Mit offenen Schnürsenkeln beim Helsinki Marathon 2024

Wer in den Sommermonaten einen Marathon laufen will, hat deutlich weniger Möglichkeiten als in den Frühlings- oder Herbstmonaten. Die Temperaturen machen selbst Trainingseinheiten regelmäßig zu einer Herausforderung, sodass es in Deutschland kaum Angebote gibt, die zudem zum Teil nicht einmal wahrgenommen werden, wie ich im letzten Jahr in Worbis überrascht feststellte. Gleichzeitig ist der Sommer die Zeit der Skandinavien-Veranstaltungen, sodass ich es in diesem Jahr erstmals zum Laufen in den Norden Europas schaffte. Der Helsinki Marathon 2024 war unspektakulär und dennoch lohnenswert.

Drei Monate seit dem letzten Marathon

Der Helsinki Marathon sollte mein viertes Rennen im Jahr 2024 werden, nachdem ich im Juni auf die Teilnahme bei einer anderen Veranstaltung arbeitsbedingt spontan verzichten musste. Somit waren drei Monate seit meinem Start in Kanada vergangen, in denen sich einiges in meinem Ausdauertraining verändert hatte.

Meine Laufuhr ist für mich inzwischen nicht mehr aus meinem sportlichen Alltag wegzudenken und wurde längst um einen passenden Brustgurt erweitert, der die Pulsmessung nochmals etwas genauer umsetzt und gleichzeitig die Einheiten auf dem Laufband vollständiger erfassen kann. Doch nicht nur die Art der Erfassung meiner Trainingseinheiten hatte sich in diesen letzten drei Monaten verändert.

Ende Mai trennte ich mich von meinem gut sieben Jahre alten Spinning Bike, das ich damals für sehr kleines Geld gekauft hatte, und legte mir einen Neo Smart Bike Trainer zu. Mein Ziel war es, mehr Ausdauereinheiten in mein Training zu integrieren und dabei auf das gelenkschonende Radergometer zurückzugreifen. In der Praxis war die Umsetzung mit zwei kleinen Kindern nicht immer so möglich, wie ich es mir theoretisch wünschen würde, doch insgesamt war mein Ausdauertrainingsvolumen in den vergangenen drei Monaten größer als in der Zeit davor.

Der Wunsch nach einer neuen Bestzeit

Den Grund für die Anschaffung und die Veränderungen im Training kann man sich vielleicht bereits denken. Ohne zu Verbissen an dieses Unterfangen zu gehen, hat mich ein klein wenig Ehrgeiz gepackt, zu schauen, welche Leistung bei einem Marathon für mich möglich wäre, ohne dass ich mein Krafttraining vernachlässigen würde.

Ich weiß, dass solche Formulierungen leicht falsche Vorstellungen erzeugen können – insbesondere, wenn man sie in so einer öffentlichen Form ausspricht. Ich versuche weiterhin, mit minimalem Einsatz den relativ maximalen Nutzen zu erzeugen und setze auch längst nicht alles auf die Karte Ausdauersport. In ein paar Jahren aber die sportliche Qualifikation für den Boston Marathon zu erreichen, ist allerdings zumindest ein in meinem Kopf locker formuliertes Ziel.

Meine bisherige Bestleistung erreichte ich vor inzwischen gut drei Jahren beim Barcelona Marathon, bevor mich wenige Wochen später ein Bandscheibenvorfall wochenlang kaum Gehen, geschweige denn Laufen ließ. Die in Spanien erreichte Zeit trotz weiter fortschreitendem Alter, das bekanntlich nicht schneller macht, noch einmal zu schlagen, wäre ein schönes Erlebnis.

Keine neue Bestzeit beim Helsinki Marathon 2024

So viel sei schon einmal verraten: Beim Helsinki Marathon war mir dieses nicht vergönnt, wobei dies auch keine ernsthafte Erwartungshaltung von mir war. Dennoch reiste ich nach Finnland mit dem Ziel an, eine für meine Verhältnisse gute Zeit hinzulegen. Das Training der letzten Wochen verlief in großen Teilen planmäßig, meine Garmin-Uhr war mehr als optimistisch, was mein Laufpotenzial betraf, und mit unter 20 Grad waren keine perfekten, aber letztlich doch recht gute Wetterverhältnisse für Finnland vorhergesagt.

