Rennsteiglauf 2021: Marathon mit 769 Höhenmetern Anstieg

Der Rennsteiglauf zählt zu den bekanntesten und beliebtesten Laufveranstaltungen in Deutschland. Nachdem es coronabedingt zuletzt einige Verschiebungen gab, stellte auch ich mich in diesem Jahr der bergigen Strecke. Das Damokles-Schwert der 4-Stunden-Zielzeit schwebte über mir. Am Ende sollte ich jedoch mit einem echten Highlight belohnt werden, denn soviel sei schon einmal gesagt: Der Rennsteiglauf gehört auf die Bucket List eines jeden Läufers!

Das verspätete Rennsteiglauf-Debüt

„Vielen Dank, dass Sie sich am Rennsteiglauf-Portal registriert haben.“ – Mit diesen Worten begann eine E-Mail, die ich am 01.09.2019 in meinem Postfach erhalten hatte. So lange ist es bereits her, dass ich mich für den Start beim Traditionsrennen entschied. Nachdem es coronabedingt mehrere Verschiebungen gab, sollte es nun über zwei Jahre später so weit sein. Der 48. Rennsteiglauf im Süden Thüringens lockte Läufer aus ganz Deutschland an die Startlinie und ich sollte einer von ihnen sein.

Insgesamt waren auf allen Strecken 9347 Teilnehmer gemeldet, wobei sich fast 2000 davon der Marathonstrecke stellen wollten. Der Rennsteiglauf sollte damit das größte Laufevent der letzten Monate sein, an dem ich teilnahm, was mir wenige Tage vor dem Rennen überhaupt noch nicht richtig bewusst war. Überhaupt verlief die Vorbereitung auf das Rennen fast schon wie ein Hintergrundrauschen.

Drei Wochen zuvor, beim Münster Marathon, lag mein Planungsfokus noch auf dem 09.10. Eine Woche nach dem Rennsteiglauf war mein zweiter Start bei der Deutschen Meisterschaft der GNBF geplant und der Marathon im Mittelgebirge war in erster Linie als finale Trainingseinheit für die Beine geplant. Doch seitdem hat sich einiges getan.

Kein Bodybuilding 2021

Anders als ursprünglich angekündigt, wurde meine Klasse für den 10.10. eingeplant, wobei die Wettkampfwaage für alle Athleten am 08.10. vorgesehen war. Mein Problem: Um das Gewicht für meine Klasse nicht zu überschreiten, bin ich aufs Entwässern angewiesen. Dazu lädt man die Tage vor der Waage mit Salz und Wasser und zieht auf diese Weise vermehrt Flüssigkeit. Das Gewicht steigt. Wenige Tage vor dem Wettkampf wird schließlich das Trinken stark reduziert und der Salzkonsum zurückgefahren. Der Körper scheidet aber weiterhin verstärkt Flüssigkeit aus und man ist für ein bis zwei Tage dehydriert und gleichzeitig definierter.

Ein äußerst temporaler Effekt, der bei mir zwei Tage nach der Waage keine optimale Form mehr erlaubt, so dass ich konsequent die Reißleine gezogen hatte: Ich stornierte mein Hotel, meldete mich vom Bodybuilding-Wettkampf der GNBF ab und beendete nach 10 Wochen meine Diät. Ich war angefressen. Auch wenn die Entbehrungen in den 10 Wochen Vorbereitung im Rahmen blieben, stellt die geplante Teilnahme an einem Wettkampf, bei dem es im Moment X auf die Optik ankommt, für mich stets eine besondere mentale Herausforderung dar.

Als klar war, dass all die Anspannung in den letzten Wochen umsonst war, war es vor allem eine gewisse Wut und Ziellosigkeit, die übrigblieb. Der herannahende Rennsteiglauf war wie ein Event, für das ich zwar angemeldet war, das aber ein anderer laufen würde. Ich nahm es nur beding wahr und so passt es, dass ich erst am Vortag knapp eine Stunde vor der Abreise noch schnell meine Tasche packte.

Fast vier Stunden Anreise zum Rennsteiglauf 2021

Obwohl die Strecke nach Neuhaus am Rennweg, wo die Startnummernausgabe sein sollte, knapp 350 Kilometer betrug, zeigte das Navi fast vier Stunden für die Anreise an. Nachdem der Weg zunächst über Autobahn und Bundesstraße führte, wusste ich im letzten Viertel der Reise, warum es so lange dauern sollte. Abseits der Fernverkehrsstraßen ging es nun durch diverse kleine Örtlichkeiten, die bereits einen Vorgeschmack auf das Gaben, was ich beim Rennsteiglauf erwarten sollte: Berge.

