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30 km durch Dänemark

Beim Schreiben dieser ersten Zeilen befinde ich mich mit der Familie im Dänemark-Urlaub. Einem Land mit nicht einmal 6 Millionen Einwohnern auf einer Fläche irgendwo zwischen Baden-Württemberg und Niedersachsen. Genau genommen 42.921 Quadratkilometer, was fast schon eine spielerisch anmutende Ähnlichkeit zur themengebenden Streckenlänge dieser Projektes hat. Man kann also abseits der Hauptstadt Kopenhagen, in der jeder sechste Däne zu Hause ist, nicht unbedingt so viel tun. Laufen geht aber fraglos immer.

Es ist etwas faul im Staate Dänemark

Seit dem Gold Coast Marathon 2019 bin ich nun über 30 Stunden gereist. Anfang der Woche ging es zurück nach Deutschland, um am Freitag mit dem Auto nach Dänemark zu fahren. Zu Hause geht darüber hinaus mal wieder ein Schnupfen herum, so dass der letzte lange Nüchternlauf vor dem San Francisco Marathon 2019 unter keinen guten Vorzeichen stattfand.

War ich am Abend zuvor noch guter Dinge und motiviert durch die Mondlandschaften des dänischen Küstengebiets zu laufen, fühlte sich das Ganze am nächsten Morgen bereits gänzlich anders an. Wiederholt wachte ich in der Nacht auf und entschloss mich während einem dieser Momente den Wecker von den geplanten 05:30 Uhr auf 07:00 Uhr zu stellen. Als das Klingeln ertönte, fühlte ich mich trotz 90 Minuten mehr Schlaf alles andere als erholt. Nichtsdestotrotz schnappte ich mir meine bereits am Abend bereitgelegten Sachen sowieso meinen Trinkrucksack.

Ich mag Routinen. Diese ersparen einem Entscheidungen, die schon oft genug nicht immer so einfach sind, wie ich es bereits an anderer Stelle beschrieb. Ebenso nervt es mich dann, wenn ich diesen Routinen nicht folgen kann, sondern mir über ein alternatives Vorgehen Gedanken machen muss, wie auch beim Lauf in Dänemark. Das gesamte, wenn auch nur kleine Morgenritual vor dem Loslaufen fiel in der fremden Umgebung weg, so dass es in mehrfacher Hinsicht ein Kaltstart war.

Die Temperaturen lagen bei um die 15 Grad als ich in den dänischen Morgen startete, doch der Wind und die Tatsache, dass ich keinen Hoodie fürs Laufen dabei hatte, dessen Kapuze mich hätte wärmen können, ließen mich die skandinavische Luft deutlich unangenehmer empfinden. Hinzu kam, dass sich die erste Kilometer fast schon zäh anfühlten und ich mein eigentliches Wohlfühltempo wie eine Anstrengung wahrnahm. Und das nicht etwa zum Ende der geplanten 36 km, sondern bereits auf den ersten Metern. Die meisten Läufer kennen dann vermutlich die Gedanken, die einem im Kopf schwirren. Abbrechen? Verkürzen? Nicht so anstellen? Selbstzweifel, ob man das Richtige tut.

Und so lief ich auf einem dänischen Rad- und Wanderweg, der mit eigener Trasse zeitweise fernab von jeglicher Zivilisation durch das kleine Königreich führte. Streng genommen lief man so ziemlich in der Mitte zwischen der Schnellstraße auf der einen und der Nordsee auf der anderen Seite. Doch obwohl beides jeweils weniger als einen Kilometer entfernt war, bekam man bis auf das beständige Rauschen des Meeres, das an diesem windigen Sonntag besonders unruhig war, nicht viel von beiden mit. Eigentlich eine fantastische Laufstrecke genau nach meinem Geschmack, doch ich konnte nichts genießen.

