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Das erste Mal Marathon…

Das erste Mal Marathon: Mit vielen Dingen ist es so, wenn man sie das erste Mal erlebt, dass man entweder davon so schnell nicht wieder wegkommt, oder auf diese für die nahe Zukunft oder sogar für immer gut und gerne verzichten kann. Meinem ersten Tattoo folgte nie ein zweites und Verlangen danach wuchs auch nie in mir auf. Meinem ersten Wettkampf im Powerlifting folgten inzwischen über die Jahre über ein Dutzend weitere und ich brannte eigentlich ab Tag 1 für das Gefühl auf der Plattform. Die Liste mit Beispielen für das eine oder andere Extrem könnte sicherlich jeder unendlich fortführen, doch wie war der erste Marathon?

In meinem ersten Blog-Beitrag in diesem Format gab ich einen kleinen Überblick, wie der Weg zum Vorhaben „In 80 Marathons um die Welt“ aufkeimte und ich sprach die aus meiner Sicht wichtigen Etappen der Vergangenheit an. Fast schon beiläufig ging es dabei um meinen ersten Marathon im Jahr 2014, den ich als Nicht-Läufer sofort unter 4 Stunden schaffte. Eine ambitionierte Hürde für Otto-Normal-Menschen, wie ich mir schon damals sagen ließ, und für mich insbesondere damals ein großes (mentales) Erfolgserlebnis, das auf der Zielgerade zu scheitern drohte.

Der erste Marathon mit ü30

Wie ich bereits im einführenden Beitrag ansprach, hatte ich ursprünglich vor, mit 30 den ersten Marathon gelaufen zu haben. Das klappte nicht so ganz. Andererseits war auch nie die Rede davon, überhaupt ein zweites Mal diese für mich noch immer manchmal schwer (be)greifbare Distanz zu laufen.

Nachdem ich bereits im Jahr 2013 mit der Teilnahme liebäugelte und ein Kollege bei der Polizei damals die Halbmarathon-Distanz lief, manifestierte sich die Idee, das Projekt erster Marathon endlich anzugehen. Gemeinsam mit ursprünglich drei weiteren Kollegen aus meiner Einheit beschlossen wir, uns für den Hannover Marathon 2014 anzumelden.

Schon damals bestand mein Leben nicht nur aus Sport und Freizeit. Das Berufsleben hatte mich mit Wechselschichtdienst voll im Griff, ich war bereits mit meiner heutigen Frau zusammen und befand mich mitten in den Vorbereitungen meines Promotionsvorhabens, das wenige Monate später offiziell starten sollte. Die eigentliche Herausforderung an der ganzen Sache: Während ich mit Bodybuilding- und Kraftsporttrainingsprinzipien schon seit Jahren vertraut war, betrat ich mit dem strukturierten Laufen völliges Neuland.

Ich begann mich in die gesamte Thematik einzulesen, mir Laufpläne anzuschauen und ich überlegte, wie ich diese mit meiner begrenzten Zeit und meinen anderen sportlichen Zielen verbinden könnte. Das Ergebnis war das sogenannte Predator Protocol. Ein kostenloses Trainingstemplate, das ich als Halbmarathon-Variante ab Anfang 2014 auf der Plattform Team-Andro.com für Hantelsportler, die ebenfalls Laufluft schnuppern wollten, anbot. Ich absolvierte das Programm selbstverständlich in der Marathonvariante mit entsprechend längeren Distanzen.

Das Prinzip war einfach gestaltet: Das Training bestand aus drei Tagen. Am ersten Tag wurde ein Oberkörpertraining mit anschließender intensiver Laufeinheit durchgeführt. Am zweiten Tag gab es eine längere Strecke, deren Pace 30 bis 45 Sekunden über der vom ersten Tag lag, wobei im späteren Verlauf ein TRX-Training dem Lauf vorangestellt wurde. Und schließlich gab es einen dritten Tag, an dem Nüchternläufe mit wöchentlich 1 Kilometer mehr Distanz absolviert wurden.

Für den ersten Marathon waren 4 h 15 min das Ziel, wie ich es noch aus alten Trainingsaufzeichnungen nachvollziehen kann. Ich hatte schon damals großen Respekt vor der Distanz, der durch die Trainingseindrücke nicht geringer wurde. Ich war, wie bereits im ersten Beitrag dargestellt, bis dahin einmal einen Halbmarathon gelaufen und danach auch nie wieder längere Strecken. Dies war nicht nur meine erste Marathonvorbereitung. Es war mein erster Einblick in eine ganz andere Laufwelt!

