Allgemein, Deutschland

Wie man den Wettkampfsport kaputt macht

Eine Last auf den Schultern zu tragen, ist im heutigen Sprachgebrauch oftmals im übertragenen Sinne gemeint. Man spricht davon im Zusammenhang mit großer Verantwortung oder gar einer Bürde. Ich dagegen entschloss mich nach dem New York Marathon relativ spontan dazu, das Ganze wörtlich zu nehmen und an einem Wettkampf im Bereich Powerlifting teilzunehmen. Der Sportart, bei der maximale Lasten beim Kniebeugen, Bankdrücken und Kreuzheben bewegt werden. Klingt nach einem Widerspruch zum Marathonlaufen? Das ist halt immer die Schwierigkeit, wenn man Dinge, Tätigkeiten oder sich selbst in eine bestimmte Schublade packen möchte.

Wettkampf ist Wettkampf: Unabhängig von den Teilnehmerzahlen

Eine Last auf den Schultern trägt aber auch immer der Veranstalter eines Wettkampfes. Egal ob Powerlifting, Marathon oder eine ganz andere Sportart: Man trägt mit der Organisation fraglos eine hohe Bürde, stellt sich sicherlich nicht immer einfachen Herausforderungen und hat am Ende des Tages auch eine gewisse Verantwortung gegenüber den Athleten.

Während Läufe in Deutschland hunderte und tausende Sportler bei nur einer einzigen Veranstaltung versammeln, ist die Anzahl an Kraftsportlern und Bodybuildern, die diesen Sport wettkampforientiert betreiben, deutlich überschaubarer. Vermutlich starten beim Hannover Marathon mehr Menschen, um zu laufen, als Athleten im Bodybuilding oder Kraftsport in sämtlichen Veranstaltungen des gleichen Jahres. Ein zugegeben interessantes Phänomen, wenn man bedenkt, dass die Fitnessstudios in Deutschland kaum leerer sind, als die öffentlichen Laufstrecken.

Dennoch oder gerade deswegen ist Wettkampfsport im Powerlifting und Bodybuilding Stückwerk in Deutschland. Verschiedenste Verbände verteilen Meistertitel und nationale Rekorde, die oftmals aufgrund mangelnder Konkurrenz nicht sonderlich viel Talent erfordern. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich hatte in der Vergangenheit selbst entsprechende Erfolge erzielt. Einen größeren Marathon dagegen zu gewinnen, wird für die meisten Teilnehmer wohl immer ein unerreichbares Ziel bleiben. So gesehen hat Marathonlaufen doch etwas mit Powerlifting und Bodybuilding gemeinsam: Man sollte es für sich selbst machen und an der eigenen Leistung, aber nicht an der Platzierung messen.

Wie viel beugt ein Marathonläufer?

Das war schließlich auch meine Motivation, als ich mich für die Deutsche Meisterschaft der GRAWA anmeldete. Mich unter möglichst objektiven Bedingungen mit mir selbst messen und vielleicht sogar einen neuen persönlichen Rekord aufstellen. Ich wollte eine möglichst schwere Last auf meinen Schultern tragen und in jedem Fall meine Leistung aus dem Frühjahr, als ich bei der Landesmeisterschaft des BVDKs antrat und 170 Kilogramm bei 73,3 Kilogramm Körpergewicht in die Wertung brachte, übertreffen.

Entsprechend stellte ich mein Training die letzten Wochen ein wenig um und machte in der Woche vor dem Wettkampf Gewicht, indem ich Salz lud und mich die letzten Tage vor dem Wettkampf mit dem Essen zurückhielt. Hier unterscheiden sich Bodybuilding und Powerlifting wieder vom Marathonlaufen. Während es bei Letzterem egal ist, mit welchem Gewicht man die Laufschuhe schnürt, ist es bei den ersten beiden Sportarten ein entscheidender Faktor für die Einteilung der Teilnehmer. Ich selbst war schon immer ein 75er-Athlet und nahm bei all meinen Wettkämpfen seit 2006 bis auf eine Ausnahme in dieser Gewichtsklasse teil.

