Medaille des Neu Delhi Marathons 2019 redlich verdient.
Asien, Marathon

Neu Delhi Marathon 2019: In Indien kennen sie keinen Zeitdruck

Der Neu Delhi Marathon ist geschafft und war in vielerlei Hinsicht nicht so wie erwartet. Während ich mir die Tage vor dem Abflug ernsthafte Gedanken wegen meinen Waden machte, überlegte ich schon das Rennen auf eine Zeit von vier Stunden auszulegen, falls ich überhaupt die komplette Strecke durchhalten würde. Meine Verunsicherung und vor allem Anspannung war die letzten Tage tatsächlich größer, als mir lieb war, und stellte sich zumindest was die Waden anging als unbegründet heraus.

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War der Neu Delhi Marathon eine Veranstaltung zweiter Wahl?

Bei der Vorstellung der drei geplanten Läufe im Anschluss an den New York Marathon stellte ich die Frage in den Raum, ob all dies nach New York nur noch zwei Wahl sein könnte. Zumindest musste dies bezüglich Neu Delhi insofern bejaht werden, dass ich mir ursprünglich wegen dem Tokyo Marathon Urlaub genommen hatte und damals in meinem jugendlichen Leichtsinn noch dachte, dass man an solch großen Veranstaltungen auch teilnehmen könnte, wenn man sich umgehend anmeldet. Da hatte ich die Rechnung bekanntlich ohne die marathonverrückten Japaner gemacht.

Aber welches Fazit kann nun gezogen werden? Nachdem ich den Pisa Marathon 2018 weiterhin in sehr guter Erinnerung habe und beim Dubai Marathon 2019 tatsächlich das Gefühl bekam, ein Läufer zweiter Klasse zu sein, stellt sich die Frage, wo der Neu Delhi Marathon 2019 einzuordnen ist. Viel weiter auseinander konnte die Messskala im Vorfeld kaum gezogen werden. Die Antwort ist einfach wie erfreulich: Der Lauf ist eine Empfehlung wert!

Mit einer gewissen Lockerheit öffneten die Tore zum Stadiongelände mit etwa einer halben Stunde Verzögerung, was mich nicht weiter störte, da ich kurz zuvor erst angekommen war, und eine Vielzahl an Menschen drängte um 03:30 Uhr auf das Gelände, wo bereits eine Bühne mit Moderator bereitstand, der für Stimmung unter den Teilnehmern sorgen sollte. Dies gelang ihm ohne Zweifel und das fast – soweit man das beurteilen kann – ausschließlich indische Teilnehmerfeld holte auch mich mit seiner lärmenden Euphorie ab. Ich freute mich tatsächlich auf den Start und alle Sorgen um die Waden wurden von der Überzeugung erstickt, dass es schon alles klappen würde.

Wenige Minuten, bevor der Startschuss erfolgen sollte, machten Ordner schließlich den Weg zur Startlinie frei, die sich direkt im Stadium befand. Der mit Flutlicht erhellte Innenbereich ließ das Adrenalin und die Vorfreude nicht nur in mir weiter ansteigen, wie laute Jubelrufe deutlich machten. Wenn man aus der Dunkelheit mitten in das hell erleuchtete Stadium tritt, kann man das Gefühl nachvollziehen, was Fußballspieler beim Betreten des Rasens haben müssen.

Der Lauf selbst führte nach einer halben Stadionrunde sofort raus in die Nacht und wenn ich „Nacht“ schreibe, dann ist damit tatsächlich Dunkelheit gemeint. Obwohl die Strecke auf abgesperrten Straßen entlangführte, hatte wohl jemand vergessen, den Schaltmechanismus der Straßenbeleuchtung zu modifizieren. Auf der um 04:00 Uhr morgens auf einem Sonntag wohl auch sonst wenig befahrenen Straße leuchtete auf der Seite der Läufer keine einzige Straßenlaterne, so dass ein wenig Aufmerksamkeit gefordert war.

Ansonsten war an der eigentlichen Organisation nichts zu kritisieren. Auch wenn der Startschuss etwas verzögert fiel, verlief die Veranstaltung selbst reibungslos. Bemerkenswert waren dabei zwei Punkte: Praktisch alle 2,5 Kilometer gab es Stationen, die in jedem Fall Wasser anboten und fast immer auch Bananen, Kekse und Energydrinks. Die Helfer waren bei der Vergabe sichtlich motiviert und die ein oder andere Übergabe der Verpflegung erinnerte fast schon an den Wechsel der Läufer bei einem Staffelrennen, nur dass der ankommende Läufer nicht abbremste, sondern weiter durchlief.

Viel spannender empfand ich aber die Tatsache, dass es zwar offizielle Pacemaker gab, diese aber Zeiten zwischen 04:00 und 05:45 Stunden liefen. Kein einziger Pacemaker, der schneller unterwegs war. Obwohl das Rennen eine große sportliche Veranstaltung darstellte, war der Anspruch der Veranstalter und Teilnehmer an die Zielzeiten aber offenbar weniger von Bedeutung. Bekräftigt wurde diese These dadurch, dass kein einziger afrikanischer Läufer am Start war, was ich mir nur damit erklären kann, dass kein Preisgeld ausgelobt worden sein muss.

Was macht(e) die Wade?

