Deutschland, Marathon

Sieg und Niederlage beim Hannover Marathon 2019

„Bitte nicht krank werden!“ Dieser Gedanke begleitet mich in der Woche vor dem Hannover Marathon 2019 vermutlich so stark, wie kein zweiter, wobei „Ich würde gerne etwas essen!“ ohne Frage dicht dahinter folgte. Die letzten Tage vor dem Lauf hatten also körperliche wie mentale Höhen und Tiefen, die zum Teil selbst gewählt und zum Teil unbeeinflussbar waren. Dennoch ging ich mit Ziel einer neuen Bestzeit in die letzte Woche. So viel sei schon einmal verraten: Dies sollte mir nicht gelingen.

Fieber, Schleim im Hals und nichts zu essen

Gut zehn Tage vor dem Hannover Marathon wurde meine kleine Tochter krank. Obwohl der Begriff „Eingewöhnungszeit“ sich ja eigentlich auf die Kleinen bezieht, die sich an eine neue Situation Stück für Stück gewöhnen sollen, erlebte auch ich als Vater meine erste Eingewöhnungslektion. Aus dem sozialem Umfeld bekommt man als Elternteil bekanntlich ungefragt eine Vielzahl an Sprüchen, Binsenweisheiten und (meist gut gemeinten) Ratschlägen aufgetischt – und wie ich mir eingestehen muss, bewahrheiten sich tatsächlich nicht wenige davon mit der Zeit. Ja, die Zeit vergeht irgendwie ganz schnell. Ja, aus dem kleinen Engel, der nur Pupsen, Schlafen und Essen will, kann ein kleines Trotzköpfchen werden, sobald mehr und mehr Synapsen im Kopf verknüpft sind. Und ja, wenn man ein Kind hat, schleppt man sich offenbar regelmäßig Krankheiten ins Haus, sobald dieses regelmäßig mit anderen Kindern in Kontakt kommt.

Bisher hatten meine Frau und ich relativ viel Glück und meine Tochter erbte offenbar die relativ robusten Gene ihres Vaters. Zumindest bildet man sich so etwas als stolzer Erzeuger selbstverständlich ein, denn wenn sie in den ersten Monaten doch einmal etwas kränklich wurde, verging dies bisher fast immer von allein. Bis auf Zäpfchen, die das ein oder andere Mal benötigt wurden, erwies sich die Kleine als äußerst robust. Diese Robustheit wurde nun ebenso wie meine in den letzten Tagen auf die Prüfung gestellt.

Nachdem der erste Tag der Eingewöhnung in der Kinderbetreuung fast schon zu perfekt lief, präsentierte sich meine Tochter offenbar – entgegen ihrer sonstigen Art – am zweiten Tag als quengelnde Nervensäge… nur um am Abend von der Tagesmutter zu erfahren, dass sie selbst inklusive aller anderen Kinder inzwischen krank geworden seien und der dritte Tag verschoben werden müsse. Meine Tochter folgte auf dem Fuße, was den Zustand über den Tag verteilt dann auch erklärte. Entgegen der sonstigen Kränkeleien war es diesmal jedoch deutlich intensiver. Neben hohem Fieber kam eine bis heute verstopfte Nase sowie zwischenzeitlich Übergeben hinzu. Sie hatte sich – laut Arzt – eine richtige Grippe eingefangen. Wenige Tage vor meinem Lauf.

Warum ich dies so umfassend erzähle? Um zu verdeutlichen, dass ich keinesfalls ein autarkes Individuum bin, das weder Verpflichtungen noch Menschen im unmittelbaren Umfeld hat, auf deren Schultern ich diese Reise in 80 Marathons um die Welt vielleicht nicht austrage, aber in jedem Fall auf einen engen Schulterschluss angewiesen bin, aber auch Rücksicht nehmen muss und will. Dennoch sind solche Situationen, die man nicht selbst in der Hand hat, unbefriedigend. Noch einmal direkt vor einem Marathon krank werden, wie vor der Reise nach Dubai, war das Letzte, was ich mir vor dem Hannover Marathon gewünscht hätte, doch mein Hals fing schon wenige Tage später an zu kratzen.

