Australien, Marathon, Mindset

Gold Coast Marathon 2019: Der mentale Härtetest

Der Gold Coast Marathon liegt hinter mir und damit mein bisher härtestes Rennen. Grund dafür waren mehrere Faktoren, die ich zum Großteil in keiner Weise beeinflussen konnte. Dass es am Ende aber nicht mein langsamstes Rennen werden sollte, hatte ich selbst in der Hand. Insgesamt war somit auch mein erster Marathon in Australien eine lehrreiche Erfahrung, aber beginnen wir zunächst am Anfang.

Start des Gold Coast Marathons trotz Jetlag verschlafen?

Hatte es am Tag meiner Anreise zeitweise wie aus Eimern geschüttet, sollte der Renntag laut Wettervorhersage trocken bleiben. Das interessierte nur offenbar das australische Wetter nicht, denn mitten in der Nacht um 2 Uhr Ortszeit hörte man die bereits vom Vortag bekannten Geräusche draußen vor dem eigenen Fenster. Es regnete unaufhörlich und obwohl ich bereits sehr früh ins Bett gegangen war und zwischenzeitlich wieder einschlafen konnte, endete die Nacht nach knapp 8 Stunden Schlaf deutlich vor dem Klingeln des Weckers. Der Jetlag hatte mich voll im Griff.

Ich entschied mich aufzustehen und den noch völlig verdunkelten Tag früher zu beginnen. Nachdem ich die letzten Tage aufgrund der kleinen Portionen im Flugzeug zu wenig gegessen hatte und auch am Vortag nicht wie geplant die Kohlenhydratspeicher füllen konnte, weil ich pappensatt war, meldete sich tatsächlich auch mein Magen, was ich um diese Uhrzeit gar nicht gewohnt war. Andererseits war es für meinen Körper vermutlich auch eher 20 Uhr deutscher Zeit als 4 Uhr australischer.

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Das Frühstück vor dem Gold Coast Marathon 2019 war vermutlich weniger typisch australisch.

Ich machte mich fertig, um wie geplant um 6 Uhr das Haus zu verlassen. Im Dunklen der noch nicht ganz beendeten Nacht waren bereits Musik und Durchsagen aus den Lautsprechern des Gold Coast Marathons zu hören, ohne dass dies auf die Entfernung verständlich gewesen wären. Da die Temperaturen mild genug waren, entschied ich mich gegen ein langes Oberteil, um die gut 90 Minuten bis zum tatsächlichen Start zu überbrücken. Wie sich rückblickend herausstellte, hätte ich aber auch genauso gut 15 Minuten vor dem Start losgehen können. Entgegen der Beschreibung auf der Homepage, die suggerierte, dass man später keinen Einlass auf das Gelände mehr erhalten würde, wäre es gar nicht nötig gewesen, bereits so früh vor Ort zu sein.

Ich ging vom Gelände, auf dem mein Ferienhaus lag, in Richtung Straße und die Geräuschkulisse des Gold Coast Marathons wurde immer lauter. Nun nahm ich auch Menschen wahr, die jubelten und anfeuerten. So früh vor dem Start so viel Stimmung? Hatte ich etwas verpasst? Auf der Straße waren die ersten Menschen zu erkennen. Nicht eine Handvoll Zuschauer, sondern ein ganzes Läuferfeld. Für eine Sekunde rutschte mir das Herz in die Hose. Hatte ich die Startzeit verpasst? Die Website konnte mir im ersten Augenblick keine Antwort geben, da diese mal wieder nicht erreichbar war.

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Mitten vor meiner Nase ein riesiges Lauffeld. Hatte ich den Start des Gold Coast Marathons 2019 verschlafen?

