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Trainingsplanung: Kunst oder Wissenschaft?

Eine Woche vor dem Gold Coast Marathon in Australien habe ich mich relativ spontan entschlossen, die Füße hochzulegen. Kein Laufen oder Krafttraining für die nächsten sieben Tage, was schon beim Schreiben dieser Zeilen ein gewisses Unwohlsein in mir erzeugt. Ich bin damit also kein Stück besser, als bereits viele Sportler, die ich in der Vergangenheit bei ihrer Entwicklung begleitet habe. Wer leistungsorientiert trainiert, tut sich schwer damit, genau dies nicht zu tun, solange man nicht von Verletzungen geplagt oder mit ernsthaften Problemen konfrontiert ist. Ich selbst schrieb einmal, dass es keine guten Gründe gäbe, eine Trainingseinheit ausfallen zu lassen, sondern nur schlechte Ausreden. Ist meine Entscheidung dann nicht geradezu ein bizarrer Widerspruch? Nicht ganz.

Trainingsplanung: Kunst oder Wissenschaft?

Arnd Krüger beschrieb in seinem Aufsatz zur Veränderung der Trainingssysteme für Mittel- und Langstreckenläufer (enthalten in Sportliche Leistung im Wandel*) , dass die Planung von einem strukturiertem Training insbesondere in der Vergangenheit häufig als Kunst verstanden wurde. Andernfalls wäre der beste Trainingswissenschaftler automatisch der beste Trainier, und dass dies nicht der Fall ist, sollte langläufig bekannt sein.

Dennoch nehmen die Trainingswissenschaften heutzutage selbstverständlich eine deutlich wichtigere Rolle in der Trainingsplanung von Sportlern ein, als noch vor zweihundert Jahren. An der Tatsache, dass viel vissen nicht gleichzeitig auch alles verstehen bedeutet, ändert dies jedoch nichts. Wer Trainings plant, muss auch heutzutage noch in gewisser Weise ein Künstler sein. Anders drückte es der erfolgreiche Bodybuilding-Coach Neil Hill einmal aus: Knowledge without mileage is bullshit! – Ein Spruch, der ursprünglich Henry Rollins zugeschrieben wird. Ein us-amerikanischer Musiker, Schriftsteller und Schauspieler, wie Wikipedia zu berichten weiß. Für mich jedenfalls gehört der Satz fraglos in die Top 3 an Sätzen, die die Welt einer Nussschale präsentieren könnten.

Ich entschied mich also heute dazu, die nächsten Tage bis zum Marathon Down Under kein Training durchzuführen und sicherlich ging es mir nicht darum, Ausreden zu finden, um mich um das Training zu drücken. Es war vielmehr eine bewusste Entscheidung, wobei dieser Begriff nicht viel einfacher mit Leben gefüllt werden kann, als die Trainingsplanung an und für sich.

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Eine Entscheidung treffen, ist oft nicht einfach. – Quelle: Pixabay.com / 3dman_eu

Entscheidungen treffen: (K)Eine Wissenschaft für sich

In seinem Buch Natürliche Entscheidungsprozesse* untersuchte Gary Klein aus psychologischer Perspektive ein Phänomen, das auch in der Ökonomie oder der Soziologie von verschiedenen Autoren Aufmerksamkeit erhielt: Warum entscheiden wir uns so, wie wir es tun? Was banal klingt, mündete in verschiedenen theoretischen Ausarbeitungen.

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Entscheiden kann auch eine Kunst sein.

In der Soziologische unterschied Uwe Schimank beispielsweise Komplexität und Rationalität als wichtigste Faktoren für Entscheidungen, wobei schon Talcott Parsons schrieb, dass eine rationale Handlung die Erreichung des Ziels ermöglicht und gleichzeitig das genutzte Mittel das Geeignetste ist.  Auch Alfred Schütz äußerte sich zu rationalen Entscheidungen und stellte fest, dass diese maximaler Klarheit und Distinkheit unterliegen.

Das ist ein Maßstab, wie vielleicht selbst dem soziologischen Laien deutlich wird, den ein Individuum in der Realität nicht realisieren kann. Aus diesem Grund weis bereits Schütz darauf hin, dass wissenschaftliche Rationalität etwas anderes sein müsse, als alltägliche Rationalität. Martin Rechenauer schlug vor, dass Maximierung der Rationalität das Ziel sein müsste. Das bedeutet, eine Handlung zu wählen, die nicht schlechter als eine erkennbare Alternative wäre. Wie gut dies gelingen kann, hängt wiederum von der Komplexität einer Situation ab.

