fall wäre. Befinde mich auf der Laufen-Machen-Skala aber weit genug in Richtung des Machen-Pols, um auch auf meinen Läufen fast immer gesprochenen Text auf den Ohren mitzunehmen.

Ich höre Sachbücher zu digitalen Entwicklungen, Biographien, Zeitgeschichte, China… kurz gesagt allem, was mich in irgendeiner Form interessiert und es unter normalen Umständen nicht schaffe, mich damit auseinanderzusetzen. Im Studium hörte ich gerne Vorlesungen verschiedener Universitäten und (fremder) Fächer und was den Bereich Podcast betrifft, ist auch der ein oder andere kraftsport- und bodybuildingorientierte in meiner Liste, wobei mich hier auch meist Formate interessieren, in denen es um Personen als weniger um Inhalte geht, die mir meist schon bekannt sind. Aber Laufen? Dazu fand ich bisher keinen Zugang, obwohl man meinen sollte, dass das Angebot um ein Vielfacher größer wäre, als in einer nischigen Sportart wie Bodybuilding.

Das ist es tatsächlich. Auf den ersten Blick sogar fast schon zu groß, was vielleicht mit eine Schwierigkeit war, den für mich richtigen Podcast im Bereich Laufen zu finden. Einen ersten Kontakt hatte ich bereits vor einigen Wochen in Form eines Interview von Daniel Pugge bei den Jungs von FatBoysRun. Das Gespräch war spannend, aber dennoch fand ich zunächst keinen richtigen Zugang zum restlichen Programm, ließ den Podcast jedoch in meiner App und bekam somit regelmäßig die Aktualisierungen angezeigt.

Vor einiger Zeit versuchte ich einen neuen Anlauf, ohne wirklich sagen zu können, was mich dazu bewegte. Diesmal blieb ich allerdings hängen. Mein Habitus war offenbar an einem Punkt angekommen, an dem mich Gespräche über das Laufen faszinierten, so wie du, aus welchem Grund auch immer, Interesse am Lesen dieses Textes hast. Wir haben offenbar etwas gemeinsam. Vielleicht war es genau dieses „etwas gemeinsam haben“-Gefühl, dass mich diesmal dabei blieben ließ. Ich steckte tiefer in der Laufkultur, als es noch vor Wochen der Fall gewesen war. Wenn man so möchte, habe ich virtuelles soziales Kapital in einem Bereich erworben, was mir vor Beginn dieser Reise um die Welt noch nicht zur Verfügung stand.

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Das objektivierte kulturelle Kapital wächst…

Inzwischen habe ich eine Vielzahl der Folgen nachgeholt, wenn auch längst noch nicht alle. Das Schöne am Laufen ist, dass es deutlich mehr zu erzählen gibt. Man kommt rum. Um die Welt, 42,195 km weit, oder einfach nur raus. Beim Laufen geht es stets vorwärts und man erhält Eindrücke, von denen man berichten kann. Das gibt es sicherlich auch im Bodybuilding auf eine andere Art und Weise, aber wer selbst länger Teil dieser Subkultur ist, wird mir vermutlich zustimmen, dass es schon ein Unterschied ist, in sich stark gleichenden Wettkampfhallen zu stehen, oder Städte, Länder, ja die ganze Welt während seines Wettkampfes zu sehen.

Neben den FatBoys hatte ich zuletzt daher meine Ohren auch nach weiteren Formaten offen gehalten und mich ein wenig durch die Podcast-Liste probiert. Nicht alles entsprach dabei meinem Geschmack und als neuen Abonnementen gewannen mich bisher nur die Jungs von Laufen, Liebe, Erdnussbutter. Beides nach meinem Geschmack. Also Erdnussbutter und die bisherigen Inhalte, die ich mir angehört hatte. Dahingehend hat sich offenbar dann auch mein kulturelles Kapital gewandelt.

Aber nicht nur mein Konsum von Podcasts und mein virtuelles soziales Kapital haben sich verändert. Ich habe auch erneut ökonomisches Kapital ausgegeben. Konsum befriedigt bekanntermaßen auf eine gewisse Weise und wenn man Geld für sein eigenes Hobby ausgibt, kommt das archaischen Opfergaben vielleicht näher, als viele andere Handlungen unseres Alltages. Vor allem dann, wenn es vielleicht gar nicht notwendig gewesen wäre. Ich sage nur Tschibo und Laufkleidung.

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Laufmützen und Laufhandschuhe kann man ja nie genug zu Hause haben.

Winter is coming, wie der Kalender weiß, und bevor die Suche nach den Laufhandschuhen und der wärmenden Mütze losgeht, war die aktuelle Kollektion schon im Einkaufskorb gelandet. Ein kleines Kind hätte mit der Packung Süßigkeiten im Kassenbereich nicht schneller sein können. Ich mache möglicherweise nur Marathon, aber ich mache mich auch immer mehr als Läufer.

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