Schnellen Schrittes bewegte ich mich in Richtung Startbereich. Das Feld an Läufern schien nicht zu enden und die Menschen am Straßenrand jubelten lauthals. Offenbar waren alle pünktlich, nur ich nicht? Kurze Zeit später war die Website endlich erreichbar. Gezielt suchte ich nach der Startzeit des Halbmarathons, mit dem ich mich bis dahin nicht auseinandergesetzt hatte und stellte beruhig fest, dass ich diesen gerade beobachten durfte. Mein Startschuss sollte, so wie ich es in Erinnerung hatte, erst über eine Stunde später erfolgen.

Das Gelände, das ich am Vortag nur von außen gesehen hatte, war schließlich deutlich größer als erwartet. Offenbar war ich am ablegenden kleineren Rand gewesen, denn auf einer großen Wiese, die ich am Vortag nicht gesehen hatte, versammelte sich bereits eine Vielzahl an Menschen. Es waren verschiedene Wagen, die Essen und Trinken verkauften, aufgestellt und auf einer großen Leinwand konnte man das Halbmarathon-Rennen verfolgen. Ich erwischte mich selbst dabei, wie ich gespannt zuschaute, wie eine Gruppe von Japanern einfach nur rannte. Das hätte ich mir vor gut einem Jahr vermutlich auch noch nicht vorstellen können.

Platzregen zum Start des Gold Coast Marathons und der Gedanke abzubrechen

Der wenige Schlaf der letzten Tage steckte mit nicht nur in den Knochen, sondern vor allem auch im Kopf. War ich auch bis zum Aufbruch noch kaum motiviert gewesen, 42,195 km durch Gold Coast City zu laufen, kam kurz vor Start doch die notwendige Spannung und Vorfreude auf. Diese wurde mir jedoch augenblicklich wieder genommen. Gut drei Minuten vor dem Start des Marathons begann der Himmel sich erneut wie aus dem Nichts zu öffnen und es schüttete geradezu auf einen herab. Der Hamburg Marathon war dagegen eine knochentrockene Veranstaltung.

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Sekunden vor dem Start zum Gold Coast Marathon 2019 war auch schon wieder alles vorbei…

Während die 16 Grad Außentemperatur auch im T-Shirt gut auszuhalten waren, fühlte sich der Regen eiskalt an. Gemeinsam mit anderen Startern zwängte ich mich unter die Krone eines großen Baumes, doch der Regen war so stark, dass niemand trocken blieb. Gleichzeitig musste man aufpassen, wo man stand. Innerhalb von Sekunden entstanden kleine Rinnsale, die den leichten Anstieg des Startbereichs herabflossen und an einigen Stellen fast den gesamten Schuh verschluckt hätten. Ich kann mich nicht erinnern, in Deutschland jemals über zwei Tage hinweg so stark wechselhaftes Wetter erlebt zu haben.

Mental brachte mich dieses Erlebnis tatsächlich schon an die erste Grenze. Ich fluchte, meine Laufmütze nicht aufgesetzt zu haben und zweifelte ernsthaft, wie ich ein ganzes Rennen bei so einem Wetter aushalten sollte? Aufgeben? Für einen Augenblick erwischte ich mich tatsächlich bei diesem Gedanken, den ich jedoch genauso schnell wieder verwarf. Ich war nicht ans andere Ende der Welt gereist, um den eigentlichen Grund einfach verfallen zu lassen. Ich weiß, dass ich ausgeruht und ausgeschlafen in derselben Situation nicht auf diese Idee gekommen wäre, aber in diesem Augenblick war ich einfach nur mental erschöpft.

Glücklicherweise hörte der Regen genauso spontan auf, wie er begann. Nach kaum zwei Minuten war der Spuk vorbei und der Start erfolgte unter trockenen Verhältnissen. Zumindest was das Wasser von oben betraf. Insgesamt gingen 6.613 Menschen beim Gold Coast Marathon 2019 über die volle Distanz an den Start. Das ist ein Teilnehmerfeld, das auch in Deutschland nur die wenigsten Läufe überbieten und entsprechend dauerte es nochmals fast drei Minuten bis auch mein Rennen begann.

