Marathon, USA

Den New York Marathon läuft man nicht in Bestzeit

Wer sich einmal intensiver mit dem New York Marathon auseinandergesetzt hat oder vielleicht sogar angemeldet, wird den eingangs genannten Satz mehrfach zu hören bekommen. Inzwischen liegt der New York Marathon 2018 hinter mir und ich kann verstehen, wie man zu dieser Auffassung kommt. Dabei spielen mehrere Gründe eine Rolle.

Die Erwartungen an den New York Marathon 2018

Zunächst einmal wird der Lauf immer wieder als Sight-Seeing-Event mit unzähligen, emotionalen Zuschauern angepriesen. Man solle den Lauf genießen, bewusst auf seinen Tunnel verzichten und die Strecke auf sich wirken lassen. Ob diese Forderung gerechtfertigt ist, will ich später noch einmal aufgreifen. Die aus meiner Sicht größeren Herausforderungen sind jedoch in der Organisation und der Strecke zu suchen.

Der New York Marathon ist der größte Marathon der Welt. Selbst im laufverrückten Japan nehmen nicht mehr Menschen an den dortigen Veranstaltungen teil, wobei es vermutlich wie auch in New York mehr eine Frage der Organisation als der Teilnahmewilligen ist. Ich beschrieb ja bereits, dass New York als einer der Big Six für Deutsche im Prinzip nur mittels Buchung einer dazugehörigen Reise im Reisebüro offensteht. Dennoch sprengt der Marathon alle Dimensionen, was einen entsprechend logistischen Aufwand verlangt.

IMG_3461

Und so klingelte auch nach meiner vierten Nacht in New York der Wecker früh. Diesmal sogar so früh wie an keinem der anderen Tage, da bereits um 6 Uhr die Abfahrt vom Hotel vorgesehen war. Diese wiederum sollte so früh stattfinden, da einige Brücken bereits in den Morgenstunden gesperrt werden sollten. Aber selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte dies vermutlich nicht viel an der Abfahrtszeit geändert. Über zwei Stunden benötigte der Bus bis zum Startbereich und wurde auf dem Weg dahin von immer mehr weiteren Bussen umringt, die dasselbe Ziel hatten.

Organisation des größten Marathons der Welt

Am Startbereich angekommen, hieß es noch einmal Warten, um durch die Sicherheitskontrollen zu kommen, bis man schließlich auf das Teilnehmergelände kurz nach 9 Uhr gelangte. Zu dieser Zeit wurde bereits die erste Welle in den Startbereich gelassen. Die Teilnehmer des New York Marathons erhielten nicht nur allesamt einzelne Nummern, sondern auch einen von drei Farbcodes, eine Startwelle sowie einen Zugangsblock zum Start zugeordnet.

Während die Wellen sich offenbar nach der angegeben Zielzeit richteten, durchschaute ich das Farbsystem nicht und fand im Internet auch keine Antwort, wonach sich dieses richtete. Ergebnis war jedoch, dass die drei Gruppen für die ersten Kilometer eigene Streckenverläufe hatten, so dass das Feld etwas ausgedünnt wurde, soweit man das bei so vielen Teilnehmern sagen kann. Insgesamt waren das zumindest keine optimalen Bedingungen für einen neuen persönlichen Rekord, wobei man sagen muss, dass die Organisation für den Startbereich wirklich sehr, sehr gut ablief!

Der dritte Grund, warum man den New York Marathon nicht in Bestzeit läuft, ist wiederum die Strecke selbst, denn diese hatte es in sich. Während ich nach dem Kassel Marathon bereits mit dem Anstieg am Ende haderte, machte New York seinem Namen alle Ehre. Ursprünglich von den Holländer New Amsterdam getauft, fanden die ersten Besiedelungen im heutigen Manhattan statt. Dieses Wort wiederum ist phonetisch an das ursprüngliche Wort der einst hier lebenden Indianer angelehnt und bedeutet so viel wie „hügeliges Land“. Und das war die Strecke: hügelig! Und das kostete Kraft!