Zwar blieb ich von Schnupfen oder gar Fieber verschont und auch meine Tochter hatte die schlimmste Phase schnell überwunden, doch plagte ich mich bis zum Tag des Rennens mit einem spürbar angeschwollenen Hals und schleimigen Husten herum. Krank den Hannover Marathon laufen? Ganz so schlimm war es zum Glück nicht. Wie ich bereits damals vor Dubai schrieb, behalte ich meinen Ruhepuls gut im Auge und während dieser vor dem Dubai Marathon 2019 tatsächlich anstieg, blieb ich von solch einem Verlauf diesmal verschont. Die klassische „alles bis zum Hals“-Regel wurde also auch von mir angewandt.

Entsprechend begann ich ab Montag mit dem Entladen der Kohlenhydrate. Obwohl ich bisher auf keiner einzigen Pasta-Party war, ist mir das Prinzip der Superkompensation der Kohlenhydratspeicher selbstverständlich bewusst. Wenn man etwas über sinnvolles Ausdauertraining wissen möchte, sollte man einen Läufer fragen. Geht es aber um das Thema Ernährung, so machen die meisten Dreikäsehochs, die keine sechs Monate Bodybuilding betreiben, vermutlich dem Großteil der Laufcommunity so einiges vor. In der Bodybuilding- und Fitnessszene gibt es fraglos auch viel Unsinn, der verbreitet wird, aber in vermutlich keiner Sportart setzen Hobbyathleten sich so intensiv mit ihrer Ernährung auseinander und versuchen diese zu optimieren. Ein Thema, das Ausdauersportler – soweit ich dies beurteilen kann – oftmals erst spät anfassen und nicht selten noch Verbesserungsmöglichkeiten haben.

Wer optimal von einem Kohlenhydratladen profitieren will, muss zunächst Entladen und genau dies tat ich. Da Sonntag ein Familienereignis anstand, bei dem ich nicht verzichtend am Tisch sitzen wollte, begann ich erst am Montag mit meiner Entladephase. Kalorien und Kohlenhydrate wurden deutlich reduziert, wobei am Dienstag und Mittwoch noch regulär trainiert wurde, um die Balance zwischen Entlastung und tatsächlicher Leerung der muskulären Speicher zu erreichen. Aber das wäre vielleicht mal ein gutes Thema für einen anderen Eintrag.

Am Samstag, einen Tag vor dem Marathon, wurde dann geladen, wobei ich zugeben muss, nicht die physiologisch optimale Variante umgesetzt zu haben, sondern durchaus auch die mentale Seite versuchte nach fünf Tagen starkem Verzicht vor dem Marathon zu stärken. Der kratzende Hals war ausreichend psychische Belastung, zumal ich mich Donnerstagabend und den Freitag über hundeelend fühlte und den Start beim Hannover Marathon ernsthaft in Frage stellte.

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Streckenverlauf und Infos zum Hannover Marathon 2019 auf einen Blick.

Messesamstag: Früher war mehr Lametta

Glücklicherweise ging es mir am Samstag bereits deutlich besser. Auch wenn der Hals weiterhin kratzte, bestand kein Zweifel mehr, dass ich beim Marathon an den Start gehen würde und so machte ich mich am Nachmittag auf den Weg, um meine Startunterlagen abzuholen. Wie jedes Jahr fand die Marathonmesse in einem großen Zelt vor dem Rathaus unmittelbar in der Nähe des Startbereichs statt. Inzwischen habe ich so einige Marathonmessen besucht und die New Yorker Marathonmesse wird wohl nie wieder etwas toppen können. Dennoch finde ich es auf gewisse Weise erstaunlich, wie klein auch die Hannover Marathon Messe offenbar Jahr für Jahr ist. Schließlich handelt es sich mit über 25.000 Teilnehmern um das größte Laufevent Norddeutschlands, auch wenn der Großteil der Läufer, ähnlich wie bei anderen Veranstaltungen, über kürzere Distanzen an den Start geht.