Wer sich regelmäßig morgens wiegt, wird allerdings wissen, dass der Körper normale Gewichtschwankungen durchläuft. Da man an einem Wettkampftag nicht riskieren möchte, einen „schwereren Tag“ zu erwischen, ist die Woche zuvor für mich in der Regel mit ein paar Unannehmlichkeiten verbunden. Schließlich gilt es nicht nur, das Gewicht irgendwie niedrig zu halten, sondern die Balance zwischen Wettkampfgewicht und Wettkampfleistung möglichst optimal umzusetzen. Eine mentale Last, die ich mir regelmäßig vor dem eigentlichen Wettkampf auf die Schultern lade.

Die Deutsche Meisterschaft der GRAWA 2018

Am 25. November 2018 war es dann soweit. Während am Abend zuvor bei einem Familienessen die größte Herausforderung noch die Zurückhaltung bei der Flüssigkeitszufuhr und die Wahl eines möglichst leicht verdaulichen Hauptgangs war, klingelte der Wecke nach weniger als fünf Stunden Schlaf, um den Weg nach Hamburg anzutreten. Die Waage war laut Ausschreibung von 9 bis 10 Uhr geplant, so dass ich pünktlich am Veranstaltungsort ankam, um möglichst viel Zeit bis zu meinem ersten Versuch zu haben. Essen und Trinken wurden, obwohl das Gewicht morgens zu Hause passte, sicherheitshalber bis dahin vermieden.

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Nach dem Wiegen sollte es Jasmin Reis mit Apfelmus und Zimt geben.

Ich schrieb am Anfang etwas von der Last, die ein Veranstalter auf seinen Schultern zu tragen hat und wenn man von der GRAWA spricht, so steckt dahinter kein Ensemble an Veranstaltern, sondern eine einzelne Person, die früher selbst aktiver Gewichtheber und Strongman war und vor über 10 Jahren damit begann Powerliftingveranstaltungen durchzuführen. Damals, und auch das muss im historischen Kontext betrachtet werden, nahm eine entscheidende Veränderung in dieser Randsportart ihren Anfang. Es gibt für Kniebeugen, Bankdrücken und Kreuzheben leistungssteigernde Bekleidung. Ursprünglich aus Sicht der Verletzungsprophylaxe entwickelt, wurde dieser Gedanke über die Jahre zu einem wahren Equipmentdoping getrieben. Ein für Außenstehende nur schwer vermittelbares Kuriosum, das auch nichts mit leichteren Schuhen oder Stützstrümpfen im Marathonsport vergleichbar wäre.

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Auch im Raw-Powerlifting kann man einiges an Geld in Equipment stecken.

Die GRAWA stellte mit ihrer Gründung den Geist der Gegenbewegung dar. Während im größten deutschen Verband, dem BVDK, zur damaligen Zeit fast ausschließlich Equipment-Starter antraten, fanden Kritiker in der GRAWA einen neuen Hafen, in den sie einfahren konnten und den Sport „raw“ umsetzen, wie es im Powerlifting genannt wird. Gleichzeitig war der Veranstalter schon immer für seine Unzuverlässigkeit, was das Einhalten von Terminen angeht, bekannt. Das durfte ich schon 2009 bei meinem ersten Start bei der GRAWA feststellen und bei späteren Veranstaltungen wiederholt erleben.

Nun kann man mit dieser Marotte sicherlich auf verschiedene Weisen umgehen. Während ich mit anderen Teilnehmern pünktlich in der Halle erschien, merkte man sofort, wer zum wiederholten Male bei der GRAWA antrat und wer sein erstes Mal erlebte. Während Letztere irritiert und verunsichert wirkten, nahmen es die Ersteren mit Galgenhumor und gaben Anekdoten zum Besten, bei welchem Wettkampf man schon wie lange gewartet hätte. Man stelle sich vor, der Start eines Marathons sei auf 10 Uhr angesetzt und der Veranstalter wäre um 9:55 Uhr weder vor Ort noch hätte er für den Aufbau des Starts gesorgt. Klingt undenkbar? Ist im Powerlifting sonst auch nicht üblich. Bei der GRAWA allerdings schon.

