Marathon, USA

San Francisco Marathon 2019: Anspruchsvolles Highlight!

Der San Francisco Marathon 2019 ist geschafft und ich bin es ebenso. Nachdem ich vor wenigen Wochen noch erkrankt war und der letzte lange Trainingslauf ungeplant verkürzt werden musste, hatte ich geistig bereits mit meinem ersten DNF-sub-4-Stunden angefreundet. Zu groß war der Respekt vor der Belastung durch die bevorstehenden Anstiege und zu schlecht die wahrgenommene Fitness der letzten Tage. Doch wie es manchmal so ist, kommt es nicht immer wie erwartet und in diesem Fall war es in jedem Fall erfreulich. Der San Francisco Marathon 2019 war ein unvorhergesehenes Highlight dieser Reise in 80 Marathons um die Welt, das einige Superlative erfüllte: Es war mein bisher anspruchsvollster und zugleich schönster Marathon und vielleicht auch deshalb nicht mein langsamster. Aber beginnen wir etwas weiter vorn.

Illegales Straßenrennen?

Ich schrieb bereits am Tag vor dem Rennen, dass es bei mir für große Irritation sorgte, dass man der Stadt wenige Stunden vor dem Start des Rennens praktisch nicht anmerkte, dass eine läuferische Großveranstaltung bevorstehen würde. Keine Beschilderungen, kein aufgebauter Start- oder Zielbereich und auch keinerlei Hinweise auf mögliche Straßenabsperrungen. All dies war ich bisher von anderen Läufen gänzlich anders gewohnt, so dass ich mich am Abend zuvor einige Male rückversicherte, dass ich mich weder in Datum noch im Ort des Startpunkts geirrt hätte.

Am Morgen stand ich dann erst einmal vor dem nächsten Problem: Was ziehe ich bei den vorhergesagten Temperaturen an? Während bei meiner Abreise noch deutlich über 20 Grad angekündigt waren, zeigte die Wetter-App gerade einmal 16 Grad für den Großteil des Rennens an und ich wusste von der Busfahrt am Vortag, dass es auf der Golden Gate Bridge sehr ungemütlich werden könnte. Letztendlich entschied ich mich, mein extra mitgeführtes Longsleeve über mein Shirt vom Neu Delhi Marathon, das mich seitdem bei jedem Rennen begleitet hatte, zu ziehen und machte mich auf den Weg zum Start.

Dieser lag, wie sich am Morgen des Marathons bestätigte, tatsächlich direkt vor der Hoteltür. Man musste lediglich einmal um die Ecke des Blocks gehen und war mitten im Geschehen, das fast schon surreal anmutete, wenn man sich bewusst machte, wie es noch am späten Nachmittag des Vortages ausgesehen hatte. Die Sonne war um 05:00 Uhr natürlich noch nicht aufgegangen, so dass die beleuchtete Oakland Bay Bridge im Hintergrund erstrahlte und die Straßen vom Licht der Laternen erhellt wurden.

Auf den Straßen befand sich eine unüberschaubere Menschenmenge, die offensichtlich mit demselben Ziel zu diesem Ort gepilgert war. Man wollte Marathon laufen. Oder vielleicht auch nur einen halben oder besser gesagt den ersten Halbmarathon, denn die Veranstalter des San Francisco Marathons boten zwei verschiedene Halbmarathons an, die über den Großteil der Strecke dieselbe Wegführung wie der Marathon hatten. Während die „1st Half“ mit Eindrücken aus der Natur beworben wurde, stand die „2nd Half“ unter dem Motto, wie ein echter Einheimischer zu laufen.

Ich empfand all dies als äußerst beeindruckend. Neben den Läufern präsentierte sich ein regulärer Startbereich, der anständig mit Gittern abgetrennt war und in unmittelbarer Nähe befanden sich eine Reihe an Toiletten, die allerdings bei so einer großen Veranstaltung wie üblich zu wenig waren. Ein paar Polizisten patrouillierten und eine Handvoll Arbeiter stellten weitere Gitter im Nahbereich auf, doch ansonsten hatte man das Gefühl, die Mainzelmännchen hätten über Nacht ihr Werk getan.

Es erinnerte mich fast an die stereotypische Vorstellung eines illegalen Straßenrennens, bei dem sich in der Dunkelheit wie bei einem Flashmob spontan am vereinbarten Ort getroffen wird, um das Rennen in aller Heimlichkeit auszutragen, und schließlich, bevor auch nur die ersten Außenstehenden in nennenswerter Zahl das Ganze wahrgenehmen, alles wieder beendet zu haben. Ganz so heimlich fand der San Francisco Marathon dann doch nicht statt, so dass aus Boxen sogar zaghaft eine Stimme zu hören war, die jedoch nicht mit Anheizern wie beispielsweise beim Hamburg Marathon zu vergleichen war.