Erstmals kam ich bei einem Wettkampf, bei dem ich im Vorfeld anreisen musste, auch nicht in einem Hotel unter, sondern buchte mir ein Airbnb, nachdem ich in Kanada meine Berührungsängste mit Uber bereits abgelegt hatte. Beides macht(e) das Reisen in meiner Wahrnehmung tatsächlich entspannter, wie ich inzwischen für mich feststellen kann. Dennoch verliefen die letzten 24 Stunden vor dem Helsinki Marathon 2024 nicht unbedingt perfekt, was zumindest nicht an den Veranstaltern lag.

Die Abholung der Startnummer lag wenige Minuten von meiner Unterkunft entfernt und fand auf einer großen Wiese statt. Das nahm ich als relativ mutig wahr, denn bei strömenden Regen hätte dies leicht zu einer Schlammschlacht werden können. So aber war das Wetter auf der Läuferseite und der Empfang der Startnummer verlief schnell und unkompliziert.

Auf dem Rückweg zum Apartment kaufte ich mir ein paar Lebensmittel und nutzte die Gelegenheit, anders als im Hotel auf eine Küche zurückgreifen zu können. Ich kehrte für den Rest des Tages in die Unterkunft zurück, arbeitete noch etwas und nutzte die Möglichkeit auf Netflix einen Film schauen zu können, der nicht bereits ab 6 Jahren freigegeben ist. Viel mehr war an diesem Tag aber nicht mehr mit mir anzufangen. Schon nachmittags war ich ungewöhnlich müde und fand entsprechend schnell in den Schlaf.

Netflix & Chill in der Marathonversion

Kein perfekter Morgen

Als am nächsten Morgen der Wecker pünktlich klingelte, fühlte ich mich ein wenig gerädert. Der Ruhepuls war erhöht, die HRV niedrig und ich war nicht kränklich, aber alles andere als in Topform. Das heimliche Ziel einer möglichen Bestzeit war damit endgültig außer Reichweite, wobei ich weiterhin das Ziel hatte, eine für meine Verhältnisse gute Zeit zu laufen.

Am Start angekommen, hatten sich auf der am Vortag noch überschaubar gefüllten Wiese inzwischen eine unüberschaubare Menge an Menschen versammelt. Neben fast 1.500 Startern auf der Marathon-Distanz wurden auch die Starterinnen und Starter des Halbmarathons zeitgleich ins Rennen geschickt. Entsprechend lang zog sich das Starterfeld, das ich nach dem Start des Rennens zunächst zu einigen Teilen an mir vorbeiziehen lassen musste, bevor auch ich die Startlinie überschreiten konnte.

Meine Garmin benötigte fast 1,5 Minuten, um ein vollständiges GPS-Signal zu empfangen und da ich keine Erfahrungen damit hatte, was passiert, wenn man einfach loslaufen würde, nahm ich mir diese Zeit. Dies führte unweigerlich dazu, dass ich von einigen Läuferinnen und Läufern noch vor Beginn des Rennens überholt wurde, die sich am Startblock langsamer, als ich eingeordnet hatten. Entsprechend voll wurde es auf den ersten Metern, wobei die Strecke breit genug war und ich für dieses Problem komplett selbst verantwortlich war.

Strecke Helsinki Marathon 2024 – Bild: Helsinkimarathin.fi

Wo sind die Pacemaker?

Ich benötigte somit auch einige Augenblicke, um mich zu orientieren, wo ich mich im Feld gerade befand. Noch auf dem ersten Kilometer konnte ich die 3-45-Pacemaker einholen und mein weiterhin selbst gestecktes Ziel war es, diese auch für den Rest des Helsinki Marathons hinter mir zu lassen. Trotzdem benötigte ich einige Zeit, um ins Rennen zu finden.

Erst nach gut fünf Kilometern hatte ich das Gefühl, wirklich rundzulaufen. Meine Pace lag bis hierhin unter 5 Minuten, fühlte sich auf den ersten Kilometern aber schwerer an, als ich es mir gewünscht hätte. Es gab bereits Rennen, bei denen ich mich auf den ersten Kilometern bremsen musste, um nicht noch deutlich schneller zu laufen. Der Helsinki Marathon 2024 war nicht solch ein Lauf.

