Europa, Marathon

Lanzarote Marathon 2019: Mein spanisches Wintertrainingslager

Lanzarote gilt unter Triathleten als beliebter Anlaufpunkt für Trainingslager. Während insbesondere im Winter die Temperaturen in Deutschland absinken, sind auf der kanarischen Insel selbst Anfang Dezember noch sommerliche Temperaturen. Schon Thomas Hellriegel, der Triathleten sicherlich als Hawaii-Gewinner etwas sagen wird, hat sich auf der Insel vor der marokkanischen Küste regelmäßig vorbereitet. Mich lockte aber weder das Schwimmen noch das Radfahren, sondern lediglich das Laufen: Der Lanzarote Marathon 2019 sollte Nummer 21 auf der Reise in 80 Marathons um die Welt werden.

Flugverspätung: Nervenprobe auf der Anreise

Der Marathon selbst sollte am ersten Samstag im Dezember stattfinden, so dass ich mich wie üblich für eine relativ kurzfristige Anreise entschloss. Von Hannover aus wird die zu Spanien gehörende Insel nicht täglich, aber zumindest freitags direkt angeflogen, so dass im Anschluss an die geplante Landung kurz nach 17 Uhr ausreichend Zeit für das Abholen der Startunterlagen gewesen wäre. Dies sollte auf der Messe bis 21 Uhr möglich sein, so dass auch eine kleine Verspätung unproblematisch gewesen wäre. – Soweit meine Überlegungen beim Buchen der Reise.

Am Flughafen wurde meine Strategie dann sogleich auf die Probe gestellt. Während das Flugzeug etwa eine Stunde vor dem geplanten Boarding seine Position eingenommen hatte, erfolgte zum geplanten Zeitpunkt kein Aufruf. Die Schlange an Ungeduldigen hatte sich bereits positioniert, doch erst zehn Minuten, bevor der Start des Fluges geplant war, gab es die erste Benachrichtigung, dass das Flugzeug aufgrund der Streiks in Frankreich eine Verzögerung beim Eintreffen gehabt habe und die Crew daher eine verlängerte Ruhezeit benötige.

Die Zeit zog dahin und während die Passagiere um mich herum immer nervöser wurden – allen voran meine Frau, die Flugangst hat, und mich gemeinsam mit unserer Tochter erstmals zu einem Lauf begleitete – gab es von Seiten der Fluggesellschaft keinerlei Kommunikation. Nachdem der Flug bereits eine Stunde Verspätung hatte und ich generell noch guter Dinge war, erfolgte die zweite Durchsage: Bei der Überprüfung des Flugzeuges sei aufgefallen, dass die Sauerstoffmasken der Piloten ein Leck hätten, welches beseitigt werden müsse. Man könne jedoch nicht sagen, wie lange dies dauert, ob eine Ersatzmaschine benötigt wird und ob die Crew dann ebenfalls aufgrund der langen Zeit ausgetauscht werden müsste. Es benötigt vermutlich nicht viel Phantasie, sich meinen Gemütszustand vorzustellen.

Hektisch suchte ich auf der Homepage nach Informationen, ob man ausnahmsweise auch am Renntag kurz vor dem Lauf seine Unterlagen abholen könne. Ich meine mich zu erinnern, dass dies im Vorfeld buchbar gewesen wäre, ich jedoch bewusst darauf verzichtete. Schließlich hätte ich einen vermeintlich ausreichenden Zeitpuffer gehabt. Nun war auf der Homepage kein Hinweis zu finden und entschloss mich eine E-Mail auf Englisch zu verfassen und an die Funktionsmail, die im Zusammenhang mit der Startunterlagenabholung angegeben wurde, zu schicken.