Ich weiß nicht, ob Menschen aus alpinen Gebieten das Mittelgebirge ernst nehmen, aber als Flachlandtiroler, der in Mecklenburg-Vorpommern groß wurde, muss man bei allem, was über 179 Meter hoch ist, den Kopf nach oben richten. Größer sind die Helpter Berger als höchster Punkt von MV nicht, wie ich schon in der Grundschule lernte. Rund um Neuhaus sah die Welt dagegen ganz anders aus.

Ich schlingerte mich phasenweise durch Strecken, die von einer Kurve in die nächste führten, und merkte, wie meine vorsichtige Fahrweise dem ein oder anderen Ortskundigen zur Last fiel. Andererseits war mir das Ankommen wichtiger als das Austesten meiner Kurvenfahrfähigkeiten, so dass ich nur selten die erlaubte Höchstgeschwindigkeit erreichte.

Ein kleines Volksfest bei der Startnummernabholung

Am Ortseingang wurde man sogleich von einem Schild erwartet, dass die Teilnehmer des Rennsteiglaufs in Neuhaus begrüßte. Durch die Stadt ging es zum Gymnasium, wo in der Turnhalle die Startnummernausgabe erfolgen sollte. Vom großen Parkplatz aus konnte man nicht nur die Halle, sondern auch den Start für den nächsten Tag bereits erkennen. Langsam kam die Anspannung auf. Schon bei der kurvigen Anfahrt dachte ich mir, dass dies wohl mein erster Marathon sein wird, den ich nicht unter vier Stunden laufen werde. Irgendwann musste es mal so weit kommen.

Vor der Halle gab es einen Mix aus Marathon-Messe und Volksfest. Würstchenbude, Werbung für den Spreewald-Marathon, der Stand eines Sportgeschäfts und diverse Bänke, auf denen Einwohner es sich schmecken ließen. Ich selbst holte nur schnell meine Nummer und machte mich wieder auf dem Weg zu meinem Auto. Schließlich war mein Gasthaus nochmal gut 20 Minuten Autofahrt entfernt gelegen. Die große Teilnehmerzahl sorgte dafür, dass nach Bekanntgabe des finalen Termins die meisten Zimmer in der Nähe bereits vermietet waren.

An meinem Schlafplatz angekommen, dauerte es noch einmal fünf Minuten, dass mir die Wirtin auch tatsächlich das Gasthaus aufschloss. So lange benötigte die Frau, um nach meinem Klingeln vorbeizukommen. Das Gasthaus wurde im Nebengewerbe betrieben und ich sei der erste Gast gewesen, der erschien. Dass der Rennsteiglauf auf das morgige Datum verschoben wurde und nicht – wie in den Jahren zuvor und auch für 2021 ursprünglich geplant – im Mai stattfand, wusste sie bis dahin nicht. Entsprechend war man auch auf meine frühe Abreise nicht eingestellt, so dass es kein Frühstück für mich geben würde.

Ich verzichtete auf den Alternativvorschlag eines Lunch-Paketes und machte mich auf den Weg zum nächsten Supermarkt, der im 10 Minuten entfernten Nachbarort zu finden war. Ein Salat und Dosenravioli sollte mein Abendbrot werden. Ich bin zwar schon viele Jahre kein Junggeselle mehr, aber die Zeit schien an diesem Ort sogar noch vor deutlich längerer Zeit stehengeblieben zu sein.

Weckzeit 4:45 Uhr

Eigentlich war die frühe Anreise und die Übernachtung in der Nähe der Startörtlichkeit eingeplant, um möglichst lange Schlafen zu können. Als aber klar war, dass es kein Frühstück geben würde, nahm ich dies als Zeichen, am nächsten Morgen sehr zeitig zum Start fahren. Auf diese Weise wollte ich sicherstellen, mein Auto auf dem Parkplatz in unmittelbarer Startnähe abstellen zu können. Bereits bei der Startnummernausgabe machte man mir klar, dass die Leute in den letzten Jahren in die Seitenstraßen ausweichen musste.

Ich stellte den Wecker auf 4:45 Uhr und einen zweiten auf 5:00 Uhr. Anders als beim Münster Marathon blieb mir diesmal die gefühlte Körperverletzung erspart. Gut 15 Minuten vor dem ersten Wecker wachte ich nach einer durchwachsenen Nacht von allein auf und war wach. Geduscht, die Waden kurz auf dem Foam Roller gecheckt und schon ging es im Dunkeln der Nacht in Richtung Neuhaus.

Um 5:30 Uhr erreichte ich den Parkplatz, auf dem erste Fahrzeuge zu erkennen waren, der jedoch keinesfalls überfüllt war. Meine Angst, gut 2,5 Stunden vor dem Start des Marathons bereits etwas knapp dran zu sein, war somit übertrieben. Wie sich im Laufe des Morgens herausstellen sollte, wäre auch kurz vor sieben noch ausreichend Platz gewesen. Im Nachhinein ist man bekanntlich immer klüger.

