Deutschland, Marathon

Auf dem Weg zum Kassel Marathon 2018

Hatte ich sinngemäß gesagt, dass Kassel quasi vor der Haustür liegt? Dies mag gefühlt im Vergleich zu den anderen zwei gesteckten Zielen in diesem Herbst der Wahrheit entsprechen, aber auch nach Kassel war eine kleine Strecke zurückzulegen. Da ich mich dazu entschlossen hatte, erst morgens vor dem Lauf anzureisen, erschien mir der Zug als pragmatischste Lösung. Der Vorteil liegt insbesondere daran, dass ich mich nach dem Lauf nicht noch auf eine Autofahrt konzentrieren müsste. Gleichzeitig verlangte dies aber auch eine rechtzeitige Anreise, da auch die Startunterlagen noch geholt werden mussten. Der Wecker klingelte also um 04:30 Uhr, was selbst für mich ungewohnt früh war. T minus 330 Minuten, wenn man so möchte.

Probleme, die man zuvor nie hatte

Doch nicht nur die Anreise war eine kleine Hürde, über die ich mir im Vorfeld zugegebenermaßen nicht so viele Gedanken gemacht hatte. Ich benötigte Wechselbekleidung. Essen. Etwas zu trinken. Und überhaupt, wie sollte all das transportiert werden? In Hannover wohnte ich mehr oder weniger direkt vor der Haustür oder parkte das Auto entspannt in unmittelbarer Nähe des Starts und konnte benötigte Utensilien dort verstauen. Aber nun? Ich kannte die Laster für Bekleidungsbeutel aus Hannover, auch wenn ich den Sinn tatsächlich erst beim dritten Lauf so richtig verstand und mir zuvor schlichtweg keine Gedanken über solche Notwendigkeiten gemacht hatte. Nun stand ich allerdings selbst vor dieser Situation. Rucksack? Zu groß. Laptop, um damit auf der Zugfahrt entspannt zu arbeiten? Was ist, wenn die Kleidung doch gestohlen wird?

Und so kam ich zu der Entscheidung den Beutel meines zweiten Hannover Marathons zu bepacken. Etwas Reis mit Apfel-Bananen-Mus, zwei Sandwiches, Wechselbekleidung, ein Buch, das ich aktuell für eine Besprechung las, sowie eine Power Bank und eine Bluetooth Tastatur, mit der ich diese Zeilen in diesem Augenblick auf dem iPhone verfasse. Die Zusammenstellung wäre sicherlich bunt genug für eine „Ich packe meinen Koffer“-Merkliste.

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Ich packe meinen Koffer…

Von zu Hause aus ging es mit dem Auto zum Bahnhof. Für die Zukunft weiß ich nun, dass Rossmann zwar sieben Tage die Woche offen hat, wie ich es korrekt in Erinnerung hatte, aber ausgerechnet Sonntag erst um 08:00 Uhr statt um 06:00 Uhr, wie an den anderen Tagen, öffnet. Eigentlich ungewöhnlich, wenn man bedenkt, wie viel Trubel morgens um 06:00 Uhr auf dem Hannover Hauptbahnhof stattfindet. Ich kenne die Situation generell noch aus meiner Zeit, als ich in der Innenstadtwache meinen Dienst versah, wobei im Idealfall um diese Zeit bereits die Ablösung aus der Nachtschicht durch den Frühdienst erfolgt war. Privat das Ganze zu erleben, war allerdings zugegeben ein Schauspiel.

Gleichermaßen war es aber auch ein wenig skurril. Die letzten Sonntage klingelte mein Wecker bereits regelmäßig vor 06:00 Uhr, da ich meine Nüchternläufe nicht zu spät beginnen wollte und das Laufen in vollständiger Dunkelheit auch auf eine gewisse Weise genieße. Vermutlich werde ich diese Aussage revidieren, wenn ich das erste Mal Wildschweinen begegnet bin. Worum es mir aber eigentlich geht, ist der Punkt, dass mein zehn Jahre jüngeres Ich zu dieser Zeit oftmals erst nach Hause kam. Sind das diese Momente, von denen immer gesprochen wird, an denen man merkt, dass man alt wird? Zumindest zielorientierter. Wenn ich mir die jungen Menschen ins Gedächtnis rufe, die ich an diesem Morgen am Hauptbahnhof sah, dann erinnere ich mich in erster Linie an von der Nacht und Alkohol gezeichnete Gesichter, die mehr oder weniger koordiniert nur noch das Bett als Ziel hatten. Oder Burger King, um dort im Sessel den Augen eine Pause zu gönnen, während das Tablett mit halb abgebissenen Burgern noch vor einem lag. Wenn ich ehrlich bin, sind das keine Momente, für die ich mein jüngeres Ich beneiden würde.