Das lange Warten… für nichts

Und so wartete ich durstig und hungrig in der Halle und spürte, wie mein Mindset zunehmend schlechter wurde. Hatte ich mit Mitte 20 solche Verspätungen auch noch auf die lockere Schulter genommen, stellt mit Mitte 30 Zeitmanagement eine durchaus ernstzunehmende Last dar, wenn das eigene Leben nicht nur aus Sport besteht. Ich weiß nicht, ob es im Marathonsport auch erwachsene Hobbysportler gibt, deren größter Lebensinhalt die Teilnahme an den Wettkämpfen ist, aber im Powerlifting und Bodybuilding stellen solche Personen einen nicht zu unterschätzenden Anteil der Subkultur dar – ohne dass diese Feststellung despektierlich gemeint wäre!

Mein Leben besteht allerdings nicht nur aus Sport. Ich mag mit einem gewissen Leistungsanspruch an dieses Hobby herangehen, allerdings ist die Einbindung in den Familienalltag durchaus so manches Mal eine Herausforderung, die gemeistert werden will. Wenn ich Zeit in einen Wettkampf investiere, ist es nicht nur meine eigene, sondern auch die der Menschen, die mir den Rücken freihalten. Eine Last wird bekanntlich ertragbarer, wenn man sie auf mehrere Schultern verteilen kann.

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Powerlifting-Wettkämpfe haben oftmals einen eigenen Charme.

Doch ich schrieb einleitend nicht nur über diese Herausforderung, sondern auch von Verantwortung. Verantwortung gegenüber dem Athleten und Respekt vor der Zeit, die dieser investiert. Vermutlich das Kostbarste, was uns zur Verfügung steht und was der Veranstalter an diesem Tag verschwendete. Wie angedeutet, erschien die Person dann tatsächlich um 9:55 Uhr. Fünf Minuten, bevor die offizielle Zeit für das Wiegen beendet sein sollte. Und wer denkt, dass man nun zumindest umgehend versuchte den Zeitplan aufzuholen, hatte sich geirrt. Es wurde vielmehr erst einmal in Ruhe ein Kaffee getrunken, während andere Teilnehmer und ich darauf warteten ihre Gewichtsklasse bestätigt zu bekommen, um auch etwas trinken zu können.

Ich spürte, wie es immer unruhiger in mir wurde. Ich war 1,5 Stunden Auto gefahren, um über 50 Euro für die Startgebühr bei einem Wettkampf zu investieren, dessen Ergebnisse sowieso vermutlich niemals die Räumlichkeiten verlassen hätten. Bei der GRAWA wurden zuletzt 2016 Ergebnisse im Internet veröffentlicht. Und während der Veranstalter weiterhin die Ruhe weg hatte, war meine Geduld am Ende. Ich erwähnte bereits die Balance für das Erreichen eines optimalen Wettkampfergebnisses. Inzwischen merkte ich allerdings, wie ich in einen Zustand geriet, der mich näher an die Gefahr einer Verletzung brachte, als das Erreichen einer Bestleistung. Ich war kaputt, zunehmend unkonzentriert und wütend.

Im Wertpapierhandel und auch im Poker gibt es den guten Rat, schlechtem Geld kein gutes hinterzuwerfen. Guter Rat muss nicht immer teuer sein, wenn man diesen befolgt. Und so stand ich vor der Entscheidung meiner investierten Zeit und den Benzinkosten bares Geld hinterherzuwerfen oder stattdessen lieber nach Hause zu fahren und meinen geplanten Nüchternlauf im Vorfeld des Pisa Marathons umzusetzen, den ich andernfalls in der Woche darauf nachzuholen hätte. Ich entschied mich für die Heimfahrt.

Das mag nicht für jeden Außenstehenden nachvollziehbar sein, aber Wettkampfsport lebt von Athleten. Wenn mit solchen auf diese Weise umgegangen wird, sägt man nicht nur am eigenen Ast, sondern wird über kurz oder lang von der Last erdrückt. Raw-Powerlifting ist in den letzten Jahren längst im BVDK angekommen und Veranstaltungen wie das Insanity Meet zeigen, wie auch verbandsunabhängige Wettkämpfe athletenfreundlich umgesetzt werden können. Ich schrieb in einem früheren Beitrag, dass ich die Subkultur des Laufens so langsam kennenlernen würde. Der Subkultur der alten GRAWA-Garde scheine ich dagegen entwachsen zu sein. Ich werde mir in Zukunft an anderer Stelle eine Last auf die Schultern laden, was mir durchaus ein wenig Leid tut – für den Wettkampfsport.

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