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Laufen ohne Marathons: Haben oder Sein?

Laufen, obwohl keine Marathons anstehen? Das fällt vielen Hobbyläuferinnen und -läufern immer wieder schwer, wobei es sich dabei nicht um ein exklusives Läuferproblem handelt. Auch in der Fitnessszene führte die coronabedingte Schließung der Studios zu zwei Verhaltensweisen: Man organisierte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten ein Homegym oder man ließ die Hantel gänzlich ruhen. Obwohl Laufen zunächst nicht mehr als ein paar Schuhe und einfache Sportsachen benötigt, stellt ein Event wie ein Marathon dennoch ein wichtiges Ziel für viele Menschen dar. Ist das Ziel dagegen in so weiter Ferne, wie es aktuell nur sein kann, wird das Laufen zur Charakterfrage. Haben oder Sein?

Wann gab es zuletzt Marathons?

Als im Januar 2020 Corona begann sich über die Welt zu verteilen, drehte sich die Marathonwelt zunächst noch weiter. Wäre mir die Verletzung nicht dazwischengekommen, wäre ich im Januar in Funchal und im Februar in Kiel gestartet. Doch bereits ab März sollte nichts mehr genauso sein. Der Barcelona Marathon war eines der ersten Großevents für Hobbysportler, die dem Virus zum Opfer fielen. Auch in Deutschland wurde die Lage ernster.

Die sogenannte erste Welle kam über Deutschland. Schon damals wurde diese von einigen Wissenschaftlern als erstes Warnsignal, aber keinesfalls echte Welle im Verhältnis zu dem, was uns noch bevorstehen könnte, verstanden. Am 02. April 2020 lag der damalige Höchstwert bei 6922 Erkrankten und sorgte damit für die ersten virtuellen Veranstaltungen und Verschiebungen. Der Hannover Marathon verschob beispielsweise sein 30-jähriges Jubiläum und ließ die angemeldeten Läuferinnen und Läufer damals ihr eigenes Rennen bestreiten. Wie auch bei dem im Laufe des Jahres 2020 losgetretenen Trend gab es daraufhin die Medaille zugeschickt.

Andere Veranstaltungen wie Hamburg hofften auf den Herbst, der aber – wie wir heute wissen – der Beginn der zweiten Welle sein sollte. Die Fallzahlen stiegen schnell auf tägliche Werte, die mindestens dem dreifachen Wert der Frühjahrsspitze entsprachen. Damit war klar, dass das Marathonjahr 2020 beendet war. Die kleinen Vorstöße im Norden mit Bremerhaven und Cuxhaven, aber auch dem Ultratrail in Schwerin sollten ein Intermezzo bleiben, für das ich rückblickend umso dankbarer bin.

Corona hält die Läuferwelt auch 2021 in Atem

Im Januar 2021 befanden wir uns mitten im Lockdown. Ein Zustand, den wir ein Jahr zuvor höchstens mit Verwunderung über die Medien in China beobachteten. Auch wenn wir keineswegs chinesische Zustände haben und auch in anderen europäischen Ländern deutlich härtere Einschränkungen umgesetzt wurden, sind die ersten Auswirkungen auf die Marathonwelt bereits spürbar.

Der Hannover Marathon, der 2021 sein Jubiläum nachholen wollte, wurde 100 Tage vor dem eigentlich geplanten Termin bereits abgesagt. Eine Verschiebung in den Herbst wollte man vermeiden, um den Rennkalender nicht durcheinanderzubringen. Hamburg hat Ende Januar noch keinen neuen Termin für 2021 und der Rennsteiglauf, der 2020 ebenfalls ausfiel, wurde bereits in den Oktober 2021 verlegt. Sollten tatsächlich alle Termine im Oktober stattfinden, könnte es für mich ein enger Rennkalender werden, nachdem die Oktober-Marathons im letzten Jahr sehr kurzfristig abgesagt wurden.