NYC_elevation_map.png
Höhenprofil New York Marathon – Quelle: runnersconnect.net

Ich weiß nicht, wie ich auf einer flacheren Strecke am heutigen Tag abgeschnitten hätte, aber ich versuchte mich generell an die Empfehlung, den Lauf zu genießen, zu orientieren und lief erstmals einen Marathon ohne Musik auf den Ohren. Die After Shokz* waren nur für die Durchsagen der Pace aufgesetzt. Am Ende waren es dann 3 h 40:53 min, wobei die zweite Hälfte nicht nur anspruchsvoller, sondern entsprechend auch deutlich langsamer war. Dennoch bin ich absolut zufrieden. Ich lief den kompletten Lauf durch, hatte keinen Einbruch und weiß nun, wie eine Strecke aussieht, die nicht als „flach“ vom Veranstalter beschrieben wird.

Der (wahre) Marathon nach dem New York Marathon

Die am Ende relativ frischen Beine benötigte ich allerdings auch. Nach dem Zieleinlauf folgte der Marathon nach dem Marathon: Obwohl mein Hotel südlich des Ziels lag, wurden die Finisher noch eine ganze Weile nördlich getrieben, bevor man schließlich parallel zum Central Park wieder in Richtung Süden durfte. Insgesamt war ich noch einmal eine ganze Stunde bis zu meinem Hotel zu Fuß unterwegs. Ich glaube im April hätte ich diese Strecke nach dem Hannover Marathon nicht ohne Weiteres bewältigen können und wäre wie der ein oder andere Läufer erst einmal am Rand zusammengesackt.

Zumindest verhungert wäre man jedoch nicht. Direkt nach dem Ziel gab es für jeden Teilnehmer ein Goodie Bag mit ein paar Lebensmitteln. Ich hatte also doch noch meinen Marathonbeutel bekommen, den ich bei der Startnummernvergabe schon vermisst hatte. Darüber hinaus gab es einen Poncho, der überraschenderweise sogar nicht nur aus einer Plastiktüte bestand, sondern ein ernstzunehmendes Kleidungsstück war. Ich werde den ersten Poncho meines Lebens auf jeden Fall in Ehren halten und in Zukunft bei entsprechender Gelegenheit mit Stolz tragen.

IMG_3536

Damit kommen wir aber zur Frage aller Fragen: Muss man den New York Marathon einmal im Leben gelaufen sein? Mmh. Ich tue mich tatsächlich schwer mit der Antwort. Die Stimmung an der Strecke war zum allergrößten Teil ohne Frage extrem gut. Insbesondere die ersten Kilometer peitschten einen die Leute geradezu nach vorne. Auf der anderen Seite waren die ersten 1 bis 2 km über die Verrazano Barrows  Bridge spektakulär, was danach folgte jedoch umso weniger. Hätte man mir gesagt, man habe mich gerade in einer x-beliebigen amerikanischen Stadt ausgesetzt, hätte ich das genauso geglaubt. Wer die Tage zuvor Manhattan erkundete, wird die Strecke eventuell als fade empfinden.

Dem New York Marathon geht es vermutlich wie vielen erfolgreichen Events oder Dingen im Leben: Er lebt ein wenig vom Mythos und dem Hype – und vermutlich der Tatsache Teil der Big Six zu sein. Wenn ich aber den Vergleich mit dem Hannover Marathon ziehe, so muss sich dieser nicht vor New York verstecken. Natürlich ist alles ein wenig kleiner, aber New York war nicht der Marathon, der ein unvergleichbares Erlebnis gewesen wäre. Das ist allerdings Kritik auf einem extrem hohen Erwartungsniveau!

*Amazon Partner-Link

7 Gedanken zu „Den New York Marathon läuft man nicht in Bestzeit“

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.