Allgemein, Marathon, Mindset

Nur wer Marathon unter 2 h 30 min läuft, ist ein echter Marathonläufer

Nachdem am letzten Wochenende der reguläre Marathon in München stattgefunden hatte, ich jedoch beim Köln Marathon an den Start gegangen war, bekomme ich am nächsten Wochenende nicht nur eine zweite Chance, in München doch noch in diesem Jahr einen Marathon zu laufen, sondern es lockt sogar eine neue Bestzeit – zumindest brutto. Der Bestzeitmarathon in München wird pünktlich um Mitternacht die Teilnehmer auf einen Rundkurs schicken, so dass am Tag der Zeitumstellung, wenn die Uhren auf die Winterzeit zurückgestellt werden, jeder Läufer nicht eine Stunde mehr zum Schlafen, sondern zum Beenden des Marathons zur Verfügung hat.

Definieren sich (Marathon-)Läufer über ihre Bestzeit?

Der Name, der Zeitpunkt der Aktion und die Tatsache, dass die – durchaus völlig seriös geplante – Veranstaltung durch den „Verein für außergewöhnliches Laufen“ umgesetzt wird, sollte bereits erkennen lassen, dass mit einem kleinen Augenzwinkern an diesen Lauf herangegangen wird. Dennoch handelt es sich um keine Kaffeefahrt oder einen Wandertag, bei dem die Teilnehmer ins Ziel schleichen würden. Von den insgesamt 41 Läufern, die beim letzten Durchlauf im Jahr 2017 über die volle Distanz an den Start gingen, kam Thomas Zwilling in (zeitumstellungsbereinigten) 3 h 11:22 min ins Ziel (also 2 h 11:22 min brutto). Eine Leistung, die ich aufgrund mangelnder Spezialisierung und (für einen Marathonläufer) zu viel Muskelmasse vermutlich niemals laufen werde. Aber auch ambitionierte Läufer, die mit einem durchschnittlichen Talent ausgestattet wurden, dürften einige Kilometer investieren müssen, um sich an so eine Zeit heranzukämpfen.

Umso spannender wäre die Frage, ob es eine gewisse Zeit gibt, ab wann man sich als Marathonläufer und nicht nur Marathonmacher bezeichnen dürfte. Bereits vor fast einem Jahr thematisierte ich ein ähnliches Feedback, bei dem mir vorgehalten wurde, ich würde Marathons nur machen, nicht laufen. Ob diese Person dies nach den letzten Monaten weiterhin genauso sehen würde, kann ich nicht beurteilen. Ebenso wenig würde ich mir erlauben wollen, eine Zeit festzulegen, ab der man sich als echten ambitionierten Marathonläufer bezeichnen dürfte.

Doch im Internet muss man fraglos nicht lange warten, dass dies jemand für einen übernimmt. Im Anschluss an die Deutsche Meisterschaft im Bodybuilding der GNBF eröffnete ich auf der Plattform Team-Andro.com ein Trainingslog. Ich hatte beschlossen, die nächsten sechs Wochen einen Einblick in meine Trainingsabläufe zu geben, nachdem ich immer wieder danach gefragt wurde. Es dauerte nicht lange und genau die eingangs aufgestellte These wurde in den Raum gestellt: Echte Marathonläufer bewältigen die 42,195 km in 2 h 30 min. Zumindest diejenigen, welche man als sehr gut bezeichnen dürfte. In jedem Fall seien meine Leistungen alles andere als gut.

Nun ist es so, dass selbstverständlich jedermann seine eigene Ansicht zu dieser Thematik haben kann und auch sollte. Ebenso muss jedermann damit rechnen, Kritik zu ernten, wenn er – wie ich – einen gewissen Schritt in die Öffentlichkeit setzt. Dies ist in Ordnung und davor sollte man sich auch in keinem Fall verschließen. Dennoch möchte ich diesen Beitrag nutzen, um meine Gedanken zu diesen zwei Punkten darzulegen, die man selbstverständlich nicht teilen muss. Sprechen wir zunächst einmal über die 2 h 30min.

Dabei handelt es sich um eine Zeit, die nicht allein über Fleiß erreichbar ist. Talent und äußere Umstände müssen ebenso für den Tag X passen, damit auch ambitionierte Marathonläufer diese Schallmauer durchbrechen. Um dies ein wenig in Relation zu setzen: Beim Berlin Marathon, den ich selbst in 3 h 30 min lief und der aktuell die schnellste Strecke der Welt zu bieten hat, traten 46.983 Läufer an. Selbstverständlich lockt so ein Major Event auch viele Lauftouristen an. In gewisser Weise bin auch ich einer. Dennoch unterboten nur 199 Teilnehmer (davon acht Frauen) die magischen 2 h 30 min. Wer keinen Taschenrechner zur Hand hat: Das sind gerade einmal rund 0,424 Prozent aller Starter.