So verbrachte ich die erste Zeit recht einsam. In einigen anderen Autos war gedimmtes Licht zu erkennen, doch Betriebsamkeit sollte sich erst gut eine Stunde vor dem Start des Rennsteiglaufs einstellen. Ich fuhr die Sitze meines Autos zurück, nahm einen Teil meiner Sachen mit nach vorne und frühstückte auf dem Fahrersitz.

Die Brötchen vom Vortag hatten die wohl jedermann bekannt gummiartige Konsistenz und ich strich Frischkäse mit Hilfe eines Löffels darauf. Ich fühlte mich an meine Bundeswehrzeit erinnert, als ich in der Panzertruppe als Richtschütze wochenlang auf Übung war und wir den Großteil des Tages im Panzer verbrachten. Damals behalfen wir uns ebenfalls beim Verwerten der Versorgungspakete mit Löffeln, was, wie ich damals lernte, durchaus seinen Zweck erfüllen kann. Die Nostalgie lenkte mich von der Anspannung ab, die nun immer weiter zunahm. Angst wäre das falsche Wort. Doch die Aussicht, in den wohl bisher längsten Marathon zu gehen, ließ die Unruhe vom Vortag wieder aufkommen.

Startzeit 08:04:30 Uhr

Aufgrund der aktuellen Bedingungen wurde der Start in Blöcken und Gruppen geplant. Auf der Startnummer waren all diese Informationen inklusive der eigenen Startzeit vermerkt, so dass eigentlich nichts schief gehen konnte. Außer man unterschätzt den Weg zum Startbereich und muss sich im Laufschritt durch die verschiedenen Ordnerschleusen bewegen. Im Hintergrund war bereits der Startschuss für die ersten Läuferinnen und Läufer zu hören und eine Gruppe vor meinem Start hatte auch ich mich eingereiht.

Die Blaskapelle spielte noch ein Lied und dann startete auch für mich der Rennsteiglauf 2021. Bereits nach zwei, drei Kilometern ging es in die Natur in Richtung des namensgebenden Pfades, der insgesamt knapp 170 Kilometer lang ist. Ich lief locker mein Tempo und holte schon schnell Teilnehmer aus der vorherigen Gruppe ein. Da die Einteilung jedoch nicht anhand von Zielzeiten erfolgte und die Anstiege der Strecke kommen würde, wertete ich dies alles noch nicht als Hinweis auf meine Tagesform.

Die ersten Höhenmeter präsentierten sich noch unspektakulär. Die erste Senkung hatte es dagegen um so mehr in sich. Das Gelände war steinig und macht einem Trail alle Ehre. Wie eine Gemse suchte ich mir meinen Weg nach unten und wurde sogleich von einigen Läufern eingeholt, die ich zuvor noch überholt hatte. Dies sollte mir während des Marathons noch öfters passieren: Während ich am Anstieg immer wieder andere ein- und überholte, absolvierte ich das Bergablaufen offenbar zu vorsichtig.

Die ersten echten Höhenmeter beim Rennsteiglauf

Bei knapp 10 Kilometern wartete der erste steile Anstieg, der Tempo forderte. Ich ließ einige schnellere Teilnehmer davonziehen und versuchte meinen Rhythmus beizubehalten. Ich hatte immer noch keinen Blick auf die Uhr geworfen, empfand das Rennen aber trotz der ersten Höhenmeter relativ entspannt. Beim 12-Kilometer-Schild wagte ich einen Blick auf die Zeit. Knapp eine Stunde war vergangen. Ich war schneller unterwegs, als ich es vermutet hätte, was mich ungemein motivierte. Gleichzeitig schärfte ich mir selbst ein, dass der Großteil des Rennens noch vor mir lag. Ich hatte keine Ahnung, wie mein Körper auf die Strecke reagieren würde.

Höhenprofil Rennsteiglauf Marathon – Quelle: Rennsteiglauf.de

Anders sah es mit meiner Stimmung aus. Das Rennen verlief mit wenigen kurzen Ausnahmen, die durch kleine Ortschaften führten, die gesamte Zeit durch die Natur. Ich fühlte mich mehrfach an meine Zeit in Hann. Münden erinnert, wo ich von 2009 bis 2012 während des Polizeistudiums zu Hause war. Das bedeutete zwar nur vereinzelt Personen, die am Streckenrand das Feld anfeuerten, aber die unfassbar schöne Strecke macht dies mehr als wett.

