Deutschland, Marathon

Kassel Marathon 2018: Warum es keine 3 h 30 min wurden

Wie schnell muss man Laufen, um den Olympiasieg im Marathon zu erreichen? Inzwischen ohne Frage ziemlich schnell und spätestens seitdem am 15.09.2018 in Berlin erstmals ein Mensch die Marathondistanz in weniger als 2 h 02 min schaffte, wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis die ersten Ausnahmeathleten die 2 Stunden unterbieten. Anders dagegen im Jahr 1904: Der Amerikaner Thomas Hicks gewann den Marathonlauf bei den Olympischen Spielen in St. Louis mit einer Zeit von 3 h 28:53 min. Warum ich das schreibe?

So schnell wie ein Olympia-Sieger

Als ich eine Woche vor dem Marathon meinen letzten geplanten 20-km-Lauf in 1 h 35min absolviert hatte, schrieb ein Nutzer unter das Bild „Wird Zeit für Rattengift und Brandy Doping“. Nachdem ich diesen Kommentar zunächst nicht einordnen konnte, klärte das Internet schnell auf:

Ähnlich wie aus Tour-de-France-Berichten zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus heutiger Sicht sonderbare Versorgungsstrategien der Athleten bekannt sind, nutzte Thomas Hicks statt isotonischen Getränken oder Bananen Brandy und Strychnin, das früher auch als Rattengift genutzt wurde. Der Vollständigkeit wegen sollte erklärt werden, dass Strychnin in geringen Mengen eine anregende Wirkung hat und seit 1945 daher auf der Dopingliste geführt wird. Über hundert Jahre nach Thomas Hicks kam es zuletzt 2016 zu einer Disqualifikation aufgrund des Missbrauchs bei den Olympischen Spielen – in diesem Fall bei den Gewichthebern.

Rattengift und Brandy stellten für mich natürlich zu keinem Zeitpunkt eine Option dar, allerdings fand ich den Gedanken witzig, einen Marathon schneller als ein Olympiasieger zu laufen. Sollte mir das beim Kassel Marathon gelingen? Eigentlich war der Gedanke, das Rennen aufgrund der anstehenden Termine bewusst langsam anzugehen. Gleichzeitig schien der Marathon gute Voraussetzungen zu bieten. Es waren für den Start kühle Temperaturen vorausgesagt und die Veranstalter warben auf ihrer Homepage mit einer flachen, schnellen Strecke.

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Im Nachhinein wußte ich, dass die RT5 direkt zum Start geführt hätte…

Zunächst aber musste ich zum Wettkampfort gelangen. Da der Zug nur bis zu einem Bahnhof am Ortsrand von Kassel fuhr, musste ich mit dem RE nach Kassel hineinfahren. Zugegeben verunsicherte es mich zunächst etwas, an meinem Ausstiegsbahnhof Menschen mit einem Kassel Marathon Beutel gesehen zu haben, die jedoch nicht mit mir Richtung Hauptbahnhof fuhren. Witzigerweise sah ich diese etwa eine halbe Stunde später jedoch in einer Straßenbahn, mit der ich vom Hauptbahnhof in Richtung Marathonstart fuhr. Offenbar führen nicht nur alle Wege nach Rom.

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Als Hannoveraner ein unbekannter Anblick der Bahnhofsfront.

In der Nähe des Startbereichs waren dann bereits deutlich mehr Menschen mit entsprechenden Laufutensilien zu sehen und die Ausgabe der Startunterlagen fand in einer Sporthalle statt. Während ich aus Hannover ein großes Zelt mit diversen Schaltern gewohnt war, gab es in Kassel für Marathonteilnehmer lediglich einen Schalter, der komplett geöffnet war. Offenbar war in Kassel alles ein wenig kleiner als in Hannover, worüber ich mir im Vorfeld zugegebenermaßen keine Gedanken gemacht hatte. – Es waren im Übrigen insgesamt knapp 9.000 Anmeldungen in Kassel, wohingegen in Hannover 2018 über 25.000 Personen in den verschiedenen Disziplinen mitliefen. Den Marathon beendeten davon allerdings in Kassel nur 367 Menschen, während es in Hannover 1631 Personen waren.

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Lange Wartezeiten gab es schon einmal nicht.

Entsprechend unspektakulärer war bereits der Startbereich. Während ich aus Hannover bisher nur einen großen abgesperrten Straßenbereich in Front des Rathauses kannte, inklusive Tribüne, Moderator und musikalischer Untermalung, die für die ersten Adrenalinausstöße sorgt, fühlte es sich in Kassel wie ein Start in einer unauffälligen Seitenstraße fernab der öffentlichen Wahrnehmung an. Vielleicht liegt es daran, dass es keine Kassler Band mit Weltruhm gibt, deren Song „Rock You Like a Hurricane“ aus den Boxen gepresst werden kann. Vielleicht fand es aber auch tatsächlich alles ein wenig fernab statt.