Pünktlich um 05:30 Uhr wurden die Eliteläufer in die Dunkelheit entlassen, nachdem wie schon beim New York Marathon zunächst die Nationalhymne durch die Boxen gesendet wurde und urplötzlich für völlige Ruhe im Feld sorgte. Die Eliteläufer erhielten zwar kein Startgeld, aber offenbar ist die Teilnahme am San Francisco Marathon kostenlos, wenn man eine bestimmte Rennzeit bewältigen kann. Das sind allerdings Dinge, über die ich mir keinen Kopf machen musste. Vielmehr hatte ich schon mehr oder weniger damit abgeschlossen, heute erstmals über vier Stunden für einen Marathon zu benötigen.

Nachdem die zweite Welle gestartet war, ging auch ich im Rahmen der dritten Welle auf die Strecke und während die ersten Meter noch in Dunkelheit verbracht wurden, war die Sonne bereits nach einem kurzen Teil der Strecke soweit aufgegangen, dass die Straßenlaternen nicht länger benötigt wurden. Ich selbst lief, wie ich es meist in den Rennen bisher tat, erst einmal los, um zu schauen, wo mein Wohlfühltempo für die ersten Kilometer liegen würde und musste feststellen, dass dieses heute über fünf Minuten lag. Über das gesamte Rennen gab es nur eine oder zwei Durchsagen einer Pace, die knapp mit einer vier begann, aber da ich, wie bereits betont, ohne Ambitionen an die Zielzeit in das Rennen ging, lief ich einfach im Flow.

Im dopamingetränkten Rausch durch den Marathon?

Ich hatte bereits geschrieben, dass San Francisco es mir an den ersten beiden Tagen positiv angetan hatte. Die Stadt der Hippiebewegung und mit ihr verbundenen psychedelischen Bewusstseinsveränderungen hatte auch mich ganz ohne bewusstseinserweiternde Substanzen in einen kleinen Dopaminrausch versetzt. Ich freute mich auf den Marathon und die Tatsache, dass ich nicht wirklich in Tritt kam, änderte überhaupt nichts daran. Es war mir egal. Ich genoss ganz einfach das Laufen und erfreute mich an der abwechslungsreichen und schönen Strecke, die bereits nach wenigen Kilometern mit anspruchsvollen Steigerungen aufwartete.

Ich hatte bereits am Tag der Anreise geschrieben, dass ich dem Braten nicht ganz trautet und behielt in diesem Punkt recht: Das vom Veranstalter angegebene Höhenprofil mag Zweifelsfall korrekt gewesen sein, doch erst auf der Strecke bekam man auch die kleinen An- und Abstiege zu spüren. Die großen waren wiederum so steil, das zumindest ich beim Bergablaufen an vielen Teilen der Strecke mehr bremsen musste, als dass ich Geschwindigkeit hätte aufnehmen und Zeit aufholen können.

Nach gut 9 Kilometern war man der Golden Gate Bridge, die sich die letzten Kilometer bereits eindrucksvoll am Horizont präsentierte, schon nah gekommen und konnte Teil des Feldes bereits auf selbiger Laufen sehen. Ich selbst empfand in diesem Augenblick einfach nur Spaß und Freude und der folgende Anstieg, um die Hängebrücke selbst betreten zu dürfen, war zwar fordernd, aber auf eine Art und Weise, dass ich ihn ohne Murren auch doppelt oder dreifach so lang gelaufen wären. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mich an meine Zeit während des Studiums an der Polizeiakademie in Hann. Münden erinnert fühlte. Die südlichste Ort Niedersachsens ist umgeben von steilen Laufstrecken mitten durch die Natur, die ich fast drei Jahre lang lieben lernte und bis heute manchmal vermisse.

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Die Golden Gate Bridge war die ersten Kilometer das Ziel in der Ferne beim San Francisco Marathon 2019.

Schließlich erreicht auch ich die Golden Gate Bridge und spätestens an diesem Punkt war ich froh, mein Oberteil nicht am Start abgeworfen zu haben. Wie befürchtet, sorgte die Pazifikluft für eine unangenehme Kälte, die sich mit der gewählten Bekleidung gut aushielten ließ. Wie es anderen Läufern in kurzen Shirts oder sogar oberkörperfrei in diesem Augenblick erging, kann ich nur ahnen. Die 2.737 Meter der Brücke vergingen wie im Flug und so drehte man am anderen Ende mit den Läufern eine kleine Runde auf einer Aussichtsplattform, um einen steilen Trail-Abschnitt herab, unter der Brücke hindurch und schließlich wieder bergauf zu laufen.