Nachdem ich mir meine Startunterlagen abgeholt hatte, gab es eine erste kleine Enttäuschung. Der in den letzten Jahren durchaus stabile Kunststoffsack, der bei mir noch heute Verwendung findet, wurde durch eine bedruckte Plastiktüte ersetzt. Nun könnte man sagen, es kommt drauf an, was drin ist, aber ein Blick in die selbige verbesserte den Eindruck ebenfalls nicht. Die Startnummer, der Mikatiming-Chip sowie zwei Gels, bei denen der Sponsor sich sogar die Bedruckung sparte, waren alles, was in der Tüte zu finden war.

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Die Gels waren in diesem Jahr beim Hannover Marathon eher minimalistisch.

Im ersten Augenblick dachte ich, es würde sich um ein neues Unternehmen handeln, das erst noch auf den Markt kommen würde und schlichtweg bisher nur wie viele andere Anbieter in einem größeren Betrieb abfüllen ließe. In diesem Zusammenhang fand ich es verwunderlich, gleich bei so einem großen Event als Hauptsponsor zu fungieren, aber wie die Recherche im Internet mir schnell zeigte, gibt es den Nahrungsergänzungsmittelhersteller bereits eine kleine Weile und dieser war in der Vergangenheit auch bei anderen Laufevents aktiv. Offenbar hatte man hier einfach Geld gespart.

Davon ließ sich jedoch selbstverständlich nicht meine Vorfreude trüben. Den noch leeren Start-Ziel-Bereich im Blick merkte ich tatsächlich, wie die Vorfreude für meinen vermutlich vorerst letzten Hannover Marathon aufkam. Ich fühlte mich zwar nicht so bereit, wie man sich nur bereit fühlen kann, aber ich war zuversichtlich eine neue Bestzeit zu laufen. Das zumindest war mein Ziel.

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Am Samstag vor dem Hannover Marathon 2019 war im Startbereich natürlich noch nicht viel los.

Diarrhoea: Scheiße bleibt Scheiße

Obwohl der Marathon quasi vor meiner Haustür stattfand, klingelte der Wecker deutlich länger vor dem Start, als bei allen internationalen Marathons in den letzten Wochen. Schon ein wenig komisch, wenn man sonst um die halbe Welt im Flugzeug reist und Dank Hotel in der Nähe relativ unmittelbar vor dem Beginn des Marathons aufstehen kann und beim Heimwettkampf, wenn man ihn so betiteln will, gut 3,5 Stunden früher aus dem Bett muss, wenn man noch rechtzeitig alles erledigen will.

Wer meinen sportlichen Weg ein wenig verfolgt bzw. mein Ernährungsbuch gelesen hat, weiß, dass ich seit vielen Jahren Intermittent Fasting 2.0 betreibe. So gesehen wäre ein Frühstück unmittelbar nach dem Aufstehen nicht vorgesehen und in der Regel auch nicht Teil meines Alltages, doch seit dem Graz Marathon habe ich mir bekanntlich angewöhnt, bewusst – im Sinne der Nährstoffversorgung während des Laufs – vor dem Rennen etwas möglichst leicht Verdauliches zu essen. Und da das Auge bekanntlich mitisst, gab ich mir sogar ein wenig Mühe, das Frühstück entsprechend zu drapieren.

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Wenn schon nicht Frühstück im Hotel, dann doch zumindest liebevoll herrichten.

Neben dem Kohlenhydratladen am Samstag wollte ich zudem etwas Neues ausprobieren. Ich hatte die Woche vor dem Entladen bereits mit Natron experimentiert und dieses eigentlich gut vertragen und die erhoffte Wirkung erzielt. Also nahm ich auch diesmal etwa 90 Minuten vor der Belastung die entsprechende Dosierung zu mir, was bei meinem Gewicht 25 Gramm entspricht. Wer sich mit der Thematik bereits auseinandergesetzt hat: Meine Überlegung war, ein kleines Zeitfenster auf den ersten 10 Kilometern zu erarbeiten. Nicht den gesamten Lauf davon zu profitieren.

Diesmal vertrug mein Magen-Darmtrakt die Dosierung vor dem Hintergrund der letzten Tage aber offenbar nicht. Knapp eine Stunde vor dem Start des Laufs suchte ich das erste Mal ein Dixi auf und was dabei rauskam, beschreibt die Teilüberschrift bereits in Bildungssprache. Unterm Strich, auch wenn sich viele Menschen an dem Thema vielleicht echauffieren, bleibt Scheiße Scheiße und wie ich bereits weiter oben beschrieb, gehört die Verdauung bzw. die Ernährung im Rahmen eines Marathons durchaus zu Themen, über die man sich im Rahmen der Optimierung Gedanken machen kann.