Beim Gold Coast Marathon gelang dies 46 Startern, beim hügeligen San Francisco Marathon lediglich zwei Läufern, im nördlichen Reykjavik nur einem Mann und am letzten Wochenende in Köln durchbrachen nur drei Starter die Elite-Schallmauer. Eine Zeit von 2 h 30 min entspricht einer Pace von weniger als 3:35 min auf jedem einzelnen Kilometer. Die Zwischenzeit auf 10 Kilometern läge bei 35:33 min. Das ist ein Ergebnis, das bei der Deutschen Meisterschaft im 10-km-Straßenlauf in diesem Jahr über die Hälfte der Teilnehmer nicht unterbot. Nur unambitioniertes Fallobst am Start? Ich denke nicht.

Es gibt Menschen, deren Ehen zerbrachen daran, dass sie die 2 h 30 min erreichen wollten und es (offiziell) dennoch nie schafften, wie die Geschichte des Niederländers John Kunkeler beispielhaft zeigt. Für diese Zeit benötigt es eben nicht nur Training, sondern auch eine nicht geringe Menge an Talent. Wer jedem Marathonläufer, der an dieser Zeit scheitert, Ambition oder sogar Leistung abspricht, neigt meiner Meinung nach zu unangemessener Relativierung.

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Marathon ist zum Volkssport geworden, so dass die wenigsten Läufer jemals die 2 h 30 min knacken werden. – Quelle: Pixabay.com / cocoparisienne

Die Gefahr zur Arroganz der Relativierung anderer Leistungen

Ich selbst bin Relativierung gewohnt. Nachdem ich 2010 bei einem Kreuzhebewettkampf mit 220 kg auf 73,5 kg praktisch mein dreifaches Körpergewicht hob, durfte ich mir Relativierungen von Vollblutschwergewichtspowerliftern anhören, die sich mit meinem Wettkampfgewicht aufwärmen. Als ich 2011 das erste Mal auf die Bodybuildingbühne ging und dies auf Team-Andro mit Videolog begleitete (Fitness-Youtube gab es damals nicht), fühlte sich eine Person ständig dazu berufen, mir von der Teilnahme mehr oder weniger höflich abzuraten. Ich hatte mich nie in irgendeiner Form als Bodybuilding-Messias dargestellt oder in anderer Form an Hybris gelitten. Letztendlich gewann ich den Wettkampf sogar als Einäugiger unter den Blinden – nicht, weil ich so gut, sondern weil das Feld damals so schlecht war.

Nun fühlten sich im oben angesprochenen Trainingslog Ausdauersportler zu ähnlichen Äußerungen hingerissen. Sollte ich zu irgendeinem Zeitpunkt im Rahmen dieses Blogs den Eindruck vermittelt haben, mich für einen geilen Marathonläufer zu halten, so darf ich beruhigen: Das tue ich nicht. Auf der anderen Seite sollte eben nicht vergessen werden, dass das Ergebnis nach 42,195 km nicht nur von Talent und Trainingszustand eines Läufers abhängt.

Ich lief bisher jeden meiner Marathons unter vier Stunden und bin inzwischen mehr als tiefenentspannt, wenn dann irgendwann der erste Marathon über vier Stunden beanspruchen wird. Sich ein- oder zweimal im Jahr auf ein Wettkampfhighlight vorzubereiten (egal auf welchem Niveau) ist etwas Anderes, als die letzten 13 Monate 15 mal die Marathonstrecke gelaufen zu sein – in unterschiedlichen Städten unter unterschiedlichsten Umständen.

Im Leistungssport geht man beispielsweise von einem Tag Akklimatisierung pro Stunde Zeitverschiebung aus. Ich startete nach gut 24 Stunden Anreise in Australien (10 Stunden Zeitverschiebung) sofort am Tag nach der Anreise, was wirklich zum Kampf wurde. In San Francisco gingen bei über 5000 Läufern nicht unzählige Plinsen an den Start, sondern die Strecke hatte einfach ein gewisses Höhenrofil. In Luxemburg (fünf Starter unter 2 h 30 min) reiste ich morgens an, lief nachmittags bei brennender Hitze los und man kam im Dunklen mit kaltem Schweiß auf der Haut ins Ziel. In Köln war ich keinesfalls wieder vollständig hydriert nach dem Bodybuilding-Wettkampf einen Tag zuvor. Neu Delhi (vier Starter unter 2 h 30 min) ist für seine schlechte Luft bekannt, wobei ich es nicht so schlimm empfand, und auch den New York Marathon läuft man bekanntlich nicht in Bestzeit. Thomas Hicks gewann 1904 seinen Olympia-Titel über die Marathondistanz sogar nur in 3 h 28:53 min und die ersten Marathonläufer, die bei der Wiedereinführung im Rahmen der Olympischen Spiele der Neuzeit an den Start gingen, riefen Leistungen von knapp drei Stunden ab. Es gibt so viele Faktoren, die in einen Einfluss darauf ausüben, welche Zeit man ins Ziel bringt.