 

 

 

Ständig umtrieb mich der Gedanke umzukehren. Doch weder bei 6, 10 noch 15 km drehte ich vorzeitig ab und ließ mich von der zunehmenden Anstrengung nicht einschüchtern. Erst bei 18 km kam es zur geplanten Wende. Ich war längst im nächsten Ort angekommen und hatte die landschaftliche Idylle gegen eine dänische Kleinstadt getauscht, in der der Rad- und Fußgängerweg wie in Deutschland an der Straße weiter entlangführte. Dass ich dann aber so lange bereits den idyllischen Pfad verlassen hatte, merkte ich erst bei meiner Umkehr.io

Noch bevor die 3 bei der Kilometerzahl die Frontposition übernehmen konnte, setzte mein Körper zum Streik an. Ich kam kaum vorwärts und rief meine Frau an, die mir Dank moderner Technik und Standortübertragung per WhatsApp einen Treffpunkt in erreichbarer Nähe schicken konnte. Bei 30 km in knapp unter drei Stunden und weiteren 1,5 km lockerem Traben zum Treffpunkt war der Lauf in Dänemark vorzeitig beendet. Ein DNF, wenn man so möchte, vor dem es mir bei einem Marathonrennen auch heute noch graut, auch wenn ich bisher glücklicherweise davon verschont blieb, auch nur annähernd vom Zeitlimit angetrieben zu werden.

Selbstzweifel, Abreise und gelber Schein

Es ist normal, dass bei so einem fast schon beiläufig betriebenen Projekt wie diesem Rückschläge dazugehören und nicht immer alles wie geplant verlaufen kann. Dennoch sind es diese Momente, die einen zum Zweifeln bringen. Geht man das Vorhaben mit einer zu großen Hybris an? Fordert man seinem Körper zu viel ab? Verrennt man sich im wahrsten Sinne des Wortes in seiner Trainingsphilosophie und macht doch mehr falsch als richtig? Sind all die Kosten, zeitlichen Investitionen und die Belastung, die von der Familie mitgetragen werden, all das wert? So stark man in manchen Momenten auf andere wirken mag, so schwach fühlt man sich tief in seinem Inneren an solchen Tagen.

Hinzu kam, dass die Reise nach Dänemark nicht den erholsamen Urlaub darstellte, den wir uns erhofft hatten. Wir standen vor dem Punkt, schlechten Tagen potentiell gute hinterherzuwerfen und entschieden uns für den – aus Perspektive der Psychologie – zwangsläufig richtigen Schritt: Wir reisten am nächsten Tag aus Dänemark ab – vier Tage früher als geplant und im Voraus bezahlt. Mir selbst ging es am Abreisetag geradezu beschissen. Einen höflicheren Ausdruck gibt es dafür nicht. War am Morgen noch alles in Ordnung, hatte ich am Nachmittag das Gefühl, dass mein Kopf platzen würde.

Meine Frau fuhr zurück und ich vegetierte auf der Rückbank neben unserem Nachwuchs. Als wir mitten in der Nacht zu Hause ankamen, fiel ich in mein Bett und schlief. Und schlief. Und schlief. Gut 13 Stunden verbrachte ich im Bett, neben dem sich über die Nacht diverse Taschentücher auf dem Boden angesammelt hatten, und fühlte mich immer noch, als ob ich die Nacht durchgemacht hätte. Nun konnte ich die Trainingsleistung auch in einem besseren Licht einordnen: Ich war krank.

Rückblickend hatte ich mich nach dem Lauf in Australien und der langen Rückreise vermutlich bei meiner kleinen Tochter angesteckt. Mein Puls ist in Ruhe erkennbar erhöht und während ich diese letzten Zeilen auf meinem Smartphone tippe, sitze ich beim Arzt im Wartezimmer. Zuletzt war ich sieben Tage vor dem Dubai Marathon krank, so dass ich ein halbes Jahr später zwölf Tage vor dem San Francisco Marathon gelassen nach vorn blicke.

Die Zweifel, die mich vor zwei Tagen noch plagten, sind zum Großteil verflogen. Andererseits liegt es vielleicht auch an meinem Y-Chromosom, dass man(n) sich in solchen Situationen besonders verletzlich fühlt und große Aufgaben, die sowieso mit Respekt angegangen werden, mit Bedenken betrachtet werden.

3 Gedanken zu „30 km durch Dänemark“

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