Im Ergebnis verflog die Zeit bei noch keinem Marathon so schnell, wie beim Rennsteiglauf. Dies mag sicherlich auch dadurch begünstigt worden sein, dass ich mein Tempo weiterhin hielt. Den Halbmarathon beendete ich nach knapp 1 h 45 min. Spätestens jetzt war mir klar, dass ich die vier Stunden unterbieten würde, wenn nicht etwas völlig Unerwartetes geschehen würde. Meine sowieso bereits sehr gute Laune wurde weiter beflügelt.

Rennsteiglauf Haferschleim

Kurz nach der Halbmarathon-Marke wartete bereits der vierte Verpflegungspunkt, der wie alle anderen beim Rennsteiglauf hervorragend organisiert war. Ein kleines Highlight, das scheinbar eine gewisse Tradition genießt, stellte der flüssige Haferschleim dar, den ich jedoch erst beim Verpflegungspunkt in Neustadt probierte. Die daraufhin geweckte Hoffnung, auch im Ziel noch eine Portion zu erhalten, erwies sich als falsch, was ich jedoch verkraften sollte.

Streckenverlauf Rennsteiglauf Marathondistanz – Quelle: Rennsteiglauf.de

Kraft bedurfte dagegen der Anstieg zum „Großen Burgberg“ bei 30,8 Kilometern, der gemäß Homepage und Veranstaltungsheft meist im Schritt bewältigt werden würde. Als ich mich selbst den vor mir liegenden Höhenmetern stellte, wusste ich, warum es diese Einschätzung gab. Das erste Mal im Rennen musste ich das Laufen aufgeben und bewegte mich gehend vorwärts. Ich war am steilen Anstieg schlichtweg genauso schnell bei geringerem Krafteinsatz.

Bei 33,4 Kilometern wartete der vorletzte Verpflegungspunkt. Seit einigen Jahren ermöglichen die Veranstalter hier den Ausstieg aus dem Rennsteiglauf, der für mich jedoch keine Option war. Ich wurde zwar langsamer als noch in der ersten Hälfte des Marathons, aber mein inzwischen selbst gesetztes Zeitlimit war nicht in Gefahr.

Der letzte Kilometer

Wer wollte, konnte fünf Kilometer vor dem Ziel ein Bier trinken und sich selbst feiern. Ich entschied mich erneut für Apfelschorle und ging voller Motivation auf die letzten fünf Kilometer. Die Beine wurden langsam müder und ich musste kurz pausieren, um die Schnürsenkel an meinem rechten Schuh zu lockern. Dort hatte sich auf dem letzten Teil der Strecke ein unangenehmer Druck entwickelt.

Ging es den Großteil der finalen Strecke bergab, wartete auf dem letzten Kilometer nochmal ein Anstieg. Ich fühlte mich an den Luxemburg Marathon erinnert, der die Läufer auf den letzten Metern auch noch einmal herausfordert. Anders jedoch als beim Rennen vor zwei Jahren machte mir dieser letzte Anstieg deutlich weniger aus – soweit man dies von Anstiegen zum Ende eines Marathons behaupten kann.

Am höchsten Punkt angekommen, ging es noch einmal auf eine Kurve und aus den Lautsprechern ertönte bereits die Begrüßung, dass man „im schönsten Ziel der Welt, Schmiedefeld“ angekommen sei. Die große Anzeigetafel sorgte für die letzte Gewissheit: Ich sollte den Rennsteiglauf ohne Probleme unter vier Stunden beenden. Genau genommen wurde es mit einer Zeit von 3 h 43:17 min Platz 101 von 1534 Finishern über die Marathondistanz. Ein Ergebnis, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Ergebnis Rennsteiglauf Marathon

Der Rennsteiglauf ist ein Highlight!

Die Überschrift fasst es zusammen. Der Rennsteiglauf hat mit dem Marathon in San Francisco nicht nur die Vielzahl an Höhenmetern gemeinsam, sondern teilt sich mit diesem auch meine persönliche Top-Liste. Wenn ich es diplomatisch entscheiden darf, ist San Francisco das internationale Highlight, wohingegen der Rennsteiglauf alle nationalen Rennen, an denen ich bisher teilnahm, in den Schatten stellte. Dieses Fazit ist zweifelslos von einer gewissen Präferenz, was Naturstrecken angeht, geprägt. Doch auch Organisation, Stimmung im Ziel und die Medaille sind ein Maßstab, an dem sich andere Rennen messen müssen. Mich wundert es keinesfalls, dass der Rennsteiglauf regelmäßig durch die Plattform Marathon4you.de zum Marathon des Jahres gekürt wird. Über 1000 Sportler nahmen bereits mindestens 25 Mal an dem Rennen teil und ich werde sicher noch einmal wiederkommen. Beim nächsten vielleicht sogar über die Ultradistanz.

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