Zurück ging es auf dem auf der gegenüberliegenden Seite abgesperrten Fahrradweg. Diese Absperrung war meines Wissens nach auch der Grund für den frühen Start des Laufes, da die Brücke zügig wieder freigegeben werden sollte, was in Anbetracht der Menschenmassen am Vortag nachvollziehbar war. Am Anfangspunkt der Brücke wieder angekommen waren bereits knapp 17 Kilometer vergangen und neben einem glitten Pelikane durch den Wind, was in gewisser Weise als Anblick zu beeindrucken wusste.

Weiter ging es an der Küste entlang durch das Presidio. Der ehemalige Wohnbereich für Militärangehörige, der sich durch eine lockere Bebauung und viel grüner Natur vom restlichen Stadtbild hervorhob. Quer durch den Stadtteil Richmond gelangte man nach kurzer Strecke in den nächsten Grünbereich. Der Golden Gate Park wurde im Rahmen einer großzügigen Schleife durchlaufen und bot eine wunderschöne Kulisse, bevor man nach 19 Meilen wieder in den urbanen Bereich gelangte.

Inzwischen hatte sich längst der zweite Halbmarathon zu einem gesellt, während die Starter der ersten Hälfte bereits zum Großteil das Rennen geschafft haben sollten. Bei vielen Rennen können sich die Starter des Halbmarathons aus unterschiedlichen Gründen als störend herausstellen. Beim San Francisco Marathon nahm ich dies persönlich jedoch nicht so wahr. Vielleicht war es schon die Aufsplittung auf zwei Veranstaltungen, die das zusätzliche Feld ausreichend aufteilte, der effektive Lösungsansatz.

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Streckenverlauf San Francisco Marathon 2019 – Quelle: thesfmarathon.com

Natur und Mensch beim San Francisco Marathon 2019

Gleichzeitig war dies der Punkt, an dem nun häufiger Menschen an der Straße standen, um das Feld anzufeuern. Die erste Hälfte des Marathons war nicht nur vom Streckenverlauf her naturgeprägt, sondern auch fast gänzlich menschenleer. Doch irgendwie passt dies zum Gesamtbild und ich hätte es wohl eher als störend empfunden, wenn zwischen den naturbetonten Kilometern übermäßig viele Zuschauer das Bild gestört hätten. Beim Verlassen des Golden Gate Parks passte dies nun allerdings und die Bewohner San Franciscos waren zwar nicht in unüberschaubaren Mengen auf der Straße zu sehen, aber das störte mich nicht.

Im erwarteten und gleichermaßen befürchteten Stil ging es die steilen Straßen auf und ab, was zu diesem Zeitpunkt des Rennens dann doch deutlich Kraft kostete. Darüber hinaus irritierte mich die alternative Streckenführung, die es immer wieder gab, um offenbar für Entlastung der Strecke zu sorgen. Bei der letzten temporären Aufteilung hatte ich sogar Angst, dass Marathon und Halbmarathon getrennt worden sein und ich auf dem falschen Streckenabschnitt verblieben wäre, was sich zum Glück schnell als Missverständnis herausstellt.

Nachdem auch die 23. Meile passiert wurde, zeigte sich die Strecke von einer eher industriellen Seite, aber seien wir mal ehrlich: Das sind die Bereiche, in denen man sowieso beginnt, mehr mit sich selbst beschäftigt zu sein. Konnte ich bei Kilometer 34 noch voller guter Laune ABBA-Songs, die aus Lautsprechern am Wegesrand schallten, mitträllern, forderte die Strecke inzwischen ihren Tribut und ich sehnte das Finale herbei.

Die letzten zwei Meilen ging es dann wieder an die Ostküste von San Francisco und am Streckenrand waren nun auch immer mehr Menschen zu sehen, die die Läufer anfeuerten. Gleichzeitig gab es immer mehr Ausfälle zu beobachten. Müsste ich wetten, würde ich behaupten, bisher noch bei keinem Rennen so viele Läufer gesehen zu haben, die am Streckenrand pausierten bzw. am Ende ihrer Kräfte waren. Die Strecke war nicht unschaffbar, aber offenbar nicht nur für mich anspruchsvoll.

Auf der finalen Meile konnte man schließlich auch wieder die Oakland Bay Bridge vom Weiten erkennen und der bange Blick auf die Uhr bestätigte mir, dass ich es unerwartet doch unter vier Stunden ins Ziel schaffen würde. Vorbei an der einzigen Kapelle des heutigen Tages, die am Streckenrand für Stimmung sorgte, war auch die 26. Meile bereits beendet und das Ziel in greifbarer Nähe.

