Alexander the Great Marathon 2021: 42,195 km von Pella nach Thessaloniki

Der Alexander the Great Marathon 2021 führte von der Geburtsstadt des Makedoniers bis nach Thessaloniki. Kultureller Schwerpunkt Griechenlands, traditionelle Geschichte, internationale Strahlkraft… all das traf auf den Lauf in Saloniki nicht zu. Griechenland wurde seinem kulturellen Erbe gegenüber dem Marathon nicht gerecht. Diese Feststellung mag sehr hart klingen, fasst die Eindrücke von diesem Rennwochenende aber am besten zusammen.

Gretchenfrage: Nun sag‘, wie hast du’s mit den Marathons?

Wenn man die Bedeutung eines Marathons für eine Stadt kennen möchte, ist das Hotel, in dem man übernachtet, ein guter Indikator. Oft wird man auf den Marathon am Wochenende angesprochen, wenn die Leute feststellen, dass man allein von weiter weg anreist. Einen noch höheren Stellenwert hat ein Lauf, wenn das Hotel sogar das Frühstück am Renntag extra früher anbietet.

In Thessaloniki war beides nicht der Fall, was in gewisser Weise ein Widerspruch zu den eigenen Ansprüchen der Veranstalter steht, die ich am Vortag noch auf der Homepage entdeckt hatte. Dieser Eindruck sollte sich im Laufe des Renntages noch einige Male bestärken.

Mit dem Bus durch Thessaloniki…

Dreiviertel fünf war die Nacht zu Ende und ich machte mich für den Marathon fertig. Im Informationsschreiben der Veranstalter stand: „The event undertakes the obligation to transport the runners participating in the Marathon Race by bus, from Thessaloniki to the starting point (Pella). Bus departure time: Starting from 05:30 and every 15 ‚depending on the starting time of each block.“

Da in einem weiteren Satz angeführt war, dass „the participants (block 1) are invited to come to the start of the race from 07:00 to 07:15“, verstand ich den Shuttle-Service so, dass es mehrere Busse geben würde, die im 15-Minuten-Takt abfahren würden. Die Fahrt nach Pella dauerte gemäß App knapp 45 Minuten, so dass ich mit einer Abfahrt kurz nach 6 Uhr plante.

Da das Hotel kein frühes Frühstück anbot, musste ich improvisieren.

Auf dem Weg zum Abholort riss mein Marathonbeutel. Ich hoffte noch, dass dies das Schlimmste wäre, was mir an diesem Tag passieren sollte. Wie man sich denken kann, war dem nicht so. Beim Eintreffen am Stadion, wo die Busse warten sollten, war niemand zu sehen. Es gab einen Linienbus mit der Nummer 15, dessen Text im Display ich jedoch verständlicherweise nicht lesen konnte. Die Google-Translate-App hatte sich schon am Vortrag im Supermarkt als unbrauchbar für das griechische Alphabet herausgestellt.

Ich lief am Bus vorbei, entlang dem Stadion, und konnte tatsächlich eine Reihe an Bussen auffinden, in denen jedoch nicht einmal ein Fahrer saß. Ich fluchte (nicht zum letzten Mal an diesem Morgen). Als Treffpunkt war lediglich das Stadion angeben. Kein Eingang oder eine Himmelsrichtung und wie man sich vorstellen kann, ist so ein Stadio recht groß. Müsste ich einmal komplett rumlaufen?

Ich entscheid mich dazu, zurück zum Linienbus zu laufen. Auf wiederholtes Klopfen öffnete der etwas griesgrämige Busfahrer die Tür. Ich sprach diesen auf Englisch an, woraufhin er mir auf Griechisch irgendwas antwortete. Ich verstand kein Wort. Mir war aber klar, dass er offenbar kein Englisch verstehen würde. Selbst das Wort „Marathon“ erzeugte keine Reaktionen. Da wären wir wieder beim Stellenwert des Laufes.

Glücklicherweise gab es von den Veranstaltern auch eine griechische Version der Informationen rund um den Lauf. Ich zeigte dem Busfahrer den Text und versuchte klarzumachen, dass ich nach Pella wolle. Der Mann nickte, und machte mir deutlich, dass ich mich setzen sollte. Ich war allein im Bus. Wo war der Rest? Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, setzte sich der Bus auch schon in Bewegung.