Ich arbeitete mich gewissermaßen von Kilometer zu Kilometer vor und freundete mich langsam mit dem Tempo an. Die anfängliche Angst, zu schnell zu laufen, verflog und ich kam den 1-45-Pacemakern des Halbmarathons stetig näher. Kurz vor der ersten Hälfte des Rennens holte ich auch diese Fahnenträger ein und während der Helsinki Marathon 2024 damit für viele Starter beendet war, ging es für mich in den zweiten Teil.

Der 3-30-Pacemaker steigt aus dem Rennen aus

Wenig überraschend lichtete sich die Dichte des Feldes nun deutlich. Während die erste Hälfte der Veranstaltung eine große Runde rund um Helsinki war, führte die zweite Hälfte des Laufs über eine etwas mehr als 10-Kilometer lange Runde, die entsprechend zweimal bestritten werden musste. Ich lag, wie bereits angeführt, gut in der Zeit und war mir dennoch unsicher, ob ich das Tempo halten könnte. Ein kleiner Motivationsschub waren die 3-30-Pacemaker, die inzwischen stetig näherkamen.

Bei etwa 23 Kilometern hatte ich zu der Gruppe rund um die beide Pacemaker aufgeholt und nahm jetzt erstmals etwas Tempo aus dem Rennen. Die GPS-Probleme zu Beginn des Laufs hatten mich später starten lassen, sodass ich mir darüber im Klaren war, einen kleinen Puffer auf die 3–30 zu haben. Doch wenige Zeit, nachdem ich mich den 3-30-Pacemakern angeschlossen hatte, stieg einer der beiden Fahnenträger aus dem Rennen aus.

Ich hatte schon immer einen großen Respekt vor diesen Menschen. Schließlich bürdet man sich eine gewisse Verantwortung auf, wenn man verspricht, einen Marathon mit einer konkreten Zeit zu beenden und ich selbst weiß nur zu gut, dass jedes Rennen unerwartete Momente bereitstellen kann. Auch wenn die Bestzeit dieser Läufer sicherlich um einiges schneller sein wird, stellt dies keine Garantie dar und so erging es offenbar auch einem der beiden Tempomacher an diesem Tag.

Offene Schnürsenkel beim Helsinki Marathon

Für die Gruppe und ich mich ging es nun mit nur noch einem Pacemaker weiter, dessen Tempo ich weiterhin gut halten konnte, obwohl wir etwas schneller liefen, als es eine 3–30 erfordert hätte. Dies war mir jedoch durchaus recht, da das Rennen bekanntlich erst auf den letzten Kilometern sei wahres Gesicht zeigen würde. An diesem Tag spielte es mir einen Streich.

Zwischen Kilometer 28 und 29 öffnete sich mein linker Schnürsenkel, was ich so bei einem Marathon auch bislang nicht erlebt hatte. Ich musste den Pacemaker ziehen lassen und kniete mich ab, um den Schuh wieder zu verschnüren. Erst jetzt merkte ich, dass meine Beine das bisherige Rennen bereits spürbar arbeiteten mussten, doch entgegen einer kurzzeitigen Befürchtung kam ich gut wieder hoch und zunächst auch wieder gut in meinen Lauflow.

Die Gruppe rund um den 3-30-Läufer war in erreichbarer Nähe, doch entgegen meinem Plan gelang es mir nicht, erneut aufzuschließen. Im Gegenteil wurde ich nun langsamer und erstmals erblickte ich beim Kilometer-Piepsen meiner Uhr eine Pace von mehr als 5 Minuten auf dem Display. Unsicherheit und Frust kamen auf.

Kein geschenktes Happy End

Sollte der Schnürsenkel mich heute eine sub-3-30 gekostet haben? Das wollte ich zunächst nicht akzeptieren und versuchte mein Tempo zu stabilisieren, ohne dabei auszubrennen. Längst waren wir auf den letzten 10 Kilometern des Rennens angekommen und die Fahne des Pacemakers entfernte sich immer weiter von mir. Gleichzeitig blieb mein Zeitpuffer zunächst relativ stabil.