Nachdem ich das Dixi endlich verlassen konnte und mir ein wenig die Beine vertrat, meldete sich mein Körper erneut und schließlich folgte auf die zweite Sitzung sogar eine dritte, die allesamt wie die erste Verliefen. Keine Ahnung, wieviel Flüssigkeit ich im Zuge dessen nochmal verlor, wobei dies im Zusammenhang mit der Leistungsfähigkeit sicherlich alles andere als förderlich war. Schließlich verliert man auch über Nacht ein wenig Wasser und insbesondere für die Ausdauerleistung können bereits wenige Prozent Körpergewicht spürbaren Einfluss nehmen.

Was ich bis dahin also über die ersten Stunden des Tages getrunken hatte, war zu einem nicht unerheblichen Teil wieder raus. Glück im Unglück konnte ich mich dann fünf Minuten vor dem Start endgültig von der Kabine lösen und bekam auch keine Signale, das Prozedere noch ein viertes Mal umzusetzen. Und so kletterte ich noch schnell über die bereits geschlossenen Absperrgitter in meinen Startbereich und war zwei Minuten vor Renneröffnung ebenfalls für den 29. Hannover Marathon bereit.

Zunächst verlief alles nach Plan…

Ich schrieb bereits, dass ich mit dem Ziel einer neuen Bestzeit an den Start ging. Um eine konkrete Zahl zu nennen: Ich liebäugelte mit 3 h 25 min. Ich hatte also keinesfalls die Idee mit Hilfe von wenig Natronpulver, Kinesio-Taping und frischen Laufschuhen plötzlich in unerreichbare Gefilde vorzudringen, aber nachdem in Graz und beim Pisa Marathon 2018 bereits die 3 h 30 zweimal gefallen waren und ich meinen Eisenmangel offenbar überstanden hatte, wollte ich mir den Heimvorteil zu Nutze machen. Schließlich lief ich mit 3 h 31 min bereits beim Hannover Marathon 2018 ein Jahr zuvor eine passable Zeit.

Mein Trainingsumfang hatte sich seitdem zwar nicht verändert, genau genommen trainier(t)e ich nunmehr seit Monaten (bewusst) auf einem konstanten Niveau, allerdings konnte ich einiges an Erfahrung bei den letzten Marathonläufen sammeln und wusste, dass Hannover generell eine schnelle Strecke ist. Mir war klar, dass ich entsprechend meiner Zielsetzung eine Pace zwischen 4:50 und 4:55 min laufen müsste, was mir die ersten 21,0975 km auch gut gelang.

Jeder, der schon mal an einem längeren Laufwettkampf teilgenommen hat, weiß, dass die GPS-Messung von Handys oder Laufuhren nicht so ganz den Streckenschildern entspricht. In der Regel verliert man kontinuierlich ein paar Meter, die sich mit der Zeit summieren, so dass die ermittelte Pace nicht ganz der Wahrheit entspricht. Die Alternative wäre es, sich die Zwischenzeiten zu merken oder zu notieren, was ich auch immer wieder auf Läufen gesehen hatte, und vielleicht werde ich diese Strategie auch in Zukunft selbst anwenden.

So verließ ich mich aber auf meine Zeitansage – immer im Bewusstsein, einen Puffer raufschlagen zu müssen – und war gut im Rennen. Bei Kilometer 10 war dann auch erstmals eine offizielle Zeitanzeige zu sehen und abzüglich der Phase, bis auch ich nach dem Startschuss die Startlinie überschritten war, lag ich gut in der Zeit. Sehr gut sogar: 48:08 min entsprachen einer Pace von 4:49 min, die zwar nicht kinderleicht aber auch nicht richtig schwer war. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang, dass ich die letzte 10er-Einheit vor meiner Eisensupplementierung im Training langsamer lief, danach aber keinen Schritt mehr vor den anderen setzen konnte.

