10 Tage nach der Zahn-OP einen Ultra-Marathon laufen

Wie früh darf man nach einer Zahn-OP wieder laufen? – Mehrere Tage kreisten meine Gedanken um diese Frage, nachdem mir unerwartet ein Backenzahn gezogen werden musste. Hinzu kam ein durchwachsener Jahresbeginn, der von Kinderkrankheiten, ausgefallenen Trainingseinheiten und zuletzt Magen-Darm-Problemen geprägt war. Nicht die besten Voraussetzungen, um das erste Mal seit 2021 wieder mehr als 60 Kilometer zu laufen. Umso mehr freue ich mich darüber, diese Zeilen schreiben zu können.

Vier Monate kein Marathon

Das letzte Rennen, von dem ich in diesem Blog berichten konnte, war der Kasterlee Marathon in Belgien. Seitdem sind ganze vier Monate vergangen, die keinesfalls ohne Wettkampfteilnahmen geplant waren. Im Dezember wollte ich eigentlich nach Malaga reisen. Im Februar stand Malta auf dem Plan. Auf beide Rennen musste ich verzichten, nachdem ich mich bei meinen Kindern kurz vor der Abreise jeweils doch noch angesteckt hatte.

Seitdem war sprichwörtlich der Wurm in meinem Lauftraining. In den vergangenen sechs Wochen hatte ich nur zwei Trainingseinheiten, die länger als 30 Kilometer waren, wobei die letzte in einem Abbruch mündete. Zwei Wochen vor dem im März geplanten Lauf steckte ich mich bei meinen Kindern an und verlor fast drei Kilogramm Körpergewicht, von denen zwei bisher auch nicht mehr zurückkehrten.

Wäre dies alles nicht bereits genug gewesen, hatte ich 10 Tage vor dem Ultra-Marathon einen Zahnarzttermin, nachdem ich seit Anfang des Jahres ein komisches Gefühl an einem Zahn verspürt hatte. Wie sich herausstellte, wurde die Wurzel bei einer früheren Behandlung beschädigt. Der Zahn war tot und unter einer Krone hatte sich so viel Karies gebildet, dass der komplette Zahn gezogen werden muss. Spontan, drei Stunden nachdem mir die Diagnose mitgeteilt wurde.

Wie schnell darf ich nach der Zahn-OP einen Ultra-Marathon laufen?

Die Zahn-OP verlief ohne Komplikationen. Es dauerte nur wenige Minuten, dass ich einen Backenzahn weniger besaß. Die anschließende Antwort auf meine Frage, wann ich nach der Zahn-OP wieder laufen könne, war hingegen weniger erfreulich. 14 Tage lautete die Aussage des Zahnarztes. Meine Nachfrage, ob nicht auch 10 Tage genügen würden, da ich einen Wettkampf geplant hätte, wurde rigoros verneint.

Andererseits folgte nach kurzer Überlegung der Vorschlag, dass man eine Eigenbluttherapie machen könne, mit der die Wunde innerhalb von 7 Tagen ausreichend verheilt sei. Die Kosten von über 200 EUR, die ich aus eigener Tasche hätte bezahlen müssen, wurden mir jedoch erst nach expliziten Fragen genannt. Eine echte Beratung oder Abklärung meiner Ernährung oder Erfahrungen bei der Wundheilung erfolgte nicht, sodass mich das unangenehme Gefühl beschlich, dass man mir hier nur etwas verkaufen wollte.

Wenn die Wunde mit Eigenbluttherapie nach 7 Tagen verheilt wäre, sollte es doch ohne auch innerhalb von 10 Tagen möglich sein? Ich verzichtete auf die vorgeschlagene Extra-Behandlung und entschloss mich, selbst zu entscheiden, wie schnell ich nach der Zahn-OP wieder laufen könnte. Entsprechende Erfahrungsberichte in einschlägigen Foren stimmten mich zuversichtlich, dass dies möglich sein sollte.

Wenige Tage nach der ungeplanten Zahn-OP stand es fest, dass ich den Ultra-Marathon laufen würde…

Wie unvorbereitet willst du in einen Ultra-Marathon gehen? Ja!

Wenige Stunden später endete die Betäubung und die behandelte Stelle schwoll weder an noch benötigte ich Schmerztabletten nach der Zahn-OP. Es gab auch keine Nachblutungen, was mich insgesamt sehr positiv stimmte. Wenn ich mich an meine Weisheitszahn-OPs zurückerinnerte oder an das Ziehen eines überschüssigen weiteren Backenzahns vor einigen Jahren, wusste ich, dass dies auch anders verlaufen kann. Dennoch schonte ich mich in den nächsten Tagen zunächst komplett. Es gab kein Training.

