Mindset

Warum das Flugzeug zum Jerusalem Marathon 2019 ohne mich flog

Nachdem ich im letzten Beitrag noch von meiner Wiederentdeckung des Tapings sprach und auch die Wadenprobleme, die mich vor dem Neu-Delhi Marathon noch plagten, inzwischen gänzlich behoben sind, hätte an dieser Stelle etwas zur Anreise zum Jerusalem Marathon 2019 stehen sollen. Es hätte mein zehnter Marathon sein sollen, aber die Überschrift und die Ansammlung an Konjunktiven wird bereits verdeutlichen, dass es nicht soweit gekommen war. Ich hatte keine Flugzeuge im Bauch, sondern ein schlechtes Gefühl, das mich wenige Stunden vor am dem Abflug dazu brachte, nicht nach Israel zu reisen.

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Bild: Pixabay / stevepb

Zwischen Bucket List und Reiseburnout?

Inzwischen sind ein paar Tage vergangen und ich hatte einiges an Zeit darüber nachzudenken, wie es dazu kam, dass es quasi nicht dazu kam. Hätte man mir vor einem Jahr erzählt, dass ich keine 365 Tage später bereits meinen zehnten Marathon laufen würde, hätte ich denjenigen für verrückt erklärt. Der Gedanke, immer mal wieder am Hannover Marathon teilzunehmen, war inzwischen durchaus präsent und bereits wenige Wochen später fiel der Entschluss zur Teilnahme am New York Marathon. Doch bereits nach so kurzer Zeit in den zweistelligen Bereich vordringen? Das erschein mir selbst zu Beginn der Reise in 80 Marathons um die Welt noch als unwahrscheinlich.

Ich arbeitete mich heran und wie ich bereits in einem der ersten Beiträgen darstellte, war der Respekt vor der Beanspruchung eine große Hürde, die genommen werden musste, um vor New York bereits in Kassel und Graz an den Start zu gehen. Und es lief gut. So gut, dass Pisa, Dubai und Neu-Delhi im Monatstakt folgten. Ich lief die letzten sechs Monate am Stück jeden Monat einen Marathon, wobei die letzten fünf davon im Ausland stattfanden. Und dabei reise ich eher ungern.

In 80 Marathons um die Welt, obwohl mich das Reisefieber kalt lässt? Das klingt vermutlich grotesk, aber im Prinzip ist es so. Ich habe mich bisher auf jeden Lauf gefreut und auch vor dem Jerusalem Marathon war die Vorfreude noch zwei Tage vor der Abreise durchaus groß, doch die Reiserei stellt eine nicht zu unterschätzende Belastung dar. Abgesehen von New York, wo ich aus Organisationsgründen nicht um einen längeren Aufenthalt herumkam, plante ich meine Aufenthalte immer so kurz wie möglich. Zeitverschiebungen, Flugverspätungen inklusive einem ungeplanten Aufenthalt über fast einen gesamten Tag auf dem Londoner Flughafen, Ankünfte und Abreisen mitten in der Nacht… wenn das die Merkmale eines Jetset-Lifes sind, dann kann ich darauf gerne verzichten. Nur kann man sich bekanntlich leider nicht zu den Veranstaltungen beamen.

Hatte ich so etwas wie ein Reiseburnout erlitten, ohne es zu merken? Zumindest wurde mir erst die letzten Tage bewusst, wie viele meiner spärlich gesäten freien Tage ich im Ausland verbrachte und auch dort nicht entspannte, sondern Home Office fernab von zu Hause betrieb. Für die Zukunft ist es mir zumindest eine Lehre, bewusstere Auslandspausen zwischen meinen Marathons einzulegen. Die nächsten beiden Veranstaltungen sind bekanntlich in Norddeutschland geplant und im Anschluss warten schon die nächsten drei Läufe auf drei verschiedenen Kontinenten. Ich habe mir aber vorgenommen, achtsamer zu werden.

Auf gewisse Weise stellt das Vorhaben, das ich hier dokumentiere, fraglos eine Bucket List dar. Auch wenn ich gelernt habe, dass insbesondere große Veranstaltungen so manches Mal mehr Schein als Sein sind, gibt es noch einige Marathons, die auf meiner persönlichen Liste sind und die ich erlebt haben möchte. So gesehen stellt Jerusalem nun schlichtweg ein Punkt mehr auf der imaginären Bucket List dar, denn ich plane den Lauf in jedem Fall nachzuholen.

Bescheiden im Sieg – Aufrecht in der Niederlage!

Das Leben verläuft nicht geradlinig und es ist weniger die Frage, welche Lehre wir aus Erfolgen ziehen, sondern wie wir mit (mentalen) Niederlagen umgehen. Goethe schrieb einmal „Durch Stolpern kommt man bisweilen weiter; man darf nur nicht fallen und liegenblieben.“ Wer sich immer nur auf sicheren Pfaden bewegt, wird niemals in neue Welten vordringen und so nehme auch ich die letzten Tage als ungeplante Erfahrung wahr.

In 80 Marathons um die Welt zu laufen, ist kein Sprint, so dass man immer nur den nächsten Teilabschnitt vor Augen haben kann. Man könnte nun denken, dass man im Gegensatz zum Sprint die Ziellinie den Großteil des Rennens nicht im Blick hätte. Das genaue Gegenteil ist der Fall. „Der Weg ist das Ziel!“ mag etwas abgedroschen klingen, doch trifft es diese Beschreibung auf den Punkt. Die Reise in 80 Marathons um die Welt ist mehr als das Abarbeiten einer Bucket List. Es ist Lernprozess, Selbstverwirklichung, Meditation und das bewusste Antreten von Herausforderungen. Und diese wären keine, wenn sie in jedem Fall gelingen würden.

2 Gedanken zu „Warum das Flugzeug zum Jerusalem Marathon 2019 ohne mich flog“

  1. Hut ab, sich so etwas einzugestehen und dann auch entsprechend zu handeln. Kann aus Erfahrung sagen, dass das nicht so einfach ist.
    Viel Erfolg für die nächsten Läufe!

    1. Es war auf jeden Fall eine unerwartete Erfahrung, aus der ich lernen werde bzw. wie ich schon schrieb die Erfahrung ziehe, achtsamer zu sein. Hinfallen gehört im Leben dazu 😌

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