Wenige Sekunden bevor ich auf Absenden klicken wollte, dann eine unerwartete erneute Durchsage: Das Problem wurde behoben und man begänne nun mit dem Boarding. Auf diese Dramatik hätte ich liebend gerne verzichten können. Die Warteschlage hatte nun gut eineinhalb Stunden vor dem Boardingdurchgang verbracht, doch Dank Kleinkind durfte ich mit meiner Familie sofort an allen Wartenden vorbei. In Zukunft wird der Nachwuchs immer ins Gepäck genommen. Bereits auf dem Flughafen sorgte die Kleine mit Tanzeinlagen und guter Laune für Zerstreuung unter den anderen Passagieren und als wir mit zwei Stunden verspätetem Start und weiteren gut viereinhalb Stunden Flug in Lanzarote gelandet waren, und die ersten unvermeidbaren Müdigkeitserscheinungen sich bei ihr bemerkbar machten, verabschiedeten sich einige Passagiere bei meiner Tochter mit ihrem Namen. Da hatte offenbar jemand einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Last, but not least beim Abholen der Startnummer

Vom Flughafen aus, ging es mit Taxi in Richtung Expo. Ich war vor einigen Jahren einmal in Madrid und konnte mich noch an die „hervorragenden“ Englischkenntnisse in der spanischen Hauptstadt erinnern. Dass diese auf einer touristisch geprägten Insel genauso wären, hätte ich allerdings nicht unbedingt erwartet. Mit Händen und Füßen versuchte ich zu erklären, wo ich hinwollte, da das Zeigen der Adresse auf Googlemaps offenbar nicht für Klarheit sorgte.

Ich fühlte mich an meine Anreise zum Neu-Delhi Marathon erinnert, als der Taxifahrer mich trotz von mir eingeschaltetem Navi im Kreis um mein Hotel herumfuhr. Wohlbemerkt war das Taxi in Indien bereits bezahlt, so dass niemand etwas von der Verzögerung hatte. – In Spanien konnte die Fahrt schließlich starten, nachdem ich klargemacht hatte, dass ich meine Startnummer für den Lanzarote Marathon abholen wolle. Eine gute Stunde vor dem Ende der Marathonmesse bekam auch ich somit meine Startnummer ab und war damit erwartungsgemäß einer der letzten Teilnehmer.

Die Messe selbst bestand eigentlich nur aus einem großen Pavillonzelt vor dem Abholbereich, in dem ein paar Firmen vertreten waren, die bereits mit dem Abbauen begonnen hatte. In Anbetracht der Tatsache, dass insgesamt 2783 Läufer auf den drei angebotenen Distanzen gemeldet waren, fand ich dies überraschend klein. Für den Marathon selbst wurden 707 registrierte Starter gezählt, was nach dem Zuwachs der letzten Jahre einem erneuten Teilnehmerrekord entsprechen sollte.

Ich selbst erhielt trotz meiner recht spontanen Registrierung Dank meines Nachnamens die erste Marathon-Startnummer. Die Nummern wurden in alphabetischer Reihenfolge vergeben, so dass die Buchstabenkombination A-C-K-E-R wie schon beim Kasselmarathon 2018 für die erste Position genügte. In Ländern, in denen Menschen mit dem Nachnamen Abraham häufiger vertreten sind, musste ich meinen Namen zum Teil schon länger auf der Starterliste suchen.

Doch obwohl die Messe selbst recht karg wirkte, sorgte der Marathonbeutel beim Auspacken im Hotel bereits für die erste positive Überraschung: So gut gefüllt hatte ich schon lange, wenn nicht sogar noch nie ein Goody Bag bei meinen bisherigen Marathons erlebt und der positive Eindruck sollte weiter bestätigt werden. – Insbesondere die Socken müssen an dieser Stelle aber als kreative Beigabe positiv hervorgehoben werden. Während man mit T-Shirts auch ungefragt ausreichend versorgt wird, wenn man regelmäßig an Marathonveranstaltungen teilnimmt, gab es nun das erste Mal Socken… zusätzlich zum T-Shirt. Ich empfand die Überraschung in jedem Fall gelungen.