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Der Streckenverlauf des Gold Coast Marathons 2019

Die zweiten 21 km sind nie wie die ersten

Das Rennen selbst begann unspektakulär und zäh. Ich lief wie üblich entspannt los, merkte aber bereits, dass mir die Leichtigkeit fehlte, auch wenn die Pace durchgängig unter 5 Minuten blieb. Nachdem der Start steil bergab führte, ging es auch schon zielgerichtet in Richtung Küste und man lief zum größten Teil das gesamte Rennen über in der Nähe des Strandes entlang, wobei man fast nie einen ungestörten Blick darauf hatte.

Obwohl das Rennen soweit gut verlief und ich ohne Probleme die Pace hielt, spürte ich auch bei Kilometer 10, dass es heute zäh werden könnte. Kurze Zeit später regnete es bei Kilometer 12 erneut für einen kurzen Augenblick, wobei es nicht annähernd die Zustände annahm, wie beim Start. Dafür wurde meine Stimmung generell positiver. Ich lief im Flow und merkte, dass das Rennen schnell an mir vorbeiging, was in der Vergangenheit eigentlich immer ein gutes Zeichen war.

Nach der Hälfte der Strecke durchlief ich die Zeitabnahme bei knapp über 1 h 45 min, wobei die paar Sekunden einer Toilettenpause geschuldet waren. Ich war sehr gut in der Zeit. Insbesondere in Anbetracht der Umstände hätte ich soweit nicht damit gerechnet. Auf der anderen Seite ist mir durch die bisherigen Marathons längst klar, dass der zweite Halbmarathon nie wie der erste ist. Während die ersten 21 km fast schon auf einer Arschbacke heruntergelaufen werden, wird es eigentlich frühestens ab Kilometer 30 so wirklich spannend. Und so kam es auch dieses Mal.

Nachdem ich die Halbmarathondistanz routiniert abgespult hatte, begann das Rennen bereits bei Kilometer 25 schwer zu werden. Die australische Sonne ließ sich inzwischen wieder blicken und auch wenn es keine durchgängige Hitze wie zuletzt beim Luxemburg Marathon 2019 war, so bekam man die brennende Sonne deutlich zu spüren. Lang hielt das Ganze zwar nicht an, aber dennoch musste ich erstmals bei Kilometer 30 kurz stoppen. Ich war mental fertig und körperlich so leer, wie noch nie. Es war ein Gefühl, wie ich es bisher noch bei keinem Rennen hatte. Die Beine brannten nicht, die Luft war da, die Muskeln waren einfach nur leer.

Eigentlich hatte ich mir vier Gels für das Rennen mitgenommen und die ersten zwei auch wie geplant zu mir geführt. Mir war inzwischen jedoch so schlecht geworden, dass sich mein Magen allein beim Gedanken an das dritte Gel umzudrehen begann. Zunächst wollte ich den geplanten Einnahmezeitpunkt nur verschieben, aber ich bekam einfach kein Gel mehr runter.

Ich raffte mich auf und begann den Kampf anzutreten. Immer wieder musste ich kurz stoppen und die letzten 10 km war es alle 500 Meter ein Wechsel aus kurzen Geh- und anschließenden Laufphasen. Diese waren offenbar dann doch recht zügig, da die Pace zwischen Kilometer 30 und 35 bei 06:13 min lag und ich ging wahrlich nicht nur zwei, drei Schritte. Dennoch wurde es immer schlimmer. Ich konnte keine 500 Meter am Stück mehr laufen und wurde zunehmend langsamer.