Und so lief ich das Rennen zunächst weiter und versuchte die Stimmung zu genießen. An dieser Stelle muss ich meine Eindrücke ein wenig relativieren. Im Zusammenhang mit dem New York Marathon 2018 schrieb ich sinngemäß, dass sich Hannover vor der Stimmung nicht verstecken bräuchte. Ganz so viel war am Streckenrand dann doch nicht los, aber insbesondere die letzten 7 bis 10 Kilometer, wenn Marathon- und Halbmarathon-Feld immer wieder gemeinsame Streckenabschnitte hatten, machten die Leute wie auch bei meinen vorherigen Starts jede Menge Lärm. Ich bleibe – mit dieser kleinen Korrektur – also dabei, dass der Hannover Marathon sich meiner Meinung nach in keiner Weise vor der internationalen Konkurrenz verstecken muss und ein empfehlenswertes Erlebnis ist!

Nach der Hälfte der Strecke folgte (erst) die zweite offizielle Zeitmessung und ich durchlief die 21,0975 km bei einer Zeit von 1h 41:50 min. Damit war ich zwar langsamer als damals beim Kassel Marathon, allerdings wollte ich nicht wie damals in der zweiten Hälfte scheitern. Dieser Wunsch wurde mir nicht ganz gewährt. Ich merkte durchaus, dass meine Beine inzwischen schwerer wurden, insbesondere die Oberschenkelvorderseite meldete sich besonders stark, allerdings sagte mir mein Smartphone weiterhin Pace-Zeiten von unter 5 Minuten an.

Zugegeben trügerisch – und das ist eine Lektion für zukünftige Läufe – war in diesem Zusammenhang die Autopause-Funktion. Ich kann (immer noch nicht) während des Rennens sinnvoll aus Bechern trinken, so dass ich mir inzwischen angewöhnt habe, an den Verpflegungsstationen das Getränk schnell im Schritttempo oder während eines kurzen Anhaltens herunterzuschütten, bevor ich weiterlaufe. In der Regel versuche ich die mehr oder weniger unfreiwillige Verzögerung durch kurzes Anziehen bzw. Lossprinten aufzufangen, aber offenbar gelang mir dies diesmal nicht in dem Rahmen, wie ich es dachte.

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Streckenverlauf Hannover Marathon 2019 – Quelle: hannover-marathon.de

…’til I get punched in the mouth.

Die nunmehr im 5-Kilometer-Takt durchgeführte Zeitmessung verrät mir rückblickend, dass ich bis zur 25-Kilometer-Marke mit einer Pace von 5:07 min unterwegs war und damit deutlich langsamer, als ich es basierend auf den Ansagen vermutet hätte. Nun wurde das Rennen hart. Ich spürte, wie ich ungewollt langsamer wurde und irgendwo zwischen Kilometer 35 und 37, ich weiß es tatsächlich gar nicht mehr genau, überholte mich der Pacemaker für die 3-Stunden-30-Zeit.

Das war zunächst eigentlich kein Beinbruch, schließlich war dieser weiter vor mir im Feld gestartet und wurde von mir erst bei etwa Kilometer 10 eingeholt, aber es fühlte sich in diesem Augenblick wie der Schlag in die Fresse an, den Mike Tyson in seinem berühmten Zitat beschrieb. Mental war das Rennen an diesem Punkt hart und genau in diesem Moment eingeholt zu werden, brachte mich kurz zum Torkeln. Ich blieb für einen Augenblick stehen und versuchte in die Knie zu gehen. Doch es ging nichts. Meine Oberschenkel schmerzten dermaßen, dass ich nicht in der Lage war, in die Hocke zu gehen, und kurz eine wohlige Dehnung in die Oberschenkel zu bekommen.

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Höhenprofil Hannover Marathon 2019 – Quelle: hannover-marathon.de

Ich war mental am Boden, die Beine fühlten sich nur noch leer an, also stand ich sinnbildlich auf und lief weiter. Ich wollte kein weiteres Waterloo erleben, wobei es zwecklos ist, wenn der Verstand diesen Entschluss fasst und der Körper nicht mitspielt. Zum Glück tat er das und ich kam wieder im Tritt. Ich schaute auf meine Uhr und versuchte auszurechnen, welche Pace ich für mein inzwischen korrigiertes Ziel laufen müsste. Von den 3 h 25 min hatte ich mich verabschiedet, die magische Grenze von 3 h 30 min wollte ich bei meinem letzten Hannover Marathon aber noch einmal knacken.