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Beutelinhalt Lanzarote Marathon 2019

Trainingslauf unter der spanischen Sonne

Für den Marathontag waren ebenso wie für die Tage zuvor knapp 20 Grad angekündigt. Während es am Freitag vor meiner Ankunft noch geregnet hatte, sanken die Temperaturen in der Nacht auf Lanzarote zumindest im Dezember offenbar kaum unter den Tageswert, so dass ich am Abend bereits einen Eindruck davon bekommen konnte, was mich am nächsten Tag in etwa erwarten würde. Wenn man aus dem deutlich kälteren Deutschland plötzlich in solch warme Regionen kommt, ist dies alles andere als förderlich für die Leistung, wie ich nun bereits mehrfach gelernt hatte. Die für Sportler, der Marathons läuft, überdurchschnittliche Muskulatur ist darüber hinaus ebenfalls alles andere als hilfreich, wenn es um die Regulierung der Körpertemperatur geht.

Entsprechend hatte ich mir für meinen 14. Marathon im Jahr 2019 nichts vorgenommen, außer Spaß zu haben. Es wäre gelogen, wenn ich nicht behaupten würde, dass ich die magische 4-Stunden-Grenze nicht weiterhin im mentalen Gepäck haben würde, aber über diese machte ich mir eigentlich keine Gedanken. Obwohl ich die Woche vor dem Lanzarote Marathon mit dem Training vollständig pausierte, um mir bzw. meinem Körper nach der langen Herbstsaison etwas Ruhe zu gönnen, verschwendete ich keinen Gedanken daran, dass ich zwei Wochen nach der persönlichen Bestzeit beim Philadelphia Marathon plötzlich das Laufen verlernt haben sollte.

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Kurz vor Start des Lanzarote Marathons 2019.

Entsprechend positiv gestimmt, fand ich mich im nur fünf Minuten vom Hotel entfernten Startbereich ein, um pünktlich mit den anderen Läufern auf die volle Distanz zu gehen. Wie schon zuletzt in Philly verzichtete ich auf eine Zeitansage und lief einfach nur nach Gefühl, wobei ich versuchte nicht zu zügig unterwegs zu sein. Zu meinem Erstaunen gab es keine Pacemaker, so dass ich mich schon an den Dubai Marathon erinnert fühlte, wo die Läufer gänzlich allein auf die Strecke geschickt wurden. Zu Unrecht, wie ich kurze Zeit später feststellte:

Kurz vor der zwei Kilometermarke bekam ich ein Gespräch zwischen zwei Engländern mit, bei denen der eine zum anderen meinte, dass dieser die „Pacemaker pacen“ würde. Es gab doch gar keine Pacemaker, oder? Doch, die gab es. Da ich kurz vor Beginn des Marathons in den Startbereich gegangen war und es keine Einteilung nach Zielzeit gab, stand ich relativ weit vorne, ohne dass ich hineingedrängt hätte. Als ich dann bei zwei Kilometern kurz stoppte, um das erste Foto von der Strecke zu machen, überholte mich plötzlich ein Mann mit 3-Stunden-30-Fahne mitsamt seiner Gefolgschaft.

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Offenbar gab Pacemaker und ich war die ersten zwei Kilometer nur deutlich zu schnell angegangen, obwohl sich dies in keiner Weise so angefühlt hatte. Die Läufer mit Zeitfahnen begannen jedoch erst wie angesprochen bei 3-Stunden-30, was auch daran liegen mag, dass die von mir thematisierten 2 h 30 min in den letzten sechs Jahren nur einmal im Jahr 2017 vom Sieger unterboten wurden. Wer also ein echter Marathonläufer ist, hat gute Chancen sich in Lanzarote den obersten Platz auf dem Treppchen zu sichern.

Ich für meinen Teil versuchte mein Rennen zu laufen, wobei ich mal wieder merkte, wie schwer es sein kann, langsam zu laufen. Nach über einer Stunde war der Pacemaker trotz einiger Fotostopps immer noch in greifbarer Nähe vor mir und ich sah es auf der anderen Seite nicht ein, mich noch mehr zurückzunehmen, da ich großen Respekt vor der noch aufgehenden Sonne hatte.

Diese begann bei etwa 18 Kilometern auch immer stärker auf der Haut zu brennen und auf dem Wendekurs kam mir zu diesem Zeitpunkt bereits der erste, sehr einsame Frontläufer entgegen. Ich weiß nicht, ob es der diesjährige Sieger war, der ebenfalls die 2 h 30 min unterbieten konnte, da der Zweitplatzierte allerdings ganze sechs Minuten mehr benötigte, nehme ich dies ganz stark an.