Abfahrt allein im Bus… nur dummerweise nicht nach Pella

Mir blieb kaum Zeit darüber nachzudenken, dass ich der einzige Fahrgast war. Wenige Augenblicke später stieg eine zwei Person ein. Ohne Marathonbekleidung. Und kaum hatte ich diese Tatsache so richtig bemerkt, hielt der Bus erneut und die nächsten Personen ohne Laufsachen stiegen ein. War dies ein Bus, der regulär bis Pella fuhr? Ich wurde unsicher und sprach jemanden im Bus an. Wie sich herausstellte, war auch dessen Englisch stark begrenzt.

Erneut zeigte ich die griechische Ausschreibung und der junge Mann gab mir zu verstehen, dass ich mich an ihn halten müsse. Das würde alles passen. Kaum hatte er dies mit Händen und Füßen deutlich gemacht, stoppte der Bus und der Busfahrer machte mit dem Wort „Marathon“ deutlich, dass mein Ziel erreicht sei. What the fuck.

Ich stieg und stellte fluchend fest, dass ich zum Ziel des Marathons gebracht wurde. Offenbar war dem Busfahrer nicht bekannt, dass der Start in Pella war und scheinbar hat nicht nur die Tiktok-Generation die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches. Andernfalls hätte er dies innerhalb von Sekunden in dem Informationsflyer, den ich vorzeigte, lesen können.

…aber mit dem Taxi nach Pella

Da stand ich nun. Mitten in der Nacht in Thessaloniki gut 40 Kilometer vom Start des Marathons entfernt. Ich fluchte und überlegte hastig, was ich machen könnte. Schließlich war ich extra nach Griechenland geflogen und Thessaloniki war am Tag zuvor nicht so schön, dass ich den Trip spontan in einen Erholungsurlaub umgewandelt hätte. Noch dazu ohne Familie. Zurück zum Hotel!

Ich begann zu laufen und bereits nach wenigen Metern kam mir ein Taxi entgegen. Auf mein Winken hin, macht dieser mir deutlich, dass er frei sei. Ich begann den Fahrer auf Englisch anzusprechen, was dieser sofort verneinte. Doch noch bevor ich völlig verzweifeln konnte, antwortete er „Deutsch!“. Tatsächlich war sein Deutsch sehr gut, so dass wir ein echtes Gespräch führen konnten. Ich erklärte meine Situation und wir sich herausstelle, hatte ich die Informationen falsch verstanden. Mein Bus wäre um 05:30 Uhr gefahren, da ich für Startblock 1 eingeplant war. Fuck.

Unfreiwillig ging es mit dem Taxi zum Start des Alexander the Great Marathon 2021

Sofort fragte ich, wieviel die Fahrt nach Pella kosten würde. Im Prinzip hätte er mir jeden Preis nennen können. Ich hatte kaum eine Wahl. Ich ließ mich zum Hotel bringen, um meine Kreditkarte zu holen und wir fuhren in Richtung Pella.

„Die Straße ist gut! Schnellstraße!“ meinte der Taxifahrer, während wir ordentlich durchgerüttelt wurden. Dies änderte sich einige Augenblick später, als die Straße tatsächlich besser wurde, war aber auch dem Fahrstil zuzuschreiben. In Griechenland sind auf Schnellstraße maximal 90 km/h erlaubt. Wir fuhren mit 140 in Richtung Pella und unterboten die von der Navigationsapp vorhergesagten Zielzeit deutlich.

100 Euro ärmer pünktlich beim Start des Alexander the Great Marathons

Ganze 100 Euro kostet mich meine Dummheit. Ich ärgerte mich und war gleichzeitig froh, es doch noch zum Start geschafft zu haben. Wäre es ein beliebiger Marathon in Deutschland gewesen, hätte ich auf die Teilnahme verzichtet. Doch wenn man schonmal extra ins Ausland reist, wollte ich den Lauf nicht einfach abschreiben.

Pella selbst, der Geburtstort von Alexander dem Großen, wirkte wie ein kleine Häuseransammlung mitten im Nichts. Offenbar startete der Marathon jedoch am Stadtrand, denn fast 7000 Menschen sollen in Pella wohnen. Wahrzunehmen war davon jedoch nicht viel. Das Starterfeld war weiter verteilt und die knapp 10 Toiletten waren ausreichend, dass keine Schlange vor diesen entstand. Ich weiß nicht, wann ich so etwas das letzte Mal bei einem Marathon erlebte.