Die dadurch gewonnene Zuversicht änderte jedoch nichts an der zunehmenden Erschöpfung. Waren es zu Beginn des Rennens die Halbmarathonstarter, um die ich Schlangenkurven laufen musste, waren es indessen die ersten Marathonteilnehmer, die auch von mir überrundet wurden. Dies kostete Kraft, die ich gemäß der Stamina-Berechnung meiner Garmin nicht mehr hatte. Trotz kam auf, dass ich es der Uhr schon noch zeigen würde, der keine zwei Kilometer später von Frustration übernommen wurden.

Nachdem ich auf Kilometer 36 aufgrund eines kleinen Anstiegs Zeit verloren hatte, wie die Runden-Pace wir unnachgiebig verdeutlichte, verlor ich kurz nicht nur die körperliche, sondern auch die mentale Kraft. Ich musste gehen. Scheiße. Anders kann ich das Gefühl in diesem Augenblick nicht beschreiben, das ich jedoch genauso schnell, wie es kam, wieder abstreifte. Noch hatte ich einen kleinen Zeitpuffer, den ich nicht mit Gehen verschenken wollte.

Meine Splits beim Helsinki Marathon 2024 (inklusive gut 90 Sekunden Aufschlag auf die ersten 5 km)

Im Schlusssprint ins Ziel

Also raffte ich mich wieder auf und nahm mein Tempo wieder auf. Die Pace wollte sich nicht mehr unter 5 Minuten drücken lassen, sodass mein Vorsprung stetig dahinschmolz. Die Rechenspiele gingen los, die mir verdeutlichten, dass das zwischenzeitlich gesetzte Ziel weiterhin in meiner Hand lag.

Stoisch lief ich von Kilometer zu Kilometer und versuchte mich selbst zu motivieren. Immer wieder gab es nun größere Gruppen an Marathonläufern, die überrundet wurden und mich in diesem Moment frustrierten. Immer wieder musste ich somit um Hindernisse laufen oder minimal abbremsen, um kurz darauf wieder in mein Tempo zu gelangen. Am Ende sollte es aber belohnt werden.

Zieleinlauf beim Helsinki Marathon 2024 – Bild: Flickr.com

Auf den letzten zwei Kilometern zog ich das Tempo nochmals an. Die Pace wurde jetzt wieder unter 5 Minuten gedrückt und das Ziel rückte immer näher. Meine Uhr hatte längst die 42 Kilometer angezeigt, doch das erlösende Schild blieb aus. Es gab offenbar keines, denn plötzlich war ich auf den letzten Metern der Geraden zum Zieleinlauf. Selten habe ich so wenig von diesem Moment eines Rennens wahrgenommen.

Erschöpft und glücklich stoppte ich die Zeitnahme. Ich hatte den Helsinki Marathon 2024 in 3h 29:33 min beendet, die an diesem Tag hart verdient waren. Das gut organisierte Rennen mit einer schönen und abwechslungsreichen Strecke fand damit ein mehr als versöhnliches Ende und ich konnte mir nach den zähen Läufen im Frühjahr beweisen, dass ich unter anständigen Bedingungen weiterhin eine für mich gute Zeit laufen kann.

Medaille Helsinki Marathon 2024

Frank

2 Kommentar zu “Mit offenen Schnürsenkeln beim Helsinki Marathon 2024

  1. Hallo Frank,
    der Bericht war sehr interessant, gerade was das Training betrifft.
    Ich wünsche dir bei deinen neuen Wegen und Zielen viel Erfolg.
    Mit meiner noch frischen Erinnerung (sechs Tage ist der letzte Marathon her) fühle ich mich wahrlich in dich rein.
    Dass mit der Garmin ist ärgerlich kenne ich so gar nicht, welches Modell nutzt du?
    In Brutto Zeiten rechnen, ist streitbar, hehe sieh es bitte mit einen Augenzwinkern.
    Mit sportlichen Grüßen
    Andreas

    1. Hab das auch erstmals in Helsinki so extrem gehabt. Vllt weil ich davor das GPS da nie genutzt hatte.

      Ne Diskussion über Brutto-Netto würde ich verstehen, wenn ma während des Laufs Pausen gemacht hätte. Von Start bis Ziellinie gibts hier n klares Ergebnis. ✌🏻

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