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Die wuselige Stimmung am Start gehört wohl immer dazu.

Neue Erfahrungen und Eindrücke

Während der Hannover Marathon direkt durch die Innenstadt und dicht besiedelte Stadtteile führt, war es in Kassel exakt das Gegenteil. Der Blick auf die Karte zeigt einen Sternlauf um das Stadtzentrum herum und tatsächlich nahm ich einen Großteil der Strecke nahezu unbewohnt wahr. Während einen in Hannover fast an der gesamten Strecke jubelnde Zuschauer nach vorne peitschen und unzählige kleine Kinder begeistert die Hände zum Abklatschen herausstrecken, war die Kasseler Strecke zum Großteil menschenleer. Natürlich feuerten die wenigen Menschen, die immer mal wieder zu sehen waren, genauso lauthals an. Dennoch nahm ich die Stimmung fast die gesamte Zeit über zurückhaltender wahr, was nicht nur an den Kindern lag, die nur selten ihre Hand heraushielten.

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Strecke Kassel Marathon 2018 – Quelle kassel-marathon.de

Das änderte nichts daran, dass der Lauf zunächst sehr gut startete. Ich hatte wie üblich Kopfhörer in den Ohren, um mir alle 500 Meter die Pace ansagen zu lassen, und absolvierte den ersten Kilometer in 4:41 min. Die ersten 5 Kilometer in 23:37 min. Die ersten 10 Kilometer in 47:11 min. Ich war – für meine Verhältnisse – sehr schnell unterwegs und es fühlte sich zunächst sehr gut an. Bereits nach den ersten 2, 3 Kilometern entschloss ich mich zu zocken. Die Strecke war laut Veranstalter schnell? Ich wollte schauen, ob sie schnell genug war, die Zeit eines Olympiasiegers zu schlagen!

Und so lief ich beständig weiterhin jeden Kilometer unter einer 5-min-Pace, um die Zeitnahme des Halbmarathons bei 1 h 40:56 min (netto) zu passieren. Ich war auf Olympiakurs und fest entschlossen mir die magischen 3h 30min zu holen, an denen ich beim Hannover Marathon 2018 noch so knapp gescheitert war. Doch dann kam es anders, als erwartet.

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Halbzeit – 1 h 40:56 min (netto)

Der Einbruch in der zweiten Hälfte

Während ich bei Kilometer 26 erstmals eine Pace über fünf Minuten hatte, begann bei Kilometer 31 der über fünf Kilometer verteilte Anstieg von insgesamt 65 Höhenmetern. Das klingt für mich als Laien nicht viel. Keine Ahnung, ob es das unter normalen Umständen ist, aber an diesem Tag kostete es mich alles. Von Kilometer zu Kilometer wurde ich langsamer und die Pace stieg auf 5:37 min bei Kilometer 36 an. Meine Hamstrings krampften und die inzwischen am Zenit stehende Sonne tat ihr übriges. Ich brach komplett ein.

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Höhenprofil des Marathons – Quelle kassel-marathon.de

Lief ich die ersten 21,0975 km noch in persönlicher Bestzeit, benötigte ich für die zweite Hälfte 1h 56:41 min, so dass ich am Ende mit einer Zeit von 3 h 37:37 min ins Ziel kam. Es ist schon erstaunlich, wie sich die eigenen Maßstäbe und Ansprüche verändern. Hatte ich für Hannover im April noch eine 3 h 45 min erhofft und war anschließend von der 3 h 31 min enttäuscht, so fühlte sich Kassel erneut wie eine Niederlage an, nachdem das insgeheim erhoffte Ziel so greifbar nah war.

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Von der Kulisse her das Streckenhighlight kurz vor dem Schluss.

Rückblickend hatte ich natürlich ein wenig gezockt. Ich hatte nicht erwartet, die schnelle Pace der ersten 10 bis 20 Kilometer aufrecht zu erhalten. Ich hatte allerdings auch nicht mit so einem Einbruch gerechnet, den ich nicht leichtfertig nur auf den Sonnenstich schieben will, den ich mir zu allem Überfluss noch geholt hatte.

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Die Medaille des Kassel Marathon 2018 ist in jedem Fall auffällig.

Kassel 2018 war eine neue Erfahrung in vielerlei Hinsicht, die ich mit Lehrgeld bezahlte. Es wird sicherlich nicht die letzte Niederlage auf dieser Reise gewesen sein, weshalb ich das Ganze bereits nach dem Zieleinlauf sportlich sehen konnte. Ich werde mir die Olympiazeit schon noch holen. Vielleicht nicht mehr 2018, aber es stehen ja noch so einige Marathons auf meiner To-Do-Liste.