Einen Tag nach der Zahn-OP machte ich den ersten kleineren Spaziergang, bei dem sich die Wunde etwas meldete, wobei die Beschreibung „pochen“ fast schon zu dick aufgetragen wäre. Auch längere Gehphasen über 90 Minuten stellten in den Folgetagen kein Problem dar, was mich zuversichtlich stimmte. Als dann zwei Tage vor dem Ultra-Marathon die Wunde erkennbar weiter verheilt war, als noch unmittelbar nach der OP, stand der Entschluss fest, beim Wettkampf anzutreten.

Dies änderte nichts an einer gewissen Unsicherheit, inwiefern dies in Bezug auf die Wundheilung eine gute Idee sein würde, und auch der Umstand, zuletzt kaum gelaufen zu sein, war nicht förderlich. In den vier Wochen vor dem Ultra-Marathon sammelte ich keine 50 Kilometer in drei Laufeinheiten, was nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für die Teilnahme an einem Lauf über 61 Kilometer war.

Vor dem Ultra-Marathon in Schwerin hatte das Laufpensum keinesfalls den gewünschten Umfang

Strömender Regen am Start

Gleiches galt für das Wetter vor Beginn des Laufes. Strömender Regen machte die Vorstellung, aus dem Auto zu steigen, nicht nur äußerst unattraktiv, sondern ließ in mir auch Bedenken aufkommen, wie sich dies auf die Strecke auswirken würde. Aus den letzten zwei Teilnahmen waren mir die technisch anspruchsvollen Stellen, an denen Unvorsichtige nur allzu leicht drohten, in den Schweriner See zu fallen, noch gut in Erinnerung geblieben. Zunächst musste das Rennen aber erst einmal starten.

Ich stellte mein Auto ab und der Regen begann deutlich weniger zu werden. Gemeinsam mit dem leicht stürmischen Wind ließ der Weg zum Start jedoch weiterhin noch keine Freude aufkommen. Am Schloss, wo der Lauf wie jedes Jahr offiziell starten sollte, waren nur wenige Menschen zu sehen, sodass ich mich auf der Website noch einmal rückversicherte, ob ich mich nicht in der Zeit geirrt hatte.

Dies war nicht der Fall und als kurz vor 8:30 Uhr der Pulk an Teilnehmern gemeinsam vom Speicherhotel zum Start gelaufen kam, gab es keine Zweifel mehr. Pünktlich ging es 10 Tage nach der Zahn-OP in meinen vierten Ultra-Marathon, der wieder einmal ein Lauf sein sollte, der neue Erfahrungen mit sich brachte.

Kurz vor 08:30 Uhr kam der Tross an Teilnehmerinnen und Teilnehmern gemeinsam zum Start gelaufen

Eine pochende Wunde, keine Blutung und entspannte 10 Kilometer

Ich ging bewusst langsam in den Lauf. Nachdem ich mich bei den ersten beiden Malen verlaufen hatte, waren Ankommen und ein Verzicht auf unnötige Extrakilometer das Ziel an diesem Tag. Ich reite mich in das Teilnehmerfeld ein und hörte gespannt in mich hinein, wie meine Wunde reagieren würde. Nach wenigen Metern begann die Stelle tatsächlich ein wenig zu pochen. Es war kein schmerzhaftes Gefühl, aber dennoch etwas beunruhigend, ob das Rennen nicht doch zu früh gewesen sein sollte. Doch bereits auf den ersten Kilometern beruhigte sich die Wunde wieder vollständig.

So lief ich die ersten Kilometer, ohne auf die Uhr zu schauen, und war gespannt, wie Muskeln und Ausdauer auf das Rennen reagieren würden. Die Tatsache, dass ich das Rennen bereits zweimal gelaufen war, stellte sich in diesem Zusammenhang als echter Vorteil heraus. Ich hatte nicht nur eine Vorstellung davon, was auf mich zukommen würde, sondern empfand auch eine gewisse Sicherheit, wenn man es so beschreiben möchte.

Die ersten 10 Kilometer vergingen wie im Flug. Ich war, wie geplant, recht langsam unterwegs und blieb guter Dinge, das Rennen in jedem Fall erfolgreich zu beenden.

Schlamm, Halteseile und eine veränderte Streckenführung

Der anspruchsvollere Teil des Rennens wartete damit aber noch auf mich. Der Ultra in Schwerin hat nicht umsonst den Namen Seentrail. Ein Großteil der Strecke führt am zweitgrößten Binnensee Deutschlands vorbei, was ein paar technisch anspruchsvolle Abschnitte beinhaltet. Insbesondere der Abschnitt zwischen Kilometer 10 und 20 machte mir nach dem starken Regen am Morgen ein wenig Sorgen.

Doch die Veranstalter hatten offenbar mitgedacht. An den besonders steilen Passagen waren in diesem Jahr Halteseile vorbereitet, die es zumindest vor drei Jahren nicht gegeben hatte. Ohne wäre das Bewältigen der Strecke auch schlichtweg nicht möglich gewesen, was nicht bedeutet, dass der Rest ein Spaziergang war. Immer wieder gab es Stellen, an denen kleinere Bäume als Halt dienen mussten, um nicht hoffnungslos von der Strecke zu rutschen.

