Vilnius Marathon 2022: Trotz Regen ein echtes Highlight

Das Wetter präsentierte sich beim Vilnius Marathon 2022 nicht von seiner besten Seite. Marathon Nummer 36 sollte mein drittes Rennen werden, bei dem es durchgängig regnen würde. Dennoch war das Rennen so viel besser als die vorherigen Regenläufe. An dieser Stelle sei schon einmal verraten: Der Marathon in Litauens Hauptstadt ist eine Reise wert!

Was heißt Regen?

Am Tag vor dem Vilnius Marathon war mir dank Wetter-App bereits klar, dass es am Renntag regnen würde. Auch am Morgen hatte sich daran nichts geändert. Doch von welcher Menge Niederschlag sprechen wir? In dieser Hinsicht ist die Apple-App nicht sonderlich auskunftsfreudig und ein Blick auf Wetter.com ließ erahnen, dass mich zumindest kein Wolkenbruch erwarten sollte.

Regenvorhersage für den Vilnius Marathon 2022

Dies bewahrheitete sich auch. Beim Blick aus dem Hotelzimmer gut eine Stude vor Rennbeginn waren die Pfützen und die sich darin sammelnden Regentropfen auch aus dem siebten Stock gut erkennbar, doch der Niederschlag hielt sich in Grenzen. Dennoch wirkte das Wetter mit Temperaturen im einstelligen Bereich eher weniger einladend. An einem Trainingstag wären die typischen Überlegungen aufgekommen, ob man die Einheit verschieben oder alternativ gestalten könnte. An einem Marathonwochenende hat man letztendlich keine Wahl.

Ich war somit froh, eine Regenjacke eingepackt zu haben. Während ich mir vor einigen Jahren ursprünglich eine – rückblickend – überteuerte Gorotex-Jacke fürs Laufen gegönnt hatte, nutze ich bereits sein einer Weile eine recht schlichte Regenjacke. Im Gegensatz zum Markenprodukt mag diese ein paar Gramm schwerer sein, doch dafür besitzt sie Taschen, hat eine Kapuze und die Ärmel sind abtrennbar. Drei Punkte, die für mich inzwischen deutlich wichtiger bei der Wahl eines entsprechenden Kleidungsstücks wären.

Aerobic im Startbereich

Vom Hotel aus war ich innerhalb von weniger als zehn Minuten am Start und konnte die Veranstaltung auch akustisch wahrnehmen. Während ein großer Teil versuchte unter einem historischen Bauwerk auf den überdachten Platz zu finden, beteiligte sich ein deutlich kleinerer regenfester Teil des Feldes an der Aerobic, die mutig ohne jeden Regeschutz auf einer Tribüne vorgeführt wurde. Durch die Lautsprecher gab es immer wieder Ansagen, die ich nicht verstand. Als sich dann aber langsam alle in Richtung Startbereich bewegten, wusste auch ich, dass es gleich losgehen würde.

Nachdem die Nationalhymne gespielt worden war, meldete sich ein NATO-Offizier zu Wort, der auf Englisch ein paar Worte an die Teilnehmer richtete. Das fand ich ungewöhnlich und ist zweifelsfrei der aktuellen politischen Lage geschuldet. Schließlich liegen Belarus und Russland beide in unmittelbar Nähe zu Litauen.

Der Regen plätscherte weiter munter vor sich hin und nachdem der Startschuss gefallen war, ging es zunächst auf glattes Kopfsteinpflaster, was zur Verzögerung des Feldes aus Marathon- und Halbmarathonläufern beitrug. Dennoch braucht es keine 300 Meter, bis tatsächlich ein Teilnehmer fast direkt vor mir zu Boden fiel. Zum Glück stolperte niemand über den Läufer und dieser war offenbar auch mit dem Schrecken davongekommen.

Ab in den Wald

Die ersten Kilometer fühlten sich zäh an, woran jedoch die Strecke keine Schuld trug. Vorbei am Fluss Neris bekam mein einen schönen Blick auf die Altstadt geboten und auch auf der anderen Seite war die Bebauung abwechslungsreich. Nach wenigen Kilometern hatte sich das Feld langsam etwas entzerrt und man wurde in den Nadelwald geführt, von dem ich im Vorfeld gelesen hatte.

Besser gesagt ging es in den Park. Der Vilnius Marathon wurde nicht zum Crosslauf, wobei dieser kurze Abschnitt durch den auffallend sauberen Park eine schöne Abwechslung war. Hatte die Strecke bis dahin schon die ein oder andere kleinere Steigung geboten, ging es Mitten im Park plötzlich steil bergauf. Glücklicherweise sollten die ganz großen Anstieg eine Ausnahme bleiben. Ein flacher Marathon war es aber in jedem Fall nicht.

Noch vor Kilometer 10 wurde man wieder in die Altstadt geführt. Das Rennen verlief durch abwechslunsgreiche Straßen, in denen jedoch nur wenige Zuschauer zu sehen waren. Dies kann ich den Litauern in Anbetracht des Wetters aber keinesfalls verübeln. Dafür machten die wenigen Menschen, die doch draußen standen, umso mehr Lärm und auch die Helfer, die immer wieder an Streckenteilen die Absperrungen betreuten, feuerten jeden Teilnehmer an. Anders jedoch als beim Dubai Marathon, bei dem die Veranstalter Jubel-Helfer an die Strecke packten, was tatsächlich sonderbar war, fühlte es sich hier in Vilnius richtig an.

Hält der Beinbizeps?

Trotz der eigentliche guten Umstände, den die kühlen Temperaturen und auch der leichte Nieselregen boten, kam bei mir kein richtiges Tempo auf. Nachdem ich mir zwei Wochen zuvor beim Ultramarathon in Rauschenberg am Beinbizeps eine Zerrung geholt haben musste, bremste mich diese am letzten Wochenende vor dem Vilnius Marathon erneut aus. Entsprechend vorsichtig lief ich insbesondere die Abstiege, was mich Zeit und Platzierungen kostetet.

Doch der Muskel hielt. Auch wenn dieser sich insbesondere in der ersten Runde zeitweise komisch anfühlte, lief ich bei 1h 50:23 min das erste Mal durch den Zielbogen, wobei hiervon noch nicht die Verzögerung am Start abgezogen worden war. Ich war nicht besonders schnell unterwegs, aber doch gut in der Zeit.

Runde 2 wurde zehn Minuten langsamer

Generell fühlte sich alles gut an. Mein Magen gab mir zeitweise zu verstehen, dass ich zu wenig gefrühstückt hätte, doch von der Kondition her war das Rennen zu keinem Zeitpunkt ein Problem. Nach und nach merkte ich jedoch, dass ich langsamer wurde, was auch darin mündete, dass immer mehr Teilnehmer mich überholten. Am Ende sollten 34 Personen auf der zweiten Runde an mir vorbeiziehen. Hätte ich schätzen müssen, hätte ich eine deutlich höhere Zahl genannt. Gefühlt schlich ich nur noch über die Strecke, aber meine Beine erlaubten keine höhere Pace.

An dieser Stelle war mir bereits klar, dass ich immer noch nicht wieder an dem Punkt bin, an dem ich vor dem Bandscheibenvorfall war. Den Blick auf die Uhr vermied ich aber dennoch, denn ich konnte an meiner Situation schlichtweg nichts ändern. So rannte ich weiterhin mein eigenes Tempo und blickte lediglich alle 12 Kilometer auf meine Zwischenzeiten. Bei Kilometer 36 war klar: Es wird keine grandiose Zeit werden, aber die vier Stunden sollten an diesem Tag kein Problem darstellen.

Die letzten langen vier Kilometer

Dennoch hatte das Rennen noch eine Länge. Ich kann gar nicht so richtig sagen warum, aber die letzten vier Kilometer fühlten sich noch einmal besonders schwer an. Den Großteil dieser letzten Strecke ging es erneut durch die Altstadt von Vilnius. Einen Teil der Strecke war ich am Vortag sogar auf dem Weg zum Museum der Illusionen abgelaufen, so dass ich eine grobe Vorstellung davon hatte, wo wir waren. Dennoch fühlten sich die Beine zunehmend wie Blei an.

Neben mich gesellte sich für einige Meter ein Einheimischer, der mich zunächst in Litauisch ansprach. Nachdem ich höflich erklärte, dass ich nur Englisch verstehen würde, fragte er mich, ob dies mein erster Marathon sei. Der übliche Marathon-Smalltalk, der immer mal wieder in Rennen bei kurzen Begegnungen geführt wird. Als ich verneinte und antwortete, dass dies Nummer 36 war, hatte der junge Mann einen Blick, als ob er an meinen oder seinen Englisch-Kenntnissen zweifelte. Aber ja, Marathon 36 war in den letzten Atemzügen!

Diese erhöhte sich noch einmal beim letzten steilen Anstieg gut zwei Kilometer vor dem Ziel. Doch ab dann sollte es nur noch zum Ende gehen. Ich lief weiter. Langsamer, aber ich lief und musste dem gesamten Lauf keine Gehpause eingehen. Auf den letzten Metern führten noch einmal einige Teilnehmer einen Schlusssprint durch. Gefühlt überholten mich allein hier weitere 30 Läufer, aber offenbar trübte mich meine Wahrnehmung. Ich bog auf die letzten 195 Meter ein und der Blick auf die Uhr bestätigte mir, dass ich wieder etwas schneller als zuletzt in Duisburg und Rostock gewesen sein sollte.

Zwischenzeiten Vilnius Marathon 2022 – Quelle: LTUTiming

Am Ende sollten es 3h 49:53 min sein. Das Ergebnis war für mich vollkommen in Ordnung.

Fazit Vilnius Marathon 2022

Zurück im Hotel ließ ich mir heißes Wasser ein und nahm mein zweites Basenbad an diesem Wochenende. Als ich nach fast einer halben Stunde aus der Wanne stieg, überkam mich die Müdigkeit, nachdem der Hunger bereits bei Ankunft im Hotel ungewöhnlich groß im unmittelbaren Anschluss an einen Marathon war. Erstmals nach einem Rennen musste ich mich tatsächlich etwas hinlegen und schlafen. Die kurzen Nächte der letzten Woche hatten ihren Tribut gefordert und wer weiß, ob das Ganze nicht auch einen kleinen Einfluss auf das Rennen hatte.

Ich selbst bin unterm Strich aber hoch zufrieden. Rückblickend muss ich zugeben, dass ich lieber einen schönen Halbmarathon zweimal laufe, als über eine Marathonstrecke geschickt zu werden, die durch Industrieviertel oder ähnliche Abschnitte führt. Und schön war der Vilnius Marathon 2022 auf jeden Fall! Der Regen trübte zwar den Himmel, aber keinesfalls meine Stimmung und auch die Medaille, die man am Ende bekam, gehörte zu den wertigeren Exemplaren in meiner Sammlung.

Man kann sich das Fazit somit denken: Der Vilnius Marathon bekommt eine klare Empfehlung! Wer anders als ich rechtzeitig bucht, sollte relativ günstig nach Litauen fliegen und hier übernachten können, so dass ich sowohl Stadt als auch Laufveranstaltung nur empfehlen kann. Für mich geht es im Oktober in Chicago wieder an den Start.

Medaille Vilnius Marathon 2022

in80marathonsumdiewelt

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