Der Startbereich des Alexander the Great Marathons war eher unscheinbar. Ein paar Gitter waren aufgestellt, an denen sich Banner befanden, und von irgendwo tönten Stimmen aus Lautsprecherboxen. Auf dem Boden waren Markierungen für den Abstand geklebt, an die sich im vorderen Bereich des Blockes jedoch niemand hielt und an mir lief die Zeit nur so vorbei. Ich hatte die Tatsache, doch noch pünktlich angekommen zu sein, noch nicht so ganz verdaut.

Auf der Schnellstraße von Pella nach Thessaloniki

Fast schon überraschend kam der Startschuss und das Feld setzte sich in Bewegung. Zunächst ging es wenige Meter durch Pella doch noch vor Abschluss des ersten Kilometers wurde das Feld aus der Stadt herausgeschickt. Nun ging es auf die Schnellstraße Richtung Thessaloniki und an dieser Stelle könnte ich genauso gut bis zum Ende des Marathons vorspulen.

Ich habe selten eine so zweckmäßige Streckenführung erlebt. Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich mag Läufe in der Natur! Doch der Alexander the Great Marathon führte auf einer asphaltierten Schnellstraße durch Baumwollfelder und repetitive Natur. Dies mag beispielsweise beim Lanzarote Marathon ähnlich sein. Doch dort hat die Landschaft deutlich mehr Charme und darüber hinaus kündigten die spanischen Veranstalter nicht an, ein kulturelles Highlight mit internationalem Charakter etablieren zu wollen. All dies bot der Marathon in Richtung Thessaloniki nicht.

Vielmehr fühlte ich mich an den Dubai Marathon erinnert, nur dass wir hier keine Zweiklassengesellschaft gab. Wir alle wurden ohne Pace-Maker auf eine eintönige Strecke ohne Zuschauer geschickt, die jedoch mit einem flachen Höhenprofil und eng gesetzten Versorgungsstationen zu punkten wusste. Die Strecke war theoretisch schnell. Praktisch nahm aber nur ein echter Marathonläufer teil.

40 Kilometer durch Griechenland

Ich selbst nahm mir für das Rennen nichts vor. Nachdem ich zwei Wochen zuvor in Barcelona eine neue Bestzeit lief und weitere zwei Wochen davor bereits in Amsterdam die 3-30 erneut geknackt hatte, war ich ohne Ansprüche nach Griechenland gereist. Dazu kam, dass ich im Gegensatz zu den letzten zwei Rennen wieder an der Langhantel trainiert hatte und zwei Tage vor dem Alexander the Great Marathon schweres Kreuzheben ausgeführt hatte. In Kombination mit den Aufregungen vom Morgen wollte ich das Rennen nur genießen.

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Dass es dazu nicht viel Anlass gab, da die Strecke sich recht eintönig präsentierte, sprach ich bereits an. Dennoch verflogen die ersten Kilometer. Bei der ersten Zeitregistrierung nach 10 Kilometern schaute auch ich auf die Uhr. Ich war mit einer Pace von unter 5 Minuten unterwegs, ohne dass es sich so anfühlte. Würde dies so weitergehen, wäre es erneut eine sub 3-30. Doch eigentlich hatte ich das gar nicht vor.

Ich nahm das Rennen, wie es kam, und lief weiter mein Tempo. Das Feld hatte sich immer weiter auseinandergezogen. Es gab keine Anhaltspunkte, ob ich schnell oder langsam war. Ich überholte niemanden, wurde aber auch nicht eingeholt. Ich lief Mitten im Nichts durch Griechenland.

So zog sich praktisch das gesamte Rennen. Zwischenzeitlich führte die Strecke durch kleinere Häuseransammlungen, die jedoch genauso schnell wieder verlassen wurden, wie man hineingelangte. Nach gut 40 Kilometer erreicht der Alexander the Great Marathon schließlich Thessaloniki.

Strecke und Höhenprofil Alexander the Great Marathon 2021 – Quelle: ATGM.gr

Eine ungeplante sub 3-30

Weniger Kilometer zuvor beschloss ich selbst, etwas Tempo rauszunehmen oder besser gesagt, das Tempo nicht weiter zu halten. Bis Kilometer 32 war ich auf einer 3-30 unterwegs, ohne dass es sich so angefühlt hätte. Nun wurde das Rennen aber schwerer, einige weniger Läufer überholten mich und ich entschloss mich, dies geschehen zu lassen. Ich wollte ohne größere Belastung aus dem Marathon gehen.