Als Michael Ballack 2008 an der Wade verletzt war, prägte sich der Begriff „Wade der Nation“, da ganz Fußballdeutschland um die Teilnahme seines El Capitano im Endspiel der EM 2008 zitterte. Es war nicht umsonst: Ballacks Verletzung heilte rechtzeitig aus und Deutschland bestritt mit ihrem Mannschaftskapitän das Finale. Ein wenig anders verlief es dagegen bei mir: Während ich vermutlich allein um meine Wade zitterte, schaffe auch ich nicht nur den Sprung in den Kader, sondern nahm auch tatsächlich am Wettkampf teil. Aber war es für mich ebenso wie für die deutsche Fußballnationalmannschaft am Ende einer Niederlage?

Ein klares Jain, was in erster Linie den noch frischen Eindrücken des Rennens geschuldet ist und der Gesamtsituation nicht gerecht wird. Im Prinzip darf ich mich freuen, dass die Waden den gesamten Lauf über kein Problem machten. Nach einem ersten, recht langsamen Kilometer, bei dem die Teilnehmer sich wieder durch den Stadionausgang zwängten, sagte mir mein Handy durchgehend eine Pace von unter 5 Minuten an. Ich war gut unterwegs und fühlte mich bei Kilometer 10 erfreulich frisch.

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Streckenverlauf Neu Delhi Marathon 2019 – Quelle: Instagram

Überhaupt machte mir die Veranstaltung von den ersten Metern an viel Spaß, was vielleicht auch der Tatsache geschuldet war, dass ich Laufen in der Dunkelheit durchaus genieße, wie ich es bereits beschrieb. Und so verflog die erste von zwei Runden der gesamten Marathondistanz nahezu und erst beim 24. Kilometer maß mein Handy eine Pace über 5 Minuten. Während die erste Hälfte des Neu Delhi Marathons fast schon leichtfüßig vonstattenging, wurde es ab der zweiten zugegeben anstrengender.

Rennfoto vom Neu Delhi Marathon 2019
Der ernste Blick sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Neu Delhi Marathon 2019 eine schöne Erfahrung war! – Quelle: newdelhimarathon.com

Dennoch gelang es mir, das Tempo bis zum 34. Kilometer relativ konstant zu halten, bis die Beine und beim heutigen Rennen insbesondere die Hamstrings müde wurden und ich spürbar die Leichtigkeit beim Laufen verlor. Die Pace stürzte ab und pendelte sich bei 05:45 min ein. Jeder Schritt war vor allem körperlich ein Kampf. Mental ärgerte ich mich mehr, dass ich trotz schlechter Vorzeichen bis zu diesem Augenblick auf einer guten Zeit unterwegs war. Wie viel es am Ende genau wurden, kann ich aktuell nicht einmal sagen, da die Ergebnisse noch nicht online sind. In unser schnelllebigen Zeit ist man diese Ruhe gar nicht mehr gewohnt, so dass ich entweder knapp unter oder über 03 h 40 min das Ziel durchschritten haben muss.

Nachtrag: Zwei Tage später waren die Ergebnisse abrufbar. Offenbar war die Beschilderung auf der Strecke falsch und ich nicht ganz so schnell unterwegs, wie ich zwischenzeitlich dachte, was den „langen letzten Kilometer“ erklärte. Am Ende waren es 03 h 40:38 min und damit Platz 165 von 1029 Marathonläufern.

Woran es genau lag, kann ich nur spekulieren. Nachdem mich beim Dubai Marathon noch vom Jetlag verschont blieb, erwischte es mich diesmal deutlich stärker und so kam ich am Tag vor dem Neu Delhi Marathon zwar wie geplant um 19 Uhr ist Bett, schlief aber insgesamt nur 4 Stunden, die sich etwas zur Hälfte aufteilten und durch eine stundenlange Wachphase unterbrochen wurden. Als ich dann tatsächlich in den Schlaf fand, klingelte der Wecker auch schon, wobei ich nicht das Gefühl habe, spürbare Folgen des Schlafmangels zu haben. – Nur an der Luft wird es definitiv nicht gelegen haben. Vom Smog-Problem in Neu Delhi war zumindest heute absolut nichts zu merken.

Medaille des Neu Delhi Marathons 2019 redlich verdient.
Medaille des Neu Delhi Marathons 2019 redlich verdient.

Vielleicht war es auch zu wenig Trinken, der Reisestress, die suboptimale Ernährung der letzten zwei Tage vor dem Lauf oder eine Kombination von all dem. Unterm Strich ist es aber sowieso nicht wichtig, da das Ergebnis unter Anbetracht der Situation der letzten Tage sehr zufriedenstellend ist und ich selbst vermutlich nur noch ein, zwei Tage benötige, mir dies uneingeschränkt einzugestehen. Für einen Halbtagsläufer mit Körpergröße-Gewicht-Proportionen eines Sprinters darf ich mit der Marathonzeit sicher zufrieden sein. Der eigene Ehrgeiz spielt einem da vermutlich auch nur einen Streich.

Am Ende wurde ich mit einer liebevoll gestalteten Medaille belohnt, auf der bemerkenswerter Weise kein Feld für die Gravur der eigenen Zielzeit vorgesehen ist. Der Neu Delhi Marathon war also in vielerlei Hinsicht eine Veranstaltung ohne Zeitdruck und in jedem Fall eine Erfahrung wert. Namaste Neu Delhi! Ich werde vermutlich nicht wiederkehren, aber behalte dich in guter Erinnerung.

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