Ich verlor zunehmend Zeit, das konnte ich mit meinem vernebelten Kopf noch begreifen, aber ohne Pokern zu wollen, dachte ich, dass ich es schaffen würde. Es würde knapp werden, aber das Ziel war in erreichbarer Nähe und bei Kilometer 40 war ich mit 3 h 19:10 min als Zwischenzeit noch in greifbarer Nähe. Dachte ich. Tatsächlich hätte ich hier aber bereits den Rest der Strecke mit einer Pace von unter fünf Minuten laufen müssen. Stattdessen trank ich an der letzten Verpflegungsstation kurz etwas, ohne Zeit zu vertrödeln, und kämpfte mich durch den 41. Kilometer. Als ich das Streckenschild erreichte und auf meine Uhr schaute, wusste ich: „Scheiße! Das wird nichts.“

Ich versuchte dennoch alles und setzte zum Endspurt an. Laut Lauf-App war ich zwar tatsächlich noch einmal schneller als fünf Minuten unterwegs, doch ich konnte das Trinken an der Verpflegungsstation direkt hinter der 40-Kilometer-Zeitmessung sowie den vorletzten Kilometer nicht mehr aufholen. Ich überschritt die Ziellinie und beendete den Hannover Marathon 2019 damit in einer Netto-Zeit von 3 h 30:41 min.

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Ähnlich wie bei anderen Veranstaltungen gibt es auch beim Hannover Marathon schon seit Jahren große Banner mit den Teilnehmernamen.

Sieg und Niederlage

Im Vergleich zum Vorjahr war es nochmal eine Verbesserung, wenn auch keine sonderlich große. Insofern wirkt es vielleicht komisch, von einer Niederlage zu sprechen. Ich scheiterte nicht wie in Kassel und auch im Vergleich zu den ersten beiden Rennen des Jahres in Dubai und in Neu Delhi verlief alles deutlich mehr nach Plan. Dennoch erreichte ich mein Ziel nicht.

Auch wenn ich mich deswegen durchaus ärgere, sollte das Wort Niederlage nicht zu negativ verstanden werden. Ich hatte selbst darüber auf dem Heimweg nachgedacht, ob ich vielleicht zu verbissen an die Sache herangehe und gleichzeitig mit maximal 45 Kilometern Laufleistung in der Woche zu wenig investiere, aber das wäre der falsche Schluss. Ich weiß einfach, dass eine bessere Zeit und insbesondere ein Lauf unter 3 h 30 min möglich gewesen wäre, und wenn man keine Unzufriedenheit im Zuge des Scheiterns spüren würde, dann hätte die Freude im Sieg auch keinerlei Wert.

Mit Hamburg steht der nächste Marathon noch diesen Monat auf der Liste, den ich nicht völlig unambitioniert, aber dennoch ruhig angehen will. Vielleicht versuche ich sogar bewusst einmal langsam zu laufen, schließlich sind im Herbst ein paar Läufe in höherer Frequenz geplant. Auch wenn meine Rennen eigentlich nie All-Out-Läufe sind und ich entsprechend auch hier theoretisch noch zeitliches Potential hätte, war bisher ja immer relativ viel Zeit zur Erholung zwischen den Läufen.

Gleichzeitig überlege ich aber tatsächlich mein Laufvolumen im Training zu erhöhen. Da aufgrund meiner anderen Trainingsaktivitäten aktuell kein weiterer Lauftag in Frage käme und ich auch beim Training versuche so effizient wie möglich an die Umsetzung heranzugehen, werde ich wohl ein wenig mit geteilten Belastungen experimentieren. Aber das wäre ebenfalls einen anderen Eintrag wert. In diesem Sinne: Alles Gute, Hannover Marathon! Ich hoffe auf noch viele weitere Veranstaltungen, so dass ich irgendwann in der Zukunft ein Comeback feiern kann. Die nächsten Jahre werden wir uns aber vermutlich erst einmal nicht wiedersehen.

4 Gedanken zu „Sieg und Niederlage beim Hannover Marathon 2019“

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