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Strecke Hannover Marathon 2014 – Quelle: hannover-marathon.de

Die folgenden Zeilen stammen (leicht angepasst) aus meinem abschließenden Erfahrungsbericht vom 28.04.2014:

Mein erster längerer Lauf war am 02.11.2013 mit 14,61 Kilometer in 1h 27 min. Also knapp einer 6er Pace, die mich damals mental sehr forderte. Allgemein kann ich wohl sagen, dass jeder lange Lauf immer wieder vor allem eine mentale Hürde war. Oftmals war ich danach für den restlichen Tag zu nichts mehr zu gebrauchen und vegetierte nur noch auf der Couch. Darüber hinaus hatte ich zu Beginn nie etwas zu trinken mit, was ich später bei Läufen, die länger als 20km gingen, immer versuchte zu vermeiden.

Im Dezember kam ich weniger zum Trainieren, was ich aber zuvor bereits wusste. Der November diente vielmehr dazu, dass ich mich dazu entschied, das Vorhaben Marathon anzugehen oder es zu lassen. So war der längste Lauf im Dezember auch lediglich 15,8 km in 1 h 23 min.

Im Januar ging es dann ans Strecke machen. Der zügige Lauf wurde nach und nach auf 9 km erhöht und die längste Distanz waren 24,13 km in 2 h 21 min. – Soweit ich mich erinnere bzw. meine Trainingsaufzeichnungen es wiedergeben, war dieser 24 km Lauf auch mit Abstand der schlimmste, was die Erschöpfung im Anschluss betrag. Es war damals einfach nicht mein Tag.

Die lange Distanz stieg im Februar auf 30 km an, wobei ich zwei Mal die 30 km Marke knackte. Der zügige Lauf wurde auf bis zu 12 km (in 58min) erhöht. Die 30,3 km lief ich in 2 h 57 min.

Im März schraubte ich die Distanzen etwas zurück, bzw. verkürzte den zügigen Lauf auf maximal 10 km, lief mehrfach um die 20 km und nur einmal über 30 km zum Ende des Monats mit 34,41 km in 3 h 26 min. Zum Teil war das der fehlenden Motivation zu schulden. Die Vorstellung, 42km durchzuhalten, war immer noch gruselig und ich hatte einen riesigen Respekt vor dem eigentlichen Wettkampftag.

Im April beließ ich schließlich die zügigen Läufe bei maximal 10 km (wobei die Pace teilweise über 5min war) und lief am 07.04.2014 noch einmal die 34,38 km in 3 h 31 min. Vier Tage zuvor absolvierte ich 20 km unter 1 h 40 min und fühlte mich super und bereit für den Marathon.

Bei diesem zweiten Lauf deutlich über 30 km sollten daher die 36 oder 37 km fallen. Ich musste an diesem Tag aber mit starken Knieschmerzen kämpfen, die schließlich zum Aufgeben zwangen. Auf gewisse Weise war dies ein erneuter mentaler Rückschlag, da ich mich danach nicht noch einmal traute eine Distanz über 30km vor dem Marathon anzugreifen.

Mein letzter Lauf war dann am Dienstag vor dem Marathon über die Halbmarathondistanz in 1 h 58 min. Ich lief am Sonntag mit jemandem zusammen, der vorschlug noch einmal Laufen zu gehen. Mir war bewusst, dass die ganzen Laufratgeber so kurz vor dem Wettkampf einen solch langen Lauf nicht empfehlen, andererseits war der Halbmarathon gefühlt sehr leicht, was letztendlich eine mentale Stärkung für den Marathon selbst war. Allein, dass ich erneut am Ende Knieschmerzen bekam, verunsicherte mich etwas.

Den Tag vor dem Marathon machte ich dann gar nichts. Am Freitag hatte ich noch ein zügiges Freeletics Training (das damalige Zeus in 20:09 min*) absolviert und Samstag eigentlich nur noch Kohlenhydrate gegessen.

Meine gesamten Läufe machte ich praktisch immer auf nüchternen Magen, so dass ich auch am Sonntag dann nichts mehr vor dem Wettkampf aß, sondern lediglich Koffein- und Schmerztabletten einpackte.

Um kurz nach 9:00 Uhr ging es dann los. Die erste Koffeintablette war geschluckt und ich lief mit meinem Kollegen in einem gefühlt sehr entspannten Tempo los. Die anderen zwei Kollegen, die mit uns starten wollten, hatten inzwischen die Vorbereitung aufgegeben.

Wir hatten uns beide die 4 h als magisches Ziel gesetzt und versuchten entsprechend die Pace anzupassen. Gerade die ersten 15 bis 20 km gab es unglaublich viele Leute, die uns überholten oder uns davonzogen. Hätte mein Mitstreiter mich nicht gebremst (er trug die GPS Uhr), wäre ich zeitweise wohl auch zu schnell gewesen, aber so versuchten wir unser Rennen zu laufen.