Ich wusste, dass der gefährlichste Teil geschafft war. Die restliche Strecke würde zwar kein Selbstläufer werden, aber zumindest keine Stelle mehr bieten, an denen man Gefahr lief, abzustürzen. Zudem gab es eine kleine Erleichterung bei der Streckenführung. Während man früher kurz nach der technisch anspruchsvollen Stelle über ein Stoppelfeld geschickt wurde, ging es dieses Mal über befestigte Wege weiter.

Erste Schwächen auf halber Strecke

Trotzdem wurde das Rennen nun zunehmend langsamer, was in Anbetracht meines Trainingszustandes kein Wunder war. Bei etwa der halben Strecke holten mich zwei alte Laufrecken ein, mit denen ich ein paar Worte wechselte. Die Luft war da und so liefen wir einige Kilometer bis zur dritten Versorgungsstation zusammen. Obwohl die Pace zu diesem Zeitpunkt bei knapp 6 Minuten pro Kilometer lag, musste ich die beiden ziehen lassen. Meine Muskeln machten zunehmen zu und mein Magen rumorte ein wenig.

Die Appetitlosigkeit, welche fast schon an Übelkeit grenzte, sollte mich für den Rest des Rennens begleiten, sodass ich deutlich weniger Essen in mich hineinbekam, als es sinnvoll gewesen wäre. Die Muskeln wurden immer schwerer, aber ich versuchte so gut wie möglich auf Gehphasen zu verzichten, was mir den Großteil der Strecke auch gelang.

Die Schilder mit den dazugehörigen Sprüchen wusste ich bereits bei den ersten beiden Teilnahmen zu schätzen

Bei Kilometer 45 wartete der vorletzte Verpflegungspunkt, bis zu dem ich generell zufrieden mit dem Verlauf des Rennens war. Ab diesem Zeitpunkt wollten die Beine jedoch zunehmend nicht mehr, so wie ich.

Die längsten 16 Kilometer des Rennens

Es sollten die längsten 16 Kilometer an diesem Tag folgen. Auch wenn es mir weiterhin gelang, fast durchgehend eine Laufbewegung aufrechtzuerhalten, wurden die Beine immer fester und diverse Läuferinnen und Läufer holten mich ein. Doch die Wunde blutete nicht, der Puls blieb unter 170 Schlägen und ich war insgesamt zufrieden mit dem Verlauf des Rennens.

An der letzten Versorgungsstation traf ich wie schon in den Vorjahren einen alten Bekannten vom Ringen und wir wechselten ein paar Worte, bevor ich mich auf den letzten Abschnitt der Strecke machte. War der Ultra bis dahin von Radwegen oder anspruchsvollen Abschnitten am Ufer geprägt, ging es nun noch einmal über hügelige Wiesen, bevor die letzten drei Kilometer durch die Stadt führten.

Zieleinlauf Schweriner Seentrail 2024

Wie in einer Art Trance lief ich auch die letzten Kilometer und der Blick auf die Uhr machte mir deutlich, dass ich heute etwas über 7 Stunden benötigen würde. Doch ich hatte mich nicht verlaufen und sollte meinen ersten Ultra-Marathon nach zwei Jahren erfolgreich beenden. Erschöpft kam ich nach 7 h und 5 min durchs Ziel, um die 43. Medaille auf dieser Reise in 80 Marathons um die Welt einzusammeln.

Epilog

Der Schweriner Seentrail war auch bei meiner dritten Teilnahme ein schönes Erlebnis. In Anbetracht der Gesamtumstände war ich mit dem Rennverlauf absolut zufrieden. Natürlich wäre es schon gewesen, sechs Minuten schneller gelaufen zu sein, aber darauf kam es an diesem Tag nicht an. Wie sehr das Rennen mich nach den wenigen Trainingseinheiten in den vergangenen Wochen tatsächlich gefordert hatte, bekam ich schließlich am Folgetag zu spüren.

Meine Beine fühlten sich an, als ob ich auf diese die gesamte Nacht eingeprügelt hätte. Mein Puls sank im Schlaf kaum unter 70 Schläge und gemäß meinem Fitnesstracker hatte ich in den acht Stunden Schlaf fast keine echte Tiefschlafphase. So fühlte ich mich auch.

Schon lange war ich nach einem Rennen nicht so kaputt. Gleichzeitig war ich extrem froh, den Ultra-Marathon nach der Zahn-OP gelaufen zu sein und insbesondere mental wieder ein Stück stärker und um eine Erfahrung reicher geworden zu sein. Nun gilt es, sich ein paar Tage zu erholen, bevor es hoffentlich in ein erfolgreiches Laufjahr 2024 gehen wird.

Medaille Schweriner Seentrail 2024

Frank

3 Kommentar zu “10 Tage nach der Zahn-OP einen Ultra-Marathon laufen

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

zurück nach oben

Entdecke mehr von In 80 Marathons um die Welt

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen