Laufanalyse im Sportgeschäft: Sinnvoll oder Zeitverschwendung?

Eine Laufanalyse inklusive anschließender Kaufberatung ist einer der pauschalen Tipps, die vermutlich jeder Laufanfänger früher oder später zu hören bekommt. Insbesondere wenn es um die Wahl des richtigen Schuhwerks geht, soll das Fachgespräch das Kaufergebnis positiv beeinflussen. Ich selbst hatte mich zuletzt vor gut 10 Jahren im Schuhgeschäft beraten lassen. Grund genug nach all dieser Zeit doch noch einmal die Geschäfte vor Ort zu unterstützen und ein neues Paar im Sportgeschäft zu kaufen.

Meine erste Laufanalyse 2010

An den genauen Ablauf der damaligen Beratung kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Es ging aufs Laufband. Soviel weiß ich noch, da dies im Gegensatz zu meiner ersten „Beratung“ einige Jahre davor, bei der ich am Ende blutige Füße in zu engen Adidas-Schuhen bekam, eine echte Verbesserung war. Und ich erinnere mich noch, dass das Ergebnis die Empfehlung eines New Balance Modells war. Genauer gesagt das Modell MR759SR.

Dieses Detail ist mir nicht etwa bis heute im Gedächtnis geblieben, sondern ist für mich auch im Jahr 2021 noch in meinem Mailpostfach nachvollziehbar. Schon damals war es so, dass Schuhhersteller regelmäßig ihre Modelle veränderten, anpassten und im schlechtesten Fall verschlimmbesserten. Und da die Buchstaben Kombinationen der Schuhe für mich nur ein unüberschaubares Durcheinander waren, versuchte ich es mir so einfach wie möglich zu machen. Ich kaufte das Modell, das mir bei meine ersten Laufanalyse im Sportgeschäft empfohlen wurde, die folgenden Jahre immer wieder.

Die letzten drei Paare erwarb ich 2012, 2013 und 2014 auf der Auktionsplattform ebay, bevor ich trotz unregelmäßiger Suche keine weiteren Exemplare in meiner Größe mehr fand. Mit dieser Laufanalyse begann ich jedoch meine New-Balance-Phase, wenn man es so ausdrücken möchte. Erst viele Jahre später sollte diese mit dem Kauf eines Zweipaars abgebrochen werden.

Worauf ich beim Schuhkauf achte

Inzwischen habe ich diverse Marken ausprobiert, die Vor- und Nachteile besitzen, jedoch – so meine Wahrnehmung – alle keine Wunder bewirken können. Natürlich gibt es Carbonschuhe, die Elitemarathonläufer die ein oder andere Minute auf der Marathondistanz bescheren können. Und auch die Dämpfung oder die Sohle fallen bei verschiedenen Modellen unterschiedlich aus.

Ohne den Gesamtüberblick über den Markt zu haben, würde ich aber behaupten wollen, dass die Unterschiede innerhalb der Modell einer Marke größer sind, als die Unterschiede zwischen den Marken selbst. Wer mit einem New Balance 880 klar kommt, wird sich auch in einem Asics Cumulus mit hoher Wahrscheinlichkeit wohl fühlen.

Das ist wohl auch der wichtigste Punkt. Die meisten werden es vermutlich auch schon mehr als einmal gehört haben: Ein Schuh sollte sich gut am Fuß anfühlen! Kein Einlaufen, kein Anpassen, kein Gewöhnen… das Schuh sollte von Minute eins an passen.

Neben der Sprengung, die man je nach Körpergefühl vielleicht im Stehen gar nicht bewusst wahrnimmt, und der Dämpfung, die insbesondere im Vergleich zu Straßenschuhen hervorstechen kann, sind Zehenbox und der Bereich des Mittelfußes in meiner Wahrnehmung entscheidende Bereiche. Während die Zehenbox des Schuhs nicht zu eng sein sollte – und vielleicht sogar nicht zu weit sein kann – empfinde ich beim Mittelfuß eine gewisse „Griffigkeit“ als wichtig.

Der Fuß sollte gut im Schuh liegen, ohne dass man das Gefühl hat, unnötiges Spiel zur Seite zu haben. Personen mit angeschlagener Achillessehne schwören darüber hinaus auf eine gewisse Polsterung im Bereich des Hinterriemens. In meiner Wahrnehmung sind allerdings die meisten Modelle, die nicht auf jedes Gramm beim Gewicht achten, in dieser Hinsicht recht ähnlich ausgestattet.

Meine zweite Laufanalyse 2021

Seit meiner ersten Laufanalyse sammelten sich eine Reihe an Schuhe an, die mich bei meinen Läufen begleiteten. Ich laufe inzwischen nicht nur mehrere Schuhe gleichzeitig, sondern auch verschiedene Hersteller. Ob die hochtechnologisierten Konstruktionen dabei tatsächlich so unterschiedliche Reize an den Fuß geben, wie es immer wieder behauptet wird, vermag ich nicht zu beurteilen. Letztendlich macht es aber zumindest dahingehend keinen Unterschied, ob man nach Zeitraum X das erste und Y das zweite Paar Laufschuhe entsorgt, oder ob man von Anfang an beide gleichzeitig nutzt und nach Zeitpunkt Z, der sich aus X und Y summiert, neue Schuhe erwirbt.

Quelle: Coco-Collmann.de – Der Versuchsaufbau war im Prinzip derselbe, wie im Bild aus dem Blog von Corinna Collmann

Dennoch oder gerade deshalb, das ist vielleicht eine Frage der Perspektive, entschloss ich mich mein neustes Schuhpaar nicht wie zuletzt online zu bestellen, sondern im Laden zu kaufen. Und wenn ich schon einmal den Weg ins Sportgeschäft auf mich nahm, um mein Geld dort zu lassen, wollte ich die Gelegenheit zu meiner zweiten Laufanalyse nutzen. Vor allem die Hoffnung auf neue Eindrücke bei der Schuhwahl führten zu meinem Entschluss.

Ich nahm zwei meiner aktuell genutzten Modelle mit, um dem Verkäufer alle Informationen bieten zu können, die für die Beratung relevant sein könnten. Ich gab einen Überblick über meine persönlichen Befindlichkeiten und kündigte bereits an, in jedem Fall ein Paar kaufen zu wollen. Das sollte weniger der Motivation zur Beratung dienen, sondern mehr der Klärung, dass ich kein Schnorrer sein wollte. Wenn ich schon die Zeit in einem Geschäft in Anspruch nehme und die Ware in jedem Fall erwerben will, kann ich es auch dort tun. An dieser Einstellung hatte auch die Erfahrungen beim Kauf meiner Laufbrille vor einigen Jahren nichts geändert.

Keine Neuigkeit kann auch eine Neuigkeit sein

Nach einigen Erläuterungen ging es auch bereits aufs Laufband. Die Jeans hochgekrempelt und die Socken anbehalten, durfte ich mir die Geschwindigkeit selbstständig einstellen. Ohne einen unmittelbaren Vergleich zu haben, würde ich dies nicht unbedingt als optimalen Testaufbau ansehen. Andererseits ist das Ganze wohl auch den Umständen geschuldet und erfüllt vermutlich seinen generellen Zweck.

Obwohl ich meinen rechten Schuh sichtbar stärker ablaufe, wenn auch nicht völlig übermäßig, war auf dem Videomaterial nichts Auffälliges zu erkennen. Das war zumindest die Aussage des Verkäufers, der meine kurze Laufsession in Einzelbildern vor- und zurückspulte. Inwiefern dies tatsächlich zutrifft, vermag ich dagegen nicht zu beurteilen. Dafür fehlt mich nicht nur der Vergleich, sondern auch die Expertise. Das für mich in jedem Fall nicht überraschende Ergebnis war somit ein Neutralschuh.

Also ging es ohne weitere Anamnese zu den Schuhen. Ich hatte schon erklärt, diverse Marken in der letzten Zeit ausprobiert zu haben und gerne auch für Neues offen wäre. Ein wenig lag darin vermutlich meine Hoffnung, andere Eindrücke zu gewinnen und über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Entsprechend positiv reagierte ich, als Brooks Ghost als erster Vorschlag genannt wurden.

Ohne ein weiteres Wort verschwand der Verkäufer und kehrte wenige Augenblicke später mit drei Kartons zurück, von denen nur einer Brooks-Schuhe beherbergte. Ich probierte den rechten Schuh an und fühlte mich nicht wirklich wohl. Während ich in der ersten Sekunde gar nicht sagen konnte, woran es liegt, wurde mir schnell klar, wo das Problem war. Die Zehenbox war nicht offenkundig zu eng, aber im Bereich des kleinen Zehs in einer Art geschnitten, die meinen Fuß einengte. Hinzu kam ein gewisses Spiel im Schuh. Letzteres spürte ich insbesondere, nachdem ich an den linken Fuß einen Schuh aus dem zweiten Karton anzog. Ein alter Bekannter, der sich sofort gut anfühlte. Es waren Asics Cumulus in der aktuellen Variante, wobei ich nicht im Stande wäre, zu erklären, was aktuell anders ist als zuvor.

An diesem guten Gefühl sollte auch der dritte Schuh nichts ändern. Der Brooks wurde gegen ein Modell von Adidas getauscht, das zwar gut saß, bei jedoch mein Hacken beim Gehen aus dem Schuh schlüpfte. Brooks und Adidas würden es am heutigen Tag also nicht werden. Da ich zudem das Gefühl hatte, heute keine neuen Informationen aus dem Gespräch mit dem Verkäufer mitnehmen zu können, sparte ich mir weitere Fragen oder das Anprobieren weiterer Modelle.

Und die Moral von der Geschicht‘?

So richtig entscheiden, kann ich mich nicht. Vermutlich ist es so, wie mit vielen Sachen im Leben. Wenn man nicht länger ein Laie, sondern zumindest ein gut informierter Bürger von der Straße geworden ist, wie der Soziologe Alfred Schutz die Zwischenstufe vor dem Experten bezeichnete, wird man wohl selten nach üblichen Beratungsgesprächen im Fachgeschäft klüger sein als zuvor. Auf eine gewisse Weise ist das „gut und doof“ zugleich, wie meine Frau es ausdrückte. Das trifft es wohl ganz gut.

Laufanfänger würde ich daher weiterhin immer den Gang ins Geschäft inklusive Laufanalyse empfehlen. Die Umsetzung mag nicht optimal sein, aber der größten Klippen sollten auf diese Weise ohne Probleme umschifft werden. Wer dagegen – um diese Metapher auszureizen – bereits viele Jahre auf See verbrachte, wird wissen, welchen Kurs er setzen will. Das bedeutet nicht, dass man nicht weiterhin neue Eindrücke sammeln könnte. Man darf nur nicht unbedingt erwarten, diese im Rahmen einer kostenlosen Laufanalyse im Sportgeschäft zu erhalten.

in80marathonsumdiewelt

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