Marathon, USA

Verletzt zum Philadelphia Marathon 2019

Verletzungen sind nicht nur ärgerlich, sondern für Sportler, die an einem Wettkampf teilnehmen wollen, unter Umständen sogar das Ende einer langen Vorbereitung. Ähnlich wie beim Ausbrechen von Krankheiten haben wir es nicht immer in der Hand, ob es zum Eintritt dieses ungewünschten Szenarios kommt. Manchmal wäre es aber auch klug gewesen, sich ein wenig mehr in Geduld zu üben, doch bekanntlich ist man im Nachhinein immer schlauer. Für mich heißt es nun also nicht jammern, sondern die Arschbacken zusammenkneifen… oder besser eben auch nicht!

Philadelphia: Stadt der brüderlichen Liebe

Der Philadelphia Marathon wird nicht nur Nummer 20 auf meiner Reise in 80 Marathons um die Welt sein, sondern auch gleichzeitig der dritte Lauf in den USA. Während ich vor gut einem Jahr mit einer gewissen Aufregung nach New York reiste, um dort an meinem ersten Major teilzunehmen, hatte ich bei der Reise zum San Francisco Marathon bereits eine gewisse Routine gesammelt. Nun geht es in diesem Jahr noch einmal in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und wie ich bereits bei der Ankündigung des Marathons vor einigen Wochen schrieb, geht es in gewisser Weise auf die Spuren von Rocky.

Wenn man jedoch einen etwas weniger kulturgeprägten bzw. vielleicht sogar ignorant anmutenden Blick auf das kommende Ziel wirft, so liegt Philadelphias historische Bedeutung weniger in einer Filmreihe über einen Boxer mit italienischen Wurzeln, sondern vielmehr in der Gründung einer ganzen Nation. Die zweitgrößte Metropole an der Ostküste der USA ist gleichzeitig der Geburtsort der Vereinigten Staaten von Amerika, nachdem am 04. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung an diesem Ort unterzeichnet wurde.

Vier Tage später wurde die Erklärung auch in der Öffentlichkeit verlesen und die berühmte Liberty Bell läutete, was heutzutage nicht mehr nachzuerleben sein wird. Die Glocke bekam irgendwann Anfang des 19. Jahrhunderts ihren berühmten Riss, der wiederum dazu führte, dass diese funktionsunfähig wurde. Die brüderliche Liebe ist dagegen weniger ein historisch gewachsener Begriff als vielmehr auf den Namen der Stadt zurückzuführen. Das Wort „Philadelphia“ hat seine sprachlichen Wurzeln in den griechischen Wörtern für Liebe und Bruder.

Für mich war dennoch Rocky der Grund, der den Marathon in der US-Metropole auf meine Liste brachte. Die berühmten Treppen gehören heutzutage zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt und ich weiß noch nicht, ob ich die 72 Stufen tatsächlich nach oben laufen will. Ich werde sie allerdings in jedem Fall zu sehen bekommen, da der Philadelphia Marathon in unmittelbarer Nähe sein Ende nehmen wird.

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Die berühmte Rocky-Statue.

Ein Marathon mit Tradition

Doch nicht nur die Stadt blickt auf eine lange Historie zurück. Auch wenn der Philadelphia Marathon nicht ganz mit der Gründungsgeschichte der USA mithalten kann, ist das Laufen von 42,195 Kilometern auch in der Hauptstadt Pennsylvanias alles andere als eine Modeerscheinung der jüngsten Vergangenheit. Bereits 1954 wurden Läuferinnen und Läufer über die volle Distanz durch die Ostküstenstadt geschickt.

Während beim Marathon selbst fast 10.000 Teilnehmer an den Start gehen, registrierten die Veranstalter auf alle Distanzen verteilt gut 30.000 Menschen, die die Laufschuhe schnürten. Ein Grund für den großen Andrang werden sicherlich auch der (zumindest versprochene) flache Streckenverlauf und die Möglichkeit, sich für den Boston Marathon qualifizieren zu können, sein. Ich für meinen Teil habe weniger etwas mit den Qualifikationszeiten zu tun und würde mich freuen auch im zwanzigsten Anlauf eine Zeit von unter vier Stunden bewältigen zu können. Zugegebenermaßen könnten die Vorzeichen durchaus günstiger sein.

Sowas kommt von sowas…

Nachdem ich am letzten Sonntag auf der Norddeutschen Meisterschaft im Kraftdreikampf angetreten war, holte ich am Mittwoch einen letzten Nüchternlauf vor dem Marathon nach. Das Tempo über die Distanz von 20 Kilometern war bewusst langsamer gewählt, als ich es normalerweise vor einem Marathonlauf umsetze. Es wäre gelogen, wenn ich nicht zugeben würde, dass die letzten Wochen voller Wettkämpfe mit verschiedenen Anforderungen, völlig spurlos an mir vorbeigegangen wären. Gepaart mit zeitweise zu wenig Schlaf und einem regulären Berufs- und Familienleben ist auch meine mentale und physische Regeneration irgendwann an ihren Grenzen.

Auf diese hätte ich möglicherweise ein wenig mehr achten sollen. Rückblickend ist man bekanntlich immer schlauer. Stattdessen ging es jedoch einen Tag später noch einmal ins Krafttraining. Auch wenn die Gewichte keineswegs übermäßig groß waren, schaffte ich es offenbar, mich für einen Augenblick falsch zu bewegen und mir eine Zerrung im linken Gluteus Medius zuzuziehen.

Ähnlich wie die meisten Menschen bin auch ich nicht zu 100 Prozent gerade und insbesondere dieser Muskel macht mir alle paar Monate immer wieder einmal Probleme, wenn ich nicht aufpasse. Dieses Mal wird die Erschöpfung von der Stabilisationsarbeit beim Laufen nach dem Wettkampf am Wochenende zu viel gewesen sein. Zumindest zu viel, um anschließend Belastungen im Unterkörper im Kraftraum abzurufen, so dass mein Körper mir schnell die entsprechenden Signale sendete.

Und so sitze ich nun am Flughafen auf dem Weg zum Philadelphia Marathon mit einem Hinterteil, dass mir das Sitzen und Gehen ohne Weitere verzeiht, Bückbewegungen jedoch nur mit der Grazie eines alten Mannes erlaubt. In gewisser Weise kommen Erinnerung an die Anreise zum Neu Delhi Marathon auf und wie man vielleicht an den bisherigen Zeilen bereits bemerkt hat, bin ich relativ entspannt. In 80 Marathons um die Welt zu reisen, ist etwas Anderes, als sich auf ein oder zwei Jahreshighlights vorzubereiten. Wie ich schon das ein oder andere Mal thematisierte, bedeutet es auch, sich mit Problemen auseinanderzusetzen, die andere unter normalen Umständen gar nicht kennenlernen werden.

Ich bin guter Dinge, dass ich in zwei Tagen auf den Spuren Rockys durch die Straßen Philadelphias laufen werde. Ob es dann am Ende das gewünschte Ergebnis wird, muss das Rennen zeigen. Ich selbst gehe allerdings positiv an die anstehende Herausforderung heran. Ready or not, here I come! – Oder um es mit den Worten von Rocky zu sagen: Aber der Punkt ist nicht der, wie hart einer zuschlagen kann, es zählt bloß, wieviele Schläge er einstecken kann und ob er trotzdem weiter macht. Wieviel man einstecken kann und trotzdem weiter macht.

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