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Der Schönwetterläufer in der Komfortzone

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Bekleidung. Diese sinngemäße Formulierung wird vermutlich jedem, der entweder beim Bund war oder sich mit dem Laufen ein wenig auseinandergesetzt hat, schon einmal begegnet sein. Gemäß dem Wettervorhersageanbieter wetter.de trifft diese Situation in Deutschland auf gut 121 Tage im Jahr zu. Oder anders ausgedrückt: Fast jeden dritten Tag, so dass jeder halbwegs ambitionierte Läufer sich schnell mit der Thematik auseinandersetzen muss, wenn er nicht zum Laufbandathleten werden will. Selbstverständlich regnet es nicht in jeder Stadt so häufig und regelmäßig und natürlich auch nicht den gesamten Tag über. Aber wer Laufen nicht nur zur Freizeitbeschäftigung an milden Sommertagen betreibt, wird sicherlich das Gefühl kennen, wenn man in die Wetter-App schaut, um regenfreie Stunden am nächsten Tag zu suchen.

Andererseits ist Regen ja auch ein guter Grund, nicht Laufen zu gehen. Höhere Gewalt, die wir nicht in der Hand haben und die uns leider dazu verdonnert, auf übermäßige körperliche Bewegung zu verzichten. Was für ambitionierte Läufer vermutlich weniger denkbar wäre, ist im Bodybuilding- und Fitnessbereich, aus dem ich komme, schon eher ein realistisches Szenario. Die Trainierenden dieser Subkultur sind gerne hardcore, stronger und addicted, aber eben auch aus Zucker. Da darf man nicht nass werden.

Und auch ich war von dieser gelebten Ironie in der Vergangenheit nicht gänzlich verschont. Ich würde von mir nun nicht unbedingt behaupten, regelmäßig den Beast Mode zu aktivieren, wie es als Selbstbeschreibung ebenfalls gerne von bestimmten Personen getan wird. Aber auch ich ließ in der Vergangenheit schon geplante Einheiten wegen Niederschlag ausfallen oder führte alternative Einheiten auf meinem Rudergerät durch. Das Training war damit nicht gänzlich ins Wasser gefallen, aber die perfekte Lösung sähe sicherlich anders aus. Nicht falsch verstehen: Ich laufe gerne bei Schnee, wurde schon Hagel überrascht und lief das Training zu Ende und nahm mehrfach an Tough-Mudder-like-Läufen teil. Aber im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte freiwillig einen Lauf im Regen beginnen? Das vermied ich bisher gerne.

Laufen im Regen? Bisher nicht mit mir!

Die Frage, die zumindest ich mir zuletzt stellte, lautete entsprechend: Bist du ein Schönwetterläufer, der Schwierigkeiten hat, aus seiner Komfortzone zu kommen, oder mangelte es bisher tatsächlich nur an der richtigen Bekleidung? Während ich bereits bei meinem ersten Marathon diverse Läufer am Start wahrnahm, die regelrechtes Equipment-Doping betrieben oder zumindest augenscheinlich einiges an Zeit und Geld für die eigene Einkleidung aufbrachten, ging ich an diese Sache bis vor kurzem noch sehr minimalistisch heran.

Den Sinn vernünftiger Schuhe hatte ich bereits vor Jahren verstanden. Ob mein Oberkörper aber nun von einem sündhaft teurem Funktionsshirt oder einem einfachen Shirt, das bereits in meinem Kleiderschrank herumlag, bedeckt wird, machte für mich keinen Unterschied. Insbesondere nicht bei gutem Wetter und wenn man trotz Hightechausrüstung die Marathondistanz über 4 Stunden absolviert und somit wohl noch einiges an Verbesserungspotential in Form von Training in sich trägt.

Doch wer in 80 Marathons um die Welt laufen möchte, sollte sich nicht länger auf Schönwetterlagen verlassen können. Selbst wenn in Trainingsläufen allzu starke Niederschläge umgangen werden würden, kann ich mir das Wetter bei den Wettkämpfen nicht aussuchen, sondern mich nur so gut wie möglich vorbereiten. Ich brauchte also eine Regenjacke. Doch welche?

Ich wusste schon im Vorfeld, dass man einiges an Geld für Laufequipment ausgeben kann. Auf der anderen Seite habe ich im Leben auch gelernt, dass man schnell zweimal kauft, wenn man beim ersten Mal billig kauf. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis sollte ohne Frage stimmen, aber wenn man nicht nur aus dem Haus herausgeht, um ein paar Runden zu drehen, sondern mit seiner Jacke auch verreisen will, um über 40 Kilometer vielleicht mal am anderen Ende der Welt zu laufen, stellen sich ganz andere Anforderungen an die Bekleidung.

Die Wahl der richtigen Regen-Laufjacke

Ich wollte also eine Jacke, die möglichst wasserdicht und dennoch leicht ist, um auf Reisen wenig Platz und Gewicht einzunehmen. Dass die beiden Kriterien in der Kombination dann etwas teurer werden würden, war mir durchaus bewusst, so dass ich mich für eine Jacke von Löffler entschied (genauer gesagt die GTX Concept 20760), der – soweit ich das inzwischen mitbekommen habe – ein bekannter Markenhersteller im Outdoor-Bereich ist. Aber kann man sich Erfolg kaufen? Oder besser gefragt: Veränderte allein der Kauf mein gesamtes Mindset? Offensichtlich nicht.

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Immer Griffbereit in meinem Mobility Raum.

Aktuell laufe ich nach meinen Krafteinheiten 2 Kilometer mit intensiver Pace. Nachdem ich im Anschluss an den Kassel Marathon bis einschließlich Mittwoch trainingsfrei hatte, ging es Donnerstag (unter anderem 8 x 150 kg Kniebeugen) und Freitag (3 x 200 kg Kreuzheben) wieder in den Kraftraum, um in den normalen Trainingsrhythmus reinzukommen. Und Freitag war es dann soweit: Die höhere Gewalt war mir nicht wohlgesonnen und zum Abschluss der Trainingseinheit regnete es. Nicht sonderlich stark, aber intensiv genug, dass ich zunächst auf die 2 Kilometer verzichten wollte. Obwohl meine sündhaft teure Regenjacke am Haken hing.

Wie ein Schönwetterläufer musste ich aus der Komfortzone getrieben werden, was ich auch tat. Ein wirklicher Härtetest war es für die Jacke fraglos nicht, wie man auch am bereits wieder getrockneten Bild erkennt. Die erste, wenn auch kleine Bewährungsprobe für die mentale Einstellung, auch weniger bedeutsame Trainingsläufe umzusetzen, wenn diese geplant sind, wurde dagegen gemeistert.

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Wie man sieht, sieht man vom Wasser schon nicht mehr viel auf der Jacke.

Heute war das Wetter mir dann wieder besser gesonnen, bzw. ich lief dem Regen erneut aus dem Weg. Die 33 km wurde nicht in neuer Bestzeit genommen, aber liefen sich gut unter 3 Stunden runter, so dass die nächste Woche dann bereits der letzte lange Lauf vor dem Graz Marathon ansteht. Dazwischen wird aber der Schönwetterathlet in mir noch einmal herausgefordert. Am 06.10. löse ich ein Versprechen ein und werde am Hell of the Brave Lauf teilnehmen. Es wird der erste Lauf dieser Art seit 2011 werden und die sündhaft teure Jacke wird noch einmal im Trockenen bleiben.

2 Gedanken zu „Der Schönwetterläufer in der Komfortzone“

  1. Schöner Artikel! Es wäre spannend, wenn du mal einen Artikel über deine Ernährung und Supplementierung rund um das Training schreiben würdest, speziell im Bezug auf das Laufen.

    Viele Grüße
    Felix

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