Ist Trainingsplanung einfach? Je mehr jemand sich mit der Materie auseinandersetzt, desto eher wird derjenige wohl zu dem Ergebnis kommen, dass dies keinesfalls zutrifft. Schimank unterschied die Komplexität in Sach-, Sozial- und Zeitdimension. Die Sachdimension umfasst den Informationsgehalt, der einer Problemstellung zugrunde liegt. Jeder der schon einmal versucht hat, sein Training über Wochen oder Monate hinweg zu planen, wird sich bewusst sein, dass unsere Fähigkeiten zur Adaption und Regeneration, aber auch unser Alltag eine Vielzahl an unvorhersehbaren Einflüssen im Laufe der Trainingsphase mit sich bringen werden. Diesen Punkt werden wir noch einmal aufgreifen.

Die Sozialdimension beschreibt, dass unsere Entscheidung mehr oder weniger starken Einfluss auf andere nimmt. Als Individualsportler möchte man meinen, dass keinerlei Verpflichtungen oder ähnliches bestehen würden, doch sei es der Trainer, das private Umfeld oder auch nur die abstrakte digitale Community, die mitfiebert: Wer sein Training offenlegt und (spontan) pausiert, löst Reaktionen aus oder will diese zumindest lenken, indem er zum Beispiel mit wissenschaftlicher Analyse den Hintergrund von Entscheidungsprozessen zu verdeutlichen versucht.

Die Zeitdimension drückt vereinfacht gesagt aus, dass der Einzelne nicht unendlich Zeit hat, sich zu entscheiden. Im Zweifelsfall nur bis zum eigenen Tod. In meinem Fall war es mindestens das heutige Datum, an dem ein Nüchternlauf vorgesehen wäre, wenn nicht sogar die Mittagszeit, die mit 36 Grad im Schatten drohte. Ein Lauf hätte somit in den frühen Morgenstunden stattfinden müssen, da bis Sonnenuntergang Temperaturen bis um die 30 Grad angekündigt waren. Keinesfalls gute Bedingungen für einen Lauf.

Eine psychologische Perspektive auf den Entscheidungsprozess

Auch Klein war sich dieser drei Dimensionen bewusst, ohne vermutlich jemals von Schimank gehört zu haben. Es ist in der Wissenschaft nichts Ungewöhnliches, dass verschiedene Menschen zu gleichen bzw. ähnlichen Ergebnissen kommen und diese möglicherweise nur anders systematisieren oder aus dem Blick ihrer jeweiligen (wissenschaftlichen) Brille betrachten. Anders jedoch als die Soziologen, die über das Abwägen von Alternativen philosophierten, kam Klein im Rahmen empirischer Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass dieser Prozess gar nicht stattfinden würden.

Insbesondere wenn die Sachdimension unübersichtlich und die Zeitdimension knapp wäre, fände kein aktiver Vergleich unterschiedlicher Handlungsmöglichkeiten statt. Klein definierte Entscheiden daher als Handeln in einer Situation, in der es bekannte Alternativen gegeben hätte. Hier schließt sich wieder der Kreis zur Maximierung der Rationalität, wie die Soziologie es herausarbeitete.

Klein schwenkte nun jedoch, wie angedeutet, von einem aktiven Prozess des Abwägens ab und beschrieb vielmehr eine Einzelevaluation. Eine Option wird reflektiert und nur beim Verwerfen dieser Option kommt es zum Nachdenken über Alternativen (bzw. die nächstbeste Alternative). Entgegen der maximalen Rationalität in der Soziologie, gemäß der die beste Option angestrebt werden würde, geht darum die erste Möglichkeit zu wählen, die das Ziel erfüllt. Hier kommt Neil Hill wieder ins Spiel.

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Problem und Lösung – Quelle: Pixabay.com / thedigitalartist

Trainingsplanung: Die Wissenschaft als Künstler leben

Jeder von uns wird schon einmal ein Bild gemalt haben und vermutlich bestanden unsere ersten Werke nur aus ein paar Strichen auf dem Papier. So wird es fraglos auch jedem berühmten Maler gegangen sein. Auch Künstler werden somit nicht geboren, bzw. verändern sich und durchleben selbst im Erwachsenenalter noch einen Prozess. Ähnlich betonte es auch Neil Hill im Zusammenhang mit dem dargestellten Zitat: Er ist seit mehreren Dekaden erfolgreicher Trainer und hat mehr Erfahrung als die meisten anderen Coaches, ist dennoch aber immer für neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft offen. Und diese Selbstreflexion ist vermutlich die wahre Kunst der Trainingsplanung.