Volle Normalität wird die Marathonwelt wohl auch im Herbst 2021 noch nicht erleben dürfen. Ich bin selbst gespannt, wann die ersten kleinen offiziellen Veranstaltungen wieder möglich sein werden. Nach jetzigem Planungsstand werde ich mich erneut auf die Ultra-Strecke begeben. Doch was ist mit den Menschen, für die der Marathon ein Jahreshighlight ist? Ich selbst kann mich noch gut daran erinnern, wie ich nach dem Hannover Marathon 2014 die Laufschuhe praktisch an den Nagel hing. Ich wollte den Marathon auf meiner Bucket List haben. Ich wollte aber kein Marathonläufer sein.

Haben oder Sein? – Erich Fromm wäre weitergelaufen

In seinem Buch Haben oder Sein stellte der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm seine Sicht auf die seelische Grundlage einer neuen Gesellschaft dar, wie er es selbst formulierte. Anders gesagt, beschrieb Fromm, was die innerste Motivation des menschlichen Handelns sei: Haben oder Sein. Dabei handle es sich um unterschiedliche Formen des menschlichen Erlebens. Ob das Haben oder das Sein jeweils dominieren, übe letztendlich Einfluss auf das Denken, Fühlen und Handeln des Einzelnen aus.

Haben oder Sein?

Das Sein ist immer im Hier und Jetzt, im Moment verankert, wohingegen das Haben sich auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bezieht. Letzteres können wir mit Substantiven beschreiben. Ich habe einen Marathon geschafft. Ich habe die Marathon Medaille erhalten. Ich habe eine neue Bestzeit erreicht. Das Sein ist dagegen eine Zustandsbeschreibung. Ich bin Läufer – oder eben auch nicht.

Natürlich sind Haben und Sein nicht gänzlich voneinander trennbar. Die Frage ist jedoch, welche Form überwiegt. Laufe ich des Habens oder Seins wegen? Die Antwort darauf geben wir uns aktuell am eindrucksvollsten selbst. Natürlich sind wir niemandem Rechenschaft schuldig. Auch wenn Fromm im Haben die Grundlage für Habgier sieht, die wiederum der Nährboden für Konflikte sei, bedeutet das nicht, dass die Lösung darin bestehe, nach Nichts zu streben oder Anstrengungen zu meiden.

In den gesammelten Gedanken Vom Haben zum Sein, die nach seinem Tod veröffentlicht wurden, kritisierte Fromm den Irrtum, dass es ein Leben ohne Anstrengung und Leiden gäbe. Im Sport traf der 8-fache Mr. Olympia Ronnie Coleman diesen Gedanken auf den Punkt: “Everybody wants to be a bodybuilder, but nobody wants to lift no heavy-ass weights.” – Wer (Marathon-)Läufer sein will, muss dafür trainieren. Muss nach etwas streben. Muss sich ein Ziel setzen.

Laufen ohne Marathons: Warum läufst du?

Dieses Ziel muss nicht zwangsläufig die nächste Bestzeit sein, auch wenn dies zur Diskussion über die Mittelmäßigkeit der eigenen Ansprüche führen kann. Es geht viel mehr darum, den Weg zum Ziel werden zu lassen. Nicht das Haben eines Rennergebnisses, sondern das Sein des ständigen Erlebens, ohne dabei in Narzissmus aufzugehen. Es geht nicht um die absolute Fokussierung auf sich selbst, sondern darum, das Warum zu definieren und zu verfolgen. Warum läufst du?

Wie schon geschrieben, sind wir niemandem die Antwort auf diese Frage schuldig und sollten keine Rechenschaft ablegen müssen, solange die Ausführung nicht auf Kosten anderer geht. Doch gerade in diesen Zeiten, in denen der nächste Marathon in unbekannter Ferne liegt, haben wir – oder besser – besteht die Möglichkeit, das Sein des Laufens für sich selbst zu erkunden.

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