Läufer, die 2 h 30 min unterbieten, wiegen auch nicht wie ich um die 75 kg auf 174 cm, sondern haben eher die Statur eines Philipp Pfliegers (184 cm und 68 kg), der uns in Rio vertrat und vorher überhaupt nur zweimal die Marathondistanz beendete. Es gibt nicht ohne Grund Spitzenathleten, die das Rennen einfach abbrechen, wenn die gewünschte Zielzeit nicht erreichen werden kann oder eben zu früh am Limit gelaufen wurde. 42 Kilometer sind nicht 42 x 1 Kilometer oder 36 + 6 Kilometer.

Ambition heißt laut Duden „auf ein bestimmtes Ziel gerichtetes Streben“. Mein Ziel ist es, schweres Krafttraining und Marathonlaufen zu verbinden, indem ich 80 Marathons innerhalb eines überschaubaren Zeitraums an verschiedenen Orten der Welt laufe (und danach höre ich Stand heute sicherlich nicht auf). Dabei gab es schon eine Vielzahl an (unerwarteten) Herausforderungen und es werden wohl noch mindestens genauso viele kommen.

Niemand soll sich auf die Füße getreten fühlen, weil hier so ein Typ ein bisschen Sport „macht“ und keinerlei Ambitionen hat, in seinem Leben den Marathon unter drei Stunden zu laufen. Allerdings sollte man auch nicht Gefahr laufen, aus seinem Elfenbeinturm auf den vermeintlichen Pöbel herabzuschauen. Die Tendenz zu derlei Arroganz gibt es in allen Sportarten und man findet sie in jedem Fall genauso im Bodybuilding oder Powerlifting, bei denen ich lang genug Einblick in die Szene habe.

Ich selbst bin Hybridathlet. Wenn ich anderen Menschen erzähle, welche Wettkämpfe ich die letzten Monate erfolgreich bestritt, ernte ich im normalen Umfeld regelmäßig fassungslose Blicke und beispielsweise Fragen, ob all dies noch gesund sei. Natürlich kann ich für nichts garantieren und nur so achtsam wie möglich mit meinem Körper umgehen. Blutwerte, Belastungs-EKG und präventive Checks beim Physiotherapeuten oder Osteopathen sind nur einige Maßnahmen, die ich deshalb ergreife – und ich gehe bewusst nicht an meine körperliche Grenze.

Natürlich bleibt ein Marathon ein Marathon. Aber ich zerstöre mich nicht dermaßen im Rennen, dass ich im Anschluss tagelang Erholung benötigen würde. Ich möchte auch in 20, 30 oder noch mehr Jahren leistungsorientiert Sport treiben und für irgendeine Zeit oder ein Gewicht, die letztendlich niemanden interessieren, meine Gesundheit nicht unnötig riskieren. In 80 Marathons um die Welt zu laufen, bedeutet nicht nur körperlich Leistung zu bringen, sondern vor allem auch mental seine Grenzen zu erweitern. Diese definierte ich in den letzten Monaten tatsächlich immer wieder neu.

Ich würde keinesfalls länger behaupten, dass ich Marathons nur mache. Ich laufe diese ambitioniert, jedoch nicht mit Scheuklappen und auf kurze Sicht. Ich definiere mich nicht über meine Marathonzeit, ebenso wenig wie über meine sportliche Persönlichkeit. Es sind wichtige Facetten meiner Person, die jedoch aus deutlich mehr besteht. Ob man mich am Ende des Tages dann als „echten Marathonläufer“ bezeichnen dürfte, kann man sicherlich unterschiedlich beurteilen. Doch damit kann ich gut leben.

5 Gedanken zu „Nur wer Marathon unter 2 h 30 min läuft, ist ein echter Marathonläufer“

  1. Für die abgelieferten Leistungen kann man nur den Hut ziehen! Wer das kritisiert, soll das erstmal (ansatzweise) nachmachen! Es ist sehr schade, dass in der Fitness und Sportwelt nicht einfach mal anerkannt werden kann, dass eine super Leistung erbracht wurde, sondern immer Vergleiche oder Ausreden gebracht werden. Wie gesagt super motivierend was du da machst! Hut ab!

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