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Morgens um 06:20 Uhr auf einem Sonntag am HBF Hannover.

Nun sitze ich also im Zug nach Kassel bzw. Kassel-Wilhelmshöhe, wo noch einmal umgestiegen wird, und tippe auf meiner Tastatur mit einer Mischung aus Vorfreude, Anspannung und Ungewissheit. Handy-Displays sind heutzutage glücklicherweise ja so groß, dass man diese inzwischen als erstzunehmenden Bildschirm nutzen kann. Ich kann mich noch erinnern, wie ich als Student überlegte, mir eine Art PDA mitsamt Lasertastatur zu kaufen, die quasi über Schnittstelle verbunden worden wäre und anschließend die Tasten auf dem Tisch erschienen ließ. Keine Ahnung, ob diese Technik gut funktioniert. Dass mir so etwas heutzutage aber überhaupt nicht mehr geläufig ist, spricht aber wohl eher dagegen.

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Umsteigen ließ sich nicht vermeiden.

Draußen geht die Sonne auf und wie auch vor allen anderen Wettkämpfen versuche ich in meinen Körper zu hören. Geht das nur mir so? Man steht morgens auf und überlegt, ob die Beine sich frisch anfühlen. Ist man gut drauf? Erholt genug, obwohl der Wecker so früh klingelte? War das Gehen vom Auto zum Zug gerade anstrengend oder bin ich schlichtweg nur noch nicht richtig wach? Das Gefühl, hin- und hergerissen zu sein, ist wohl das Lampenfieber des (Hobby-)Wettkampfathleten.

Wie im letzten Beitrag angesprochen, gab es die letzten Tage bewusst eine kleine Trainingspause. Was im Kraftsport in Deutschland als Deload bezeichnet wird, heißt im Laufen Tapering. Soweit ich dies, als jemand, der die Laufwelt für sich entdeckt, richtig verstehe, meint beides dasselbe. Für mich war es der erste Deload seit gut sechs Monaten, so dass ich mich bewusst zu fünf trainingsfreien Tagen entschloss. Diese taten gut, aber Freitag ging es dennoch erneut ans Eisen und der übliche Trainingsplan wurde mit einer kleinen Modifikation durchgeführt: Statt einem Satz Kreuzheben mit submaximalem Gewicht, gab es einen sechs Minuten langen Satz mit 180 Kilogramm bei 75 Kilogramm Körpergewicht. An sehr guten Tagen schaffte ich in dem Zeitfenster bereist 20 Wiederholungen. Letzten Freitag sollten es nur 13 sein, wobei ich auch nicht mit falschem Ehrgeiz an die Sache gehen wollte.

Die Belastung war tags darauf nicht mehr zu spüren, so dass dies – wie geplant – das richtige Belastungsvolumen für mich war. Am Samstag wurden die Beine dann allerdings noch einmal geschont und ein Bas Rutten Boxing Tape abgespult sowie anschließend etwas für Schulter- und Corestabilität getan. Zwei Aspekte, die in keiner Sportart meiner Meinung nach zu gut ausgeprägt sein könnten und daher eigentlich in jeder Einheit auf unterschiedlichste Weisen gefordert werden sollten. Anschließend wurden – wie jeden Tag – die mindestens 10.000 Schritte vollgemacht und ein heißes Magnesiumbad sollte abends schließlich das i-Tüpfelchen sein. 

Die anschließende Nacht war, wie bereits angesprochen, kurz und hätte erholsamer sein können, aber das alles ändert nichts daran, dass ich nun auf dem Weg nach Kassel bin. Habe ich ein Ziel? Selbstverständlich Spaß haben und den Lauf genießen. Aber darüber hinaus? Wie wäre es damit, schneller zu laufen als ein Olympia-Sieger? Das sollte mir in den nächsten Läufen auf jeden Fall noch einmal gelingen, aber wird es heute bereits so weit gewesen sein?

Ein Gedanke zu „Auf dem Weg zum Kassel Marathon 2018“

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