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Marathon: Warum sind es 42,195 km?

Ich bin in der Subkultur der Laufwelt endgültig angekommen. Zumindest ist der Werbealgorhytmus des Unternehmens Facebook ganz offensichtlich dieser Meinung, denn sowohl auf dem von Zuckerberg gegründeten sozialen Netzwerk, als auch der inzwischen aufgekauften Plattform Instagram wurde mir die Werbung für einen Laufschuh des Unternehmens Nike angezeigt. Beworben wurde ein neues Schuhmodell, über dessen Design sich in den Kommentaren bereits gestritten wurde. Was ich – und auch einige Kommentare – jedoch viel spannender empfand, war der dazugehörige Werbetext: „Du hälst dich für einen echten Läufer? Beweise es. Laufe ganze 42,1 km…“ 42,1 km? Da fehlt doch etwas?

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Die Werbeanzeige auf Facebook lies die Frage offen, was mit den restlichen 95 Metern wäre…

Eine krumme Zahl mit historischem Bezug?

Warum sollten echte Läufe gemäß dem amerikanischen Unternehmen die letzten 95 Meter auslassen? Geben Nike-Läufer so kurz vor dem Ziel auf? Hoffentlich nicht und vermutlich ist der Praktikant beim Erstellen des provokanten Werbetextes nur von der Tastatur abgerutscht, denn auch ein Übersetzungsfehler ergäbe wenig Sinn. Schließlich sind 42,1 km mit 26,16 Meilen auch eine recht krumme Zahl. Warum aber ist der Marathon genau 42,195 km lang? Streng genommen war dies keinesfalls schon immer der Fall.

Während andere Laufdisziplinen mit 100, 400 oder 10.000 Metern fast schon elegante und in jedem Fall klare Zahlen liefern, wirkt die Streckenlänge des Marathons beihnahe wie der bucklige Verwandte, den niemand auf einem Familienfoto haben möchte. Zumindest namentlich hat die Distanz ihren Ursprung im alten Griechenland. Dort soll ein Mann namens Pheidippides bekanntermaßen im Zusammenhang mit der Schlacht um die Stadt Marathon losgelaufen sein, um seine Botschaft zu überbringen. Welche dies genau war, ist bereits strittig und dieser Streit keinesfalls nur Makulatur:

Während jüngere Überlieferungen aus dem ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus von einem Lauf nach Athen berichten, der zumindest annähernd 42,195 km lang gewesen wäre, schrieb Herodot im fünften Jahrhundert vor Christus von einem Lauf nach Sparta, der wiederum knapp 245 km lang gewesen wäre und damit wohl selbst die meisten Ultramarathons, die sich heutzutage einer wachsenden Beliebtheit erfreuen, in den Schatten gestellt hätte. In den jüngeren Erzählungen kam der Bote aufgrund der Belastung sogar zu Tode. Auch wenn viele Läufer dies nach ihrem ersten Marathon vielleicht sogar nachempfinden können, kann insbesondere dieser Teil der Geschichte wohl ins Reich der Mythen und Sagen gepackt werden.

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Von Marathon nach Athen, die Ausgangsbasis einer ganzen Laufgemeinschaft… – Quelle: dw.com

Vermutlich ist selbst der Marathonlauf nach Athen nur der Phantasie der griechischen Schreiber Plutarch und Lukian entsprungen und wer weiß, wie die Geschichte ausgeschmückt worden wäre, wenn die fast 2000 Jahre später entstandenen Folgen schon damals bekannt gewesen wären. In jedem Fall hatten die alten Griechen jedoch keinen finalen Einfluss auf die Streckenlänge, denn wie schon geschrieben, ist die Entfernung zwischen der Stadt Marathon und Athen nur knapp 40 Kilometer lang.

Dennoch hält es die Stadt Marathon nicht davon ab, sich selbst als Geburtsstadt des Wettbewerbs zu vermarkten und ganz Unrecht haben die heutigen Stadtväter damit ja nicht. Einen historischen Bezug haben die 42,195 km somit aber nicht. Zumindest, wenn man so weit in die Geschichte zurückgehen möchte. Wer den Blick dagegen lediglich eine überschaubare Anzahl an Jahrzehnten zurückwirft, wird der Beantwortung der eingangs gestellten Frage eher näherkommen.

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Logo der Stadt Marathon – Quelle: Wikipedia.de

Die Briten haben es erfunden und das Internet mystifiziert…

England gilt als das Geburtsland des Fußballs, was immer wieder gerne betont wird, auch wenn die englische Fußballnationalmannschaft ihre erfolgreichsten Zeiten lange hinter sich hat und jegliche Hoffnungen in neue Generationen zumindest bis zum Jahr 2019 unerfüllt blieben. Doch England hat nicht nur das Treten keinen einen Lederball institutionalisiert, sondern auch entscheidenden Einfluss auf den Marathonsport genommen. Bevor wir dazu kommen, muss man jedoch noch etwas weiter ausholen.

Ende des 18. Jahrhunderts gewannen Laufwettbewerbe in den USA und Großbritannien zunehmend an Beliebtheit. Diese Form der Veranstaltungen gehörte dabei nicht zur Leichtathletik, wie man es heutzutage kategorisieren würde, sondern wurde als Pedestriantismus bezeichnet und beinhaltet neben Lauf- auch Gehwettkämpfe. Ähnlich wie heutzutage sollen sich die Wettkämpfe schon damals der Beliebtheit von Zuschauern erfreut haben, was ohne Frage auch heutzutage noch ein entscheidender Faktor dafür ist, wie man einen Marathon erlebt. Der Gedanke an die Geschichte um die Schlacht bei Marathon kam jedoch erst mit Ausgrabungsarbeiten um 1890 wieder auf, im Zuge derer Gräber gefallener Soldaten gefunden wurden.

Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits die ersten Vorarbeiten für die ersten olympischen Spiele der Neuzeit, die im Jahr 1896 in Athen stattfinden sollten. Eine sportliche Herausforderung mit historischem und lokalen Bezug wird offenbar auch IOC-Gründe Pierre de Coubertin als einmalige Chance im Zuge seiner Planungen verstanden haben, so dass der erste olympische Marathon tatsächlich von der Stadt Marathon bis nach Athen führte.

Karl Lennartz berichtete bereits 1997 in dem Aufsatz „Die Leistungsentwicklung in der Vor- und Frühgeschichte des Marathonlaufs“ (enthalten in Sportliche Leistung im Wandel*) davon, dass man ursprünglich sogar mit 48 km plante, bis die Strecke halbwegs vermessen und in der Ausschreibung 42 km angegeben wurden. Im Rahmen der Vorbereitung griechischer Sportler stellte man schließlich fest, dass dies immer noch nicht stimmen würde, so dass die Strecke am Ende gemäß Programmheft offiziell 40 Kilometer lang war. Auch heutzutage startet der Athener Marathon noch in der Stadt Marathon, wobei die Strecke inzwischen selbstverständlich auf die bekannten 42,195 km angepasst wurde.

Doch wie kamen nun die letzten 2,195 km dazu? Hier kommen die Briten wieder ins Spiel. Während nach 1896 Marathonveranstaltungen sich grob am Athener Vorbild orientierten, ohne dass Vermessungen in der heutigen Akribie umgesetzt worden wären, fanden die olympischen Spiele 1908 in London statt. Dort sollte der Lauf vom Schloss Windsor bis ins Stadion führen und hätte damit 26 Meilen (41,843 km) entsprochen. Königin Alexandra habe nun allerdings relativ spontan darauf bestanden, dass der Lauf genau vor ihrem Fenster am Schloss Windsor beginnen würde, so dass die letzten Teile der Strecke ergänzt werden musste und schließlich eine Länge von 42,195 km registriert wurde. – Soweit der Mythos, der im Internet inzwischen am meisten vertreten wird und wer ein wenig durch die entsprechenden Seiten surft, bekommt das Gefühl, das eine Seite fleißig von der anderen abgeschrieben hätte.

Karl Lennartz schaute dagegen genauer hin: In der ursprünglichen Ausschreibung schrieben die Engländer von einer Strecke über 40 km. Bei der Vermessung der Strecke, die wohl sehr genau erfolgte, startete man am Stadion, wo sich das Ziel befand, und endete nach 25 Meilen an der Barnespool Bridge in Eton, was das olympische Komitee damals als nicht als geeigneten Startort empfand. Also war vermutlich schon damals klar, dass der Lauf vor der Ostterasse des Schloss Windors starten solle, denn so waren es genau 26 Meilen. Hinzu kamen dann noch 385 Yards im Stadion, damit das Rennen vor der königlichen Loge endete, und schon hatte man eine 42,195 km lange Strecke. Streng genommen sogar nur eine 42,194988 km lange Strecke.– Eine ganz so spontane Streckenverlängerung, wie man es im Internet oftmals zu lesen bekommt, gab es also wohl eher nicht.

Dass diese krumme Streckenlänge jedoch kein einmaliges Erlebnis blieb, ist weniger der britischen Queen als mehr einem Italiener sowie einem Amerikaner zu verdanken: Der Europäer Dorando Pietri lag bis etwa 350 Meter vor dem Ziel deutlich vorne, brach dann jedoch mehrfach zusammen, bevor er die Ziellinie überschreiten konnte. Dank des ausreichenden Vorsprungs, konnte er mit der Unterstützung von Helfern als erster die Ziellinie überqueren, was jedoch zur Disqualifikation führte. Der US-Amerikaner John Hayes wurde zum Sieger erklärt, woraufhin es in den USA eine Serie an Revanche-Wettkämpfen gab, die jedes Mal über die Strecke von 42,195 km ausgetragen wurden.

Bei den olympischen Spielen 1912 und 1920 war die Marathondistanz erneut eine andere. Mit 42,75 km wurde den Läufern bei den olympischen Spielen in Antwerpen sogar die längste Distanz abgefordert. Erst 1921 legte der internationale Verbund für Leichtathletik die heute bekannte Streckenlänge fest. So gesehen, steht dem Marathon im Jahr 2019 sein 100-jähriges, durchgehendes Bestehens also noch bevor.

Postete die griechische Siegesgöttin etwas kopflos?

Damit ist nicht nur klar, wie es zur Länge der Strecke kam, sondern dass auch Nike sich vertan hat. Fast schon kopflos, könnte man meinen, was zur Nike von Samothrake passt. Eine Skulptur der griechischen Siegesgöttin Nike, die im Louvre in Paris steht, und deren Kopf ebenso wie ihre Arme bis heute nicht gefunden wurden. Sie kann es also nicht gewesen sein, die die falsche Streckendistanz in die Werbeanzeige eintrug. Aber vielleicht wollte man im us-amerikanischen Unternehmen auch nur dem Italiener Pietri entgegenkommen, um ihm die Aussicht auf einen Sieg zu eröffnen. Wie auch immer: Echte Marathonläufer bewältigen in jedem Fall die vollen 42,195 km.

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Nike von Samothrake – Quelle: Wikipedia.de

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6 Gedanken zu „Marathon: Warum sind es 42,195 km?“

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