Dieses war wiederum sehr entspannt. Im Prinzip redeten wir die gesamte Zeit, ich schrieb bei WhatsApp noch mit Leuten während des Laufens und die 5:35er Pace, die wir zu diesem Zeitpunkt im Schnitt hatten, fühlte sich noch nie so leicht an. Bis Kilometer 20 war es praktisch absolut gar keine Belastung.

Einzig das Knie begann bei Kilometer 10 erneut zu schmerzen und ich hatte an diesem Punkt Angst, das Rennen abbrechen zu müssen, aber unterm Strich halfen die Schmerztabletten und die Pace nicht zu langsam zu gestalten. Das hatte sich zuvor als Problem erwiesen. Alles über 6er Zeiten beeinflusste meinen Laufstil offenbar negativ.

Insgesamt müssen uns einige Leute gehasst haben. Wir laberten wirklich ununterbrochen, als ob wir auf einem Sonntagsspaziergang unterwegs waren. Bei Kilometer 18 rief ich meine heutige Frau an, dass wir bald an den Punkt kommen würden, wo sie an der Strecke warten wollte. Man kann sich die Gesichter einiger anderer Läufer vorstellen, als ich begann locker und ohne außer Atem zu geraten, zu telefonieren.

Bis hierhin hatte ich das Gefühl kein Stück Anstrengung zu spüren, so dass wir uns entschlossen, das Tempo etwas anzuziehen.

So ging es immer weiter bis bei Kilometer 31 die Teilnehmerfelder vom Halbmarathon und Marathon zusammengeführt wurden. Ich empfand das als absolute Katastrophe. Inzwischen brachen die ersten Marathonläufer ein und die Halbmarathonläufer waren allesamt langsamer als wir. Es wurde also zum Hindernislauf, bei dem wir ständig um irgendwelche Leute herumlaufen mussten. Das kostete nicht nur Kraft, sondern ließ auch kein „rundes“ Laufen mehr zu.

Die größte Herausforderung war dann aber bei Kilometer 35. Bei diesem vorletzten Trink- und Versorgungsstand gab es keine Becher mehr, so dass man nichts trinken konnte. Abgesehen davon, dass mich das wirklich in diesem Augenblick aufregte, fühlte ich mich ok. Dieses letzte Bild entstand kurz vor Kilometer 36.

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Kurz nach Kilometer 37 kam dann der Einbruch. Ich hatte bei Kilometer 32 nur wenige Schlucke getrunken (ging ja davon aus, dass der nächste auch wieder in 3 km kommen würde), und mir wurde plötzlich schlecht. Ich bekam Gänsehaut und merkte, dass ich die Pace nicht halten konnte. Da waren wir bei ca. 3 h 27 min, trotz der widrigen Umständen.

Ich ließ meinen Laufpartner ziehen und quälte mich weiter. Bei Kilometer 38 musste ich sogar ein paar hundert Meter gehen, weil mir kotzübel war. Ich sah die 4 h schon davonziehen.

Bei Kilometer 39 gab es dann zum Glück noch einen Versorgungsstand, der auch noch Becher und somit Trinken hatte. Ich nahm Flüssigkeit zu mir und der Körper spielte wieder mit, so dass ich wieder halbwegs in Tritt kam.

Die letzten 2 Kilometer waren es dann wohl auch wieder knapp 5:35 min als Pace. Dennoch kostete mich das Ganze unglaublich viel Zeit, so dass es für die letzten 5 Kilometer dann gut 29 Minuten wurden. Wäre an dem vorletzten Stand normal Flüssigkeit ausgeteilt worden, denke ich, dass realistisch 2-3 Minuten weniger drin gewesen wären, aber letztendlich war das auch egal. Ich kam mit 3 h 56:03 min ins Ziel und hatte damit die (für mich) magische Grenze geschafft.

hannover2014

Die letzten Kilometer hatte ich unglaublich viele Leute überholt. Jetzt wusste ich, was immer damit gemeint war, wenn in Laufratgebern zu lesen ist, dass die Leute sich ein Rennen schlecht einteilen würden.

Dies war mein Resümee nach meinem ersten Marathon. Zunächst war die erste Euphorie trotz aller Strapazen groß und der Start für 2015 fest eingeplant. Nachdem die Muskelschmerzen und Endorphine aber wieder verschwunden waren, fiel ich in ein Läufertief, wenn man so möchte. Ich lief die nächste Wochen und Monate erst einmal fast gar nicht, bis mich zwei Jahre später erneut das Fieber packte, aber dies ist eine andere Geschichte

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