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Zwischenzeiten vom Gold Coast Marathon 2019

Nun wurde es endgültig zum mentalen Kampf. Ich rechnete mir aus, wie langsam ich sein dürfte, um wenigstens noch unter vier Stunden im Ziel anzukommen. Ich erwähnte bereits mehrfach, dass der Tag, an dem ich mehr als vier Stunden für einen Marathon benötigen werden, früher oder später noch kommen wird, jedoch war dies nicht für heute geplant. So begann ich ab Kilometer 38 für den gesamten Rest der Strecke „Unter 4 Stunden!“ laut zu wiederholen. Wie ein Mantra versuchte ich mich damit anzutreiben, mich nicht aufzugeben.

Bei den Gehpausen begann ich mich selbst durchzubeleidigen. Ich bin es gewohnt, dass meine Nerven zum Ende von Marathonrennen recht dünn werden. Diesmal richtete sich alle Energie nur auf mich selbst. „Unter 4 Stunden!“ sagte ich immer und immer wieder und der erneut einsetzende Regen war das erste Mal an diesem Tag tatsächlich eine Wohltat. Bei Kilometer 39 zeigte meine Uhr 3 h 31 min an und es wurden die fast schon längsten drei Kilometer, die ich bisher gelaufen war.

Aber ich lief sei. Unter vier Stunden! Nach 3 h 53:35 min Netto-Zeit durchschritt ich die Ziellinie und war in diesem Moment einfach nur fertig. Ich musste mich nicht hinlegen, hatte keine Krämpfe und konnte auch ohne Probleme gehen. Dennoch brachte mich das Rennen an eine Grenze, die ich überschreiten musste. Die Reisestrapazen der letzten Tage hatten ihren Tribut gefordert.

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Am Ende war die Medaille heute hart verdient.

Epilog: Stadtrundfahrt durch Gold Coast City

Nach Abschluss des Rennens konnte man Bananen, Orangen und Getränke erhalten. Ich nahm zwei Banane, doch bereits nach der ersten war mir der Appetit auf das typische Marathonessen erneut vergangen. Ich warf die zweite weg und holte mir meine Medaille und mein Finisher-Shirt ab, wobei insbesondere die Medaille tatsächlich schön gestaltet war. Der Marathon selbst war dagegen weniger ein Erlebnis, so dass ich mich freue, meinen ersten Lauf auf dem australischen Kontinent gemacht zu haben, diesen jedoch nicht wiederholen müsste. Der Streckenverlauf war nicht ganz so langweilig wie beim Dubai Marathon, allerdings auch nicht allzu weit davon entfernt. Insofern täuscht der auf der Karte eingezeichnete Streckenverlauf nicht.

Im Gegensatz zu Dubai hat Gold Coast City allerdings gefühlt auch keine optischen Highlights zu bieten. Touristisch wird vor allem das Umland empfohlen und eine spontane Stadtrundfahrt in einem Boot, das auch an Land fahren konnte, war eher unspektakulär. Insbesondere wenn man einmal eine Hafenrundfahrt durch New York gemacht hat, wie ich es im Rahmen des New York Marathons tat, war das australische Pendant die investierte Stunde Lebenszeit in keiner Weise wert.

Insgesamt war auch diese Reise wieder eine interessante Erfahrung und der Gold Coast Marathon 2019 eine weitere Herausforderung, die bewältigt wurde. Ich kann mir vorstellen, vielleicht noch einmal einen Lauf auf dem australischen Kontinent mitzumachen, jedoch besteht dazu erstmal keine Eile. Der nächste Lauf findet dagegen auf fast der gegenüberliegenden Seite des Erdballs statt. Es geht ein zweites Mal in die USA. Diesmal führt die Reise jedoch nicht nach New York, sondern zum San Francisco Marathon. Von der Gold Coast also zur Golden Gate Bridge.

2 Gedanken zu „Gold Coast Marathon 2019: Der mentale Härtetest“

  1. Herzlichen Glückwunsch. Ich lese deinen Blog sehr gerne und kann nur meinen Hut, dass du das alles unter einen Hut bringst. Das körperlich Leersein kenne ich auch. Pass auf dich auf und übertreibe nicht. VG Markus Altmann

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