Kurz vor der Wendeschleife tauchte vor mir eine Gruppe Briten auf, in deren Mitte ein Mann lief, auf dessen T-Shirt für alle zu lesen war, dass dies sein hundertster Marathon sein würde. Auch wenn ich davon inzwischen selbst bereits ein Fünftel angesammelt habe, kann ich immer nur wieder betonen, wie unfassbar groß ich diese Zahl empfinde. Ich überholte den Briten für den Moment (später sollte er mich wiederum kassieren) und lief weiter mein Rennen.

Bis Kilometer 32 sagte die Uhr, dass ich mich weiterhin auf einer (ungeplanten) 3 h 30 min befinden würde, doch wie von mir befürchtet, forderte die Hitze nun ihren Tribut. Meine Haut war im Gesicht mit Salz verkrustet, die Blase meldete sich trotz über vier Liter Flüssigkeitszufuhr während des Rennens bisher nicht und ich wurde spürbar langsamer. Kurz Zeit später legte ich an einem Anstieg sogar eine Gehpause ein und befand mich mitten im nirgendwo des Läuferfeldes. Der Pacemaker vor mir war hinter einer Abbiegung verschwunden und auch im Bereich hinter mir waren nicht wirklich viele Teilnehmer zu erkennen. Glücklicherweise auch nicht der zweite Pacemaker, so dass ich mit guter Laune, so soweit man diese recht dehydriert haben kann, das weitere Rennen bestritt.

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Die 42-Kilometer-Marke beim Lanzarote Marathon 2019.

Es folgten an den abschließenden Anstiegen noch ein, zwei Gehpausen, doch als ich dem Zielbereich näherkam, war klar, dass ich zumindest unter 3 h 40 min ins Ziel kommen würde, was für einen Trainingslauf mehr als in Ordnung war. Ich schnappte mir wenige Meter vor Finish Line meine kleine Tochter, die mit meiner Frau zum Anfeuern gekommen war, und lief mit ihr im Arm durchs Ziel. Die offizielle Zielzeit betrug 3 h 39:21 min und wie die Übersicht der Splits zeigt, war ich nicht der einzige, der mit der Hitze zu kämpfen hatte. Schließlich waren Deutsche, Iren und Briten die mit Abstand am stärksten vertretenen Nationen.

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Die Zeitmatte 3 lag deutlich näher an der 22- als der 21-km-Marke, so dass diese Zwischenzeit nicht ganz korrekt ist.

Ist der Lanzarote Marathon empfehlenswert?

Ein ganz klares „Ja!“. Die gesamte Veranstaltung wirkte auf mich hochprofessionell und reibungslos geplant. Es gab eine Vielzahl an Verpflegungsstellen mit freundlichen Helfern und wie die Fotos vielleicht verdeutlichen, war es eine wunderschöne Strecke. Insbesondere bei diesem Punkt hatte ich, als ich mir den Streckenverlauf erstmals bewusst angeschaut hatte, etwas Bedenken. Doch während ich bei einer ähnlichen Strecke beim Gold Coast Marathon in Australien die Abwechslung vermisste und mir beim Reykjavik Marathon mehr Mondlandschaften gewünscht hätte, bekam ich genau diese Kombination auf Lanzarote geboten.

Wenn man den touristischen Ballungsraum verlassen hat und auch die Hotelketten an der Küste nach gut vier Kilometern endgültig hinter sich lässt, bietet die Strecke eine charmante Mischung aus mediterranem Flair (auch wenn die Insel nicht im Mittelmeer liegt) und wunderschönen Vulkanlandschaften. Abgerundet wird all dies von einer liebevoll gestalteten Medaille, die sich sicherlich in jeder Sammlung gut machen dürfte. Ich selbst verabschiede mich nun in den wohlverdienten Urlaub mit der Familie und bin gespannt, was Lanzarote mir als Tourist zu bieten hat. Für Marathonläufer gibt es aber, wie bereits geschrieben, eine uneingeschränkte Empfehlung!

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Medaille Lanzarote Marathon 2019

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