Auch gemäß Klein macht man, salopp gesagt, nicht nur das Erstbeste, sondern tut dies insbesondere aufgrund von Erfahrungen. Typische Situationen werden typisch gelöst. Die Erfahrung ist nun aber entscheidend, um Details unterscheiden und beurteilen zu können.  Ob es tatsächlich eine typische Situation ist, bzw. für was sie typisch ist. Angenommen jemand klagt über müde Beine, so kann dies theoretisch Eisenmangel, zu wenig Regeneration, zu wenig gefüllte Kohlenhydratspeicher bedeuten. Die Kunst ist es, weitere Anomalien zu überprüfen, um zu erkennen, was für ein typischer Fall es ist. Um dies valide tun zu können, benötigt man Wissen, aber eben auch Erfahrung.

Ist man schließlich vor ein Problem gestellt, das man überhaupt nicht zu lösen weiß bzw. das völlig neu ist, so muss man seine Handlungen tatsächlich abwägen. Während in der ersten Variante Problem und Lösung klar sind und in Variante zwei das Problem identifiziert werden muss, wird in der dritten Variante die richtige Lösung für ein Problem gesucht. Kommt es zum Erfolg, wird diese Handlung in Zukunft die erste Variante ausfüllen, es sei denn, das Problem ist entscheidend modifiziert.

Angenommen man hat noch nie von müden Beinen gehört bzw. das Problem noch nie bewältigt und kommt nun in der theoretischen Überlegung dazu, dass eine Eisensupplementierung den Eisenwert erhöht und damit die Sauerstoffaufnahme im Blut verbessert, was schließlich zur Lösung des Problems führt, wird man beim nächsten Mal, wenn müde Beine das Problem sind, wieder zu Eisentabletten greifen. Wird dies nicht zum gewünschten Ergebnis führen, sind wir wieder im dritten Modus und im besten Fall wird nun eine neue Lösung gefunden.

Sollte es ein drittes Mal zum Auftreten des Problems kommen, hat der Entscheider zwei verschieden Situationen, die auf den ersten Blick ähnlich waren, kennengelernt, und sollte nun in der Lage sein, im Bedarfsfall das Problem besser zu evaluieren (Modus 2).

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Die drei Varianten, wie Entscheidungen gemäß RPD-Modell ablaufen können.

Klingt komplex? Beim ersten Lesen eventuell und der dahinterliegende Prozess ist es auf jeden Fall. Trainingsplanung ist komplex und wie jede Reise niemals frei von Irrwegen, Umwegen oder auch Sackgassen. Entscheidend ist das Ziel im Auge zu behalten, den Kurs zu halten und insbesondere flexibel zu bleiben. Situationen verändern sich und erfordern möglicherweise Anpassung der Handlungen.

Warum lege ich die Beine hoch?

Anfangs schrieb ich bereits, dass die Entscheidung zur Trainingspause nicht unbedingt ganz so spontan war. Natürlich ging dem Ganzen ein gedanklicher Prozess voraus, wobei ich gestern Abend beim zu Bett gehen noch zu der Lösung gekommen war, zumindest einen zügigen 20-Kilometer-Lauf durchzuführen. Doch was war das Problem?

Meine letzte komplette Trainingspause liegt inzwischen fast drei Monate zurück. Vor dem Hannover Marathon 2019 führte ich ein vollständiges Tapering durch. Davor gab es eine Woche Pause, als ich sieben Tag vor dem Dubai Marathon 2019 krank war. So gesehen wäre das nächste Quartal um und ich merkte die letzten Tage tatsächlich, dass mir ein wenig die Spritzigkeit fehlte. Insbesondere im Krafttraining lieferte ich nicht immer die optimalen Ergebnisse ab.

Natürlich dokumentiere ich mein Training und würde mich nicht mehr nur auf mein Bauchgefühl verlassen. Ich überwache meine Schlafzeiten, meine Kalorienbilanz und die Entwicklung meines Ruhepuls. Ich dokumentiere meine Laufzeiten, meine Trainingsgewichte, die Watt-Leistungen in ausgewählten komplexen Übungen und bewerte die Intensität von Trainingseinheiten und Trainingswochen, wie ich es auch in meinem Biohacking Buch* beschreibe. Die letzten vier Wochen waren von zunehmender Intensität geprägt, was sowohl die Häufigkeit intensiver Einheiten als auch den Gesamttrainingsload betraf.

Mein Körper braucht eventuell Ruhe und Dank der Erkenntnisse der Wissenschaft ist klar, dass der aerobe und der anaerobe Stoffwechsel sich in den nächsten sieben Tagen nicht grundlegend verschlechtern werden. Insbesondere nicht dann, wenn man wie ich aus einem kleinen Belastungspeak kommt. In Kombination mit der Hitze sowie der Tatsache vor der Abreise nach Australien noch ein paar Sachen erledigen zu müssen, fiel schließlich der Entschluss zu dieser geplanten Pause. Und obwohl mir klar ist, dass es wissenschaftlich durchaus eine korrekte Entscheidung ist, besteht die Kunst wohl eher darin, das Nichtstun auch einmal zu akzeptieren.

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