Doch gut 6 Kilometer vor dem Ziel kippte mein Entschluss. Ich war langsamer geworden, jedoch nicht sonderlich viel. Als ich feststellte, immer noch auf einer 3-30 unterwegs zu sein, packte mich der Ehrgeiz. Obwohl es anstrengender wurde, begann ich noch einmal Tempo aufzunehmen. Ich holte den Großteil der Teilnehmer, die mich zuvor noch überholt hatten, wie ein und kämpfte mich weiter ans Ziel.

Bei Kilometer 39 war klar, dass ich nicht ganz so schnell war, wie ich es wollte, aber es immer noch schaffen könnte. Wenn auch nur knapp. Doch ich wollte nichts unversucht lassen. Nun wurde es doch noch ein kleiner Wettkampf, wobei die Tatsache, dass die letzten zwei Kilometer durch Thessaloniki führten, nichts an der fehlenden Stimmung änderten.

Gut 300.000 Menschen wohnen in Thessaloniki und wenn ich schätzen müsste, würde ich behaupten, keine 30 davon standen an der Strecke. So viel Dessinteresse an einem Marathon habe ich glaube ich noch nie erlebt, wenn der Lauf nicht gänzlich außerhalb bewohnter Bereiche stattfand. Das war nicht nur weit entfernt von internationalem Niveau, sondern erfüllte nicht einmal Regionalligaansprüche.

Bei 40 Kilometern gab es noch einmal eine Zeitmessung. Ich hatte meine Uhr etwas vor der Startlinie gestartet und noch gut 11 Minuten Zeit. Das würde knapp werden. Ich mobilisierte noch einmal alle Kraft, was jedoch ein wenig dadurch torpediert wurde, dass es keine Schilder bei Kilometer 41 oder 42 gab. Dadurch war es schwer einzuschätzen, wie lange ich noch laufen müsste und wie viel Kraft ich benötigen würde. Wann war Zeit für den Endspurt?

Zwischenzeiten Alexander the Great Marathon

Nachdem wir auf dem letzten Kilometer verschiedene Bögen durchliefen, was das Gefühl für die Reststrecke noch mehr ins Wanken brachte, konnte ich am Horizont den finalen Zielbogen erkennen. Ich setzte zum Sprint an und lief über die letzte Zeitmatte. Der Griff an den Arm ließ die Zeit stoppen. Ein paar Sekunden über 3-30. War die Nettozeit damit daruntergeblieben? Sie war es! Mit 3 h 29:54 min wurde mein Endspurt belohnt!

Eine schöne Medaille als Erinnerung an ein unschönes Rennen

Bis ich dies erfahren sollte, würden noch einige Minuten vergehen, da die Live-Results der Homepage verzögert aktualisiert wurden. Dennoch war ich, insbesondere nach dem Start des Tages, glücklich über mein Ergebnis. Abgerundet wurde der Tag mit einer sehenswerten Medaille, die der Strecke nicht gerecht wird. Eine weitere Parallele zum Dubai Marathon.

Medaille Alexander the Great Marathon 2021

Wie man sich denken kann, bekommt der Alexander the Great Marathon keine Empfehlung von mir. Nach dem Highlight in der spanischen Metropole war der Ausflug nach Griechenland ein kleiner Dämpfer. Für mich ist damit das Marathonjahr 2021 voraussichtlich beendete. Die ursprünglich geplante Teilnahme in Malaga möchte ich aufgrund der Reise nicht umsetzen und mein Ausweichtermin beim Siebengebirgsmarathon in Deutschland wurde bereits vor Beginn der vierten Welle abgesagt.

Ich nehme dies als Zeichen, meinem Körper eine kleine Pause von den Marathons zu gönnen. Bekanntermaßen ist der Zeitpunkt, wenn man solch eine gefühlt noch gar nicht benötigt, keinesfalls verkehrt. Für 2022 sind bereits einige weitere Läufe geplant und ich hoffe, dass Corona mir keine unnötigen Striche durch die Rechnung machen wird. Für diesen Blog war dies aber in jedem Fall noch nicht der letzte Beitrag im Jahr 2021.

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