San Francisco Marathon 2019: Mein bisheriger Favourit

Am Ende durchschritt ich die Ziellinie in 3h 55:24min, wobei eine Minute davon einem ordnungsgemäßen Toilettengang auf unverständlich weit vom Streckenrand abgestellten Toiletten zum Opfer fiel. Glücklich und zufrieden empfing ich meine Medaille, die wie der Lauf ein Highlight war. Bunt, groß und mit einem tatsächlich beweglichen Cable Car Wagon haben sich die Veranstalter etwas ausgedacht, was auf jeden Fall ins Auge sticht.

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Ich wurde vor einiger Zeit gefragt, was mein bisheriges Marathonhighlight gewesen wäre und ich tat mich schwer, einen konkreten Lauf zu benennen. In Graz lief ich das erste Mal unerwartet unter 3h 30 min, in Pisa wiederholte ich das Ergebnis und genoss das Rennen und trotz aller Ernüchterung bleibt der New York Marathon von der Stimmung her bis heute unerreicht. Sollte ich diese Frage in Zukunft aber erneut gestellt bekommen, so kann ich ganz klar sagen, dass der San Francisco Marathon auf meiner persönlichen Rangliste aktuell ganz oben steht. Sollte jemand ernsthaft mit dem Gedanken spielen, einen Marathon im Ausland zu laufen, so sollte man all den Hype um New York vergessen. Reist nach San Francisco und genießt die anspruchsvolle, aber abwechslungsreiche und schöne Strecke.

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Glücklich und geschafft. Meine Oakley Laufbrille immer dabei, die ich inzwischen nicht mehr missen möchte.

Wie schon beim New York Marathon fällt die Medaillie des San Francisco Marathons überdurchschnittlich groß aus.

Das Höhenprofil ergab letztendlich etwa 620 Meter, die insgesamt auf und ab gelaufen wurden, was gemäß der Höhenmeterberechnung von Greif.de auf einer flachen Strecke in etwa einer 3-40er Zeit heute entsprochen hätte. Die Berechnung sollte man nicht zu ernst nehmen, wie Peter Greif selbst betont, aber es ist eine ungefähre Orientierung, die auch meinem heutigen Empfinden entsprach und mich nach dem mentalen Härtetest auf der deutlich flacheren Strecke des Gold Coast Marathons auch in gewisser Weise beruhigte. Für mich geht es in vier Wochen schon wieder über die volle Distanz auf die Straße. Diesmal ist Island das Ziel, was in gewisser Weise auch der Abschluss des ersten Jahres dieses Projekts sein wird.

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Medaille San Francisco Marathon 2019

Epilog

Nachdem die Cable Car mich von der Medaille begrüßte, musste ich natürlich noch eine Fahrt im Original antreten. Nach einer halben Stunde Wartezeit konnte auch ich einen Wagen der letzten Kabelstraßenbahn der Welt betreten und durch einen glücklichen Zufall erwischte ich einen der letzten Plätze, auf denen man am Außenrand steht. Vermutlich wäre sowas in Deutschland nie möglich, und wenn zwei entgegengesetzte Wagen aneinander vorbeifuhren, wurde es tatsächlich eng. Gleichzeitig fühlte es sich trotz wiederholter Stopps ein wenig wie Achterbahnfahren in der Großstadt an. Es war also in jedem Fall ein lohnenswertes Erlebnis und ich trat den Rückweg zum Hotel zu Fuß an.

Von dort aus startete ich dann doch noch einmal zu den Piers, um das Exploratorium zu besuchen. Dieses 1969 gegründete Museum der besonderen Art wartete mit allerlei interaktiven Ausstellungsstücken auf, die die menschliche Wahrnehmung aber auch die Natur auf besondere Art und Weise in den Fokus nahmen. Nachdem ich tags zuvor mit dem Videospielmuseum bereits ein Highlight auf dieser Reise erlebte, gesellte sich mit dem Exploratirum fraglos ein weiteres hinzu, das ich in jedem Fall erneut aufsuchen werde, sollte ich noch einmal nach San Francisco kommen.

Damit ist dieses Kapitel der Reise in 80 Marathons um die Welt auch beendet. Ich habe zwar kein einziges Halo Top Eis gegessen, aber kann nur nochmals betonen, dass der San Francisco Marathon ein unerwartetes Highlight war, das ich ebenso wie die Stadt in sehr guter Erinnerung behalten werden. Schritt 15 ist damit getan